Goldgräberstimmung an der Moldau

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„Dutzende von Projekten befinden sich in Tschechien im Bau oder in der Pipeline. Für potenzielle Investoren bieten sich in der ganzen Wertschöpfungskette Einstiegsmöglichkeiten“, sagt Miriam Neubert, Tschechien-Expertin für Germany Trade and Invest. Auch wenn die Förderung von Solarstrom Anfang dieses Jahrs um fünf Prozent gekürzt worden sei, seien die Tarife immer noch äußerst attraktiv, meint Arthur Braun. Er ist Wirtschaftsjurist der Kanzlei bpv Braun Haškovcová in Prag, die sich schon lange mit Photovoltaik in Tschechien beschäftigt. „Das Gesetz ist dem deutschen EEG sehr ähnlich. Und wie in Deutschland hat es jetzt auch hier mit leichter Verzögerung zu einem enormen Boom geführt.“

Entscheidend dafür ist die Einspeisevergütung, die immer noch sehr hoch ist – je nach Kronenkurs teilweise sogar erheblich höher als die Vergütung, die man in Deutschland bekommt. Laut Verordnung liegen die Garantien zurzeit bei 15 bis 20 Jahren. „Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Erzeugung erneuerbarer Energien also ein hoch interessanter Bereich“, so Braun. Für Strom aus Anlagen unter 30 Kilowatt Leistung werden dieses Jahr 12,25 Tschechische Kronen (48,7 Cent) pro Kilowattstunde gezahlt, alle größeren Solarkraftwerke erhalten 12,15 Kronen (48,3 Cent). Der grüne Bonus, so nennt man dort die Differenz zwischen dem Marktpreis für konventionellen Strom und dem Einspeisetarif für Solarstrom, würde entsprechend 11,28 Kronen (44,9 Cent) beziehungsweise 11,18 Kronen (44,6 Cent) betragen. Zwar gab es bereits 2002 einen Einspeisetarif in der Tschechischen Republik, der das Land damals zur Leuchtturmnation in Osteuropa erhob. Doch erst als die Regulierungsbehörde mit Sitz in Prag die Tarife Anfang 2008 anpasste und die Laufzeiten anhob, entstand ein System, das private und gewerbliche Investoren aus dem In- und Ausland gleichermaßen überzeugt.

„Durch die Verlängerung der Vergütung ist der tschechische Markt sowohl für Anlagenbetreiber als auch für die Hersteller sehr interessant geworden“, sagt Rudolf Schmidt, Verkaufsleiter für Mittel- und Südosteuropa bei der Schott Austria GmbH in Wien. Einer der größten Player auf dem tschechischen Markt ist immer noch Schott Solar aus Deutschland. Der Hersteller hat die Kapazitäten seiner Produktion 2008 auf 200 Megawatt erhöht. Als zweitgrößter Produzent folgt Kyocera Solar Europe. Zum Ende der schwarz-grünen Regierung des Ministerpräsidenten Mirek Topolánek im Frühjahr vergangenen Jahres zogen die

ersten Wolken am Himmel des tschechischen Solarmarktes auf. Mit dem Einsetzen einer Interimsregierung, die voraussichtlich bis zu den neuen Wahlen im Frühjahr die Geschicke des Landes leitet, änderte sich auch die Großwetterlage der Solarbranche. Bei der aktuellen Förderung handle es sich nicht mehr um eine „staatliche Existenzsicherung“ für die Marktteilnehmer, so Tomáš Bartovský, Sprecher des Ministeriums für Industrie und Handel (MPO). Vielmehr garantiere es Gewinne, ohne auf die Situation des Marktes einzugehen, womit er auf die gefallenen Preise für Module anspielt. Derzeit bestimmt die Energieregulierungsbehörde (ERÚ) jedes Jahr im November die Ankaufspreise für Strom aus erneuerbaren Energien. Dabei darf dieser für das folgende Jahr höchstens um fünf Prozent herabgesetzt werden.

Abneigung gegen Erneuerbare

Sinn dieser Regelung ist es, bei Projekten mit langer Vorbereitungszeit Planungssicherheit zu gewähren. „Dies könnte sich allerdings bald ändern“, meint Arthur Braun. Begleitet von einer starken Medienkampagne haben das Handelsministerium und die ERÚ einen Entwurf zur Änderung des Gesetzes vorgelegt, wonach die bestehende Beschränkung der Preissenkung auf fünf Prozent nur bei Anlagen erhalten bleiben soll, bei denen die Investitionsrückvergütung die Dauer von elf Jahren überschreitet. In allen anderen Fällen hätte die ERÚ Ermessensfreiheit bei der Bestimmung der Preise und könnte diese dann um mehr als fünf Prozent senken. Ziel des Vorstoßes sei es, die großen Unterschiede zwischen Ankaufspreisen für Strom aus einzelnen erneuerbaren Energien zu beseitigen. Bei Windenergie beispielsweise betrage der Ankaufspreis gerade mal 2,34 Kronen pro Kilowattstunde. Außerdem hat sich laut Bartovský die Photovoltaikbranche zu einem sehr lukrativen Geschäftsbereich entwickelt, so dass eine staatliche Förderung in der heutigen Form nicht mehr nötig sei.

„Die Regierung hat dieser Gesetzesänderung am 16. November 2009 zugestimmt“, so Braun. „Betroffen sein sollen allerdings nur Photovoltaikanlagen, die nach dem 1. Januar 2011 in Betrieb genommen werden, womit die allerschlimmsten Befürchtungen in der Branche genommen wurden. Projekte, die zu einem späteren Zeitpunkt ans Netz gehen, werden allerdings mit erheblichen Planungsunsicherheiten zu kämpfen haben, da erst im November 2010 klar sein wird, wie die Vergütung für 2011 ans Netz gehende Anlagen aussieht – angesichts der Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeiten ein erhebliches Risiko für Investoren.“ Bei einem solchen Szenario ist es verständlich, dass Marktteilnehmer versuchen werden, ihre Projekte noch vor Ende dieses Jahres an das tschechische Stromnetz anzuschließen. „Es ist zwar zu beobachten, dass das MPO und die großen Energieversorger eine deutliche Abneigung gegen erneuerbare Energien hegen“, sagt Braun. Dennoch ist er fest davon überzeugt, dass es auch unter der alten Regierung zu einer Gesetzesänderung gekommen wäre. „Der Photovoltaikboom in diesem Land ist sehr stark und überflügelt sogar den Boom in Deutschland. Wenn Sie auf der Autobahn von der deutschen Grenze nach Prag fahren, sehen Sie eine Großanlage nach der anderen.“ Und somit sei die Photovoltaikförderung für die Regierung schlichtweg zu teuer geworden. Er persönlich rechnet für 2011 mit einer Degression von 15 Prozent. „Der tschechische Markt wird weiter existieren, ein spanisches Schicksal droht der hiesigen Branche bestimmt nicht. Mit den fallenden Preisen wird der Markt auch weiterhin interessant bleiben. Nur die Zeit der Goldgräberstimmung geht zu Ende.“

Noch ein Jahr

Nach Angaben des tschechischen Photovoltaikverbands betrug die installierte Leistung bis Ende vergangenen Jahres 200 Megawatt. Ende 2008 waren es noch 54,29 Megawatt. Den Marktteilnehmern bleibt noch ein Jahr, um von den günstigen Konditionen zu profitieren. Zu Beginn des Booms wurden vor allem Projekte realisiert, deren Leistung im einstelligen Megawatt-Bereich lag. So hat die zum tschechischen Unternehmen S&M CZ gehörende Photovoltaikfirma Alt Energie im letzten Sommer mit dem Bau ihres ersten Solarkraftwerks in Rozstání begonnen. Gestartet wird mit zwei Megawatt, die später auf acht Megawatt erweitert werden sollen. Auch der Systemintegrator Photon Energy aus Prag gab Ende des letzten Jahres bekannt, dass er vier netzgekoppelte Solarkraftwerke in Tschechien fertiggestellt habe. Die Photovoltaik-Gesamtleistung dieser Anlagen betrage 2,55 Megawatt. Und im November 2009 brachte der deutsche Projektierer Antaris Solar seine zweite Anlage in der Tschechischen Republik mit einer Leistung von einem Megawatt ans Netz.

„Inzwischen mehren sich Meldungen über Freiflächenprojekte, die über zehn Megawatt hinausgehen“, beobachtet Miriam Neubert. So soll das Solarkraftwerk von Alt Energie in Rozstání auf zehn Megawatt ausgebaut werden. Ende 2009 ging in Tschechien die größte Freiflächenanlage des Landes ans Netz. Dabei handelt es sich um einen 13,66-Megawatt-Park, den die S.A.G. Solarstrom AG auf einem ehemaligen Militärgelände in Stribro im Bezirk Pilsen errichtete. Es ist nicht nur die größte Anlage des Landes, sondern auch die größte Anlage, welche die Solarstrom AG je realisierte. Das Investitionsvolumen des Projekts beläuft sich auf 60 Millionen Euro. „Wir arbeiten in Tschechien mit lokalen Partnern zusammen, die mit den notwendigen administrativen Schritten und örtlichen Genehmigungsverfahren seit Jahren vertraut sind. Bei diesem Projekt arbeiten wir beispielsweise mit unserem Partner Solarpower GmbH zusammen“, so Dr. Karl Kuhlmann, Vorstandsvorsitzender der S.A.G. Solarstrom AG. „So können wir hohe Planungssicherheit gewährleisten. Für uns gehört Tschechien neben Deutschland und Italien zu unseren Kernzielmärkten.“

Wichtiger Markt

Viel vorgenommen für 2010 hat sich das tschechische Unternehmen Nobility Solar Projects. Es will die von ihm bereits installierte Leistung bis Ende 2010 mehr als verdoppeln. „Seit 2008 haben wir in Tschechien Solarstromanlagen mit einer Gesamtleistung

von 18 Megawatt gebaut“, sagt Roman Kočí, kaufmännischer Leiter bei Nobility Solar Projects. „2010 werden es 40 Megawatt sein. Wir denken, dass sich der Markt in diesem Jahr sehr schnell entwickeln wird.“ Zu Nobilitys aktuellen Projekten zählen zahlreiche Großanlagen, so auch zwei 3,2-Megawatt-Systeme, die das Unternehmen im Juni und im November bei Brno rund 200 Kilometer südöstlich von Prag in Betrieb nahm. Die Wechselrichter für Nobility-Anlagen stammen von der Sputnik Engineering AG in der Schweiz, die an vielen Projekten in Tschechien beteiligt ist. „Tschechien ist für uns ein sehr wichtiger Markt“, sagt Sputniks Vertriebsleiter Daniel Freudiger.

Und auch der größte Hersteller von Wechselrichtern, SMA Solar Technology AG, ist sich der Bedeutung des Landes bewusst. Im April 2009 eröffnete das Unternehmen in Prag ein Büro. „Wir sind dort jetzt mit sieben Mitarbeitern vertreten“, sagt Jens Krug, Verkaufsdirektor bei SMA für Ost- und Mitteleuropa. Tschechien sei ein wichtiger Markt, auf dem es sich lohne, präsent zu sein. „Für 2010 erwarte ich, dass in dem Land Anlagen mit einer Kapazität von 400 Megawatt installiert werden, und ein Großteil der Wechselrichter für diese Anlagen wird von SMA stammen.“ Auch Unternehmen aus Fernost haben den tschechischen Markt für sich entdeckt. So einigten sich im Oktober 2009 die chinesische Firma CNPV Solar Power SA und der tschechische Projektentwickler Stand-By Europe auf eine langfristige strategische Partnerschaft. Wie die Unternehmen mitteilten, will CNPV den Projektierer bis Ende 2012 mit Modulen mit einer Leistung von 100 Megawatt beliefern. Und Anfang dieses Jahres teilten die beiden Unternehmen mit, dass Stand-By Europe bis Ende 2009 bereits 3,1 Megawatt der Module verbaute. Verteilt auf zwei Anlagen in Kosorín (2,0 Megawatt) und Malšice Čenkov (1,1 Megawatt), wobei sich das Investitionsvolumen der zwei Projekte auf 11.Millionen Euro belaufe.

Stolpersteine beachten

„Bei den meisten Projekten, die in Tschechien realisiert werden, handelt es sich um Großanlagen“, berichtet Arthur Braun. „Größere Anlagen auf Industriedächern zu installieren, ist dagegen weitaus schwieriger. Hier sind es meistens die Hausbanken der Besitzer der Industriegebäude, und sie stellen sich quer. Ihnen ist das Thema Photovoltaik oft noch fremd. Aber es wird nicht mehr lange dauern, bis solche Anlagen installiert werden“, so der Jurist. „Oft sind es ausländische Banken, die größere Solarprojekte in Tschechien finanzieren.“ Nachdem ein Kreditgeber gefunden ist, warnt Miriam Neubert, „können auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette Stolpersteine lauern, angefangen vom Grundstück bis hin zu angeblich unterschriftsreifen Projekten“.

Folgende Punkte seien zu beachten: „die Absicherung des Grundstücks mit einem Vorvertrag über Kauf oder Pacht, Sicherung des Zugangs zum Grundstück und der Wegerechte, schnelle Einholung der Stromeinspeisungszusage durch den Netzbetreiber, die nach einem halben Jahr verfällt und gegebenenfalls verlängert werden muss, die Erfüllung aller öffentlich-rechtlichen Genehmigungsvoraussetzungen, wozu je nach Fall ein Gebietsentscheid und eine Baugenehmigung gehören können, ebenso die Lizenz zur Energieerzeugung“. Der Zeit- und Verwaltungsaufwand der einzelnen Schritte dürfe auf keinen Fall unterschätzt werden. Die Umsetzung eines Projekts könne bei guten Voraussetzungen durchaus binnen zwölf bis 14 Monaten zu meistern sein. „Handelt es sich um Ackerboden, der zuvor noch aus dem landwirtschaftlichen Bodenfonds entnommen und umdefiniert werden muss, kann es aber wesentlich länger dauern.“ Auch wenn 2011 die Förderung von Solarstrom um zirka 15 Prozent sinkt, erwartet kein Marktteilnehmer den Einbruch des tschechischen Photovoltaikmarktes. Bis zum Jahr 2020 soll in der Tschechischen Republik der Anteil an erneuerbaren Energien 13 Prozent erreichen. Dieses Ziel wurde von der EU verbindlich festgelegt. „Ich glaube daher, dass auch nach 2011 eine Förderung weiter fortbestehen wird, auch wenn die Einspeisevergütung gesenkt wird“, so Karl Kuhlmann. Natürlich kommt es nach dem Goldrausch zu einer Beruhigung. Aber der Markt gleicht dann eher einem Schiff, das aus einer schnellen Strömung in ruhigeres Fahrwasser manövriert wird.

Derzeit übernimmt Tschechien in Sachen Photovoltaik noch eine Leuchtturmfunktion. Aber Experten rechnen damit, dass mit Slowenien das nächste osteuropäische Land einen Photovoltaikboom erwartet.

Tschechische Einspeisetarife für Solarenergie pro Kilowattstunde
vonbisLeistungTarif in CZK/Eurocentgrüne Boni in CZK/Eurocent
01.01.201031.12.2010bis 30 kW12,25/4711,28/43
01.01.201031.12.2010über 30 kW12,15/4611,18/42
01.01.200931.12.2009bis 30 kW12,89/4911,91/45
01.01.200931.12.2009über 30 kW12,78/4811,81/45
01.01.200831.12.200813,73/5312,75/48
01.01.200631.12.200714,08/5413,01/50
vor 1. Januar 20066,71/255,73/22
Quelle: Tschechische Energieregulierungsbehörde