Ein Plusenergiehaus für alle Fälle

Seit Anfang März geben sich Bürgermeister aus ganz Deutschland im Freiburger „Sonnenschiff“ die Klinke in die Hand. Das Sonnenschiff in der Merzhauser Straße ist das Dienstleistungszentrum des Solararchitekten Rolf Disch, der mit seinen Plusenergiehäusern weltweit Furore macht. Auch das 125 Meter lange Gebäude, das Läden, Büros, Institute und Wohnungen beherbergt, ist in Plusenergiebauweise errichtet. Durch seine energiesparende Bauart und fünf Photovoltaikdächer erzeugt es mehr Energie, als es verbraucht. Und so bekommen die häufig von weither angereisten Gäste gleich einen Eindruck dessen, was Disch ihnen schmackhaft machen will. „Das Plusenergiehaus in jede Gemeinde“ lautet der Titel der Klimaschutz-Kampagne, die er Ende Februar startete. Rund 10.000 Bürgermeister erhielten Post aus dem Sonnenschiff, eine Broschüre, in denen er das Solarhaus, das nun in Serie gehen soll, vorstellt. „200 Bürgermeister haben sich gemeldet“, sagt Rolf Disch nur sechs Wochen nach dem Start zufrieden. „Über 50 waren schon da, die nächsten sind angemeldet.“ Zufrieden ist Disch nicht nur mit der Resonanz auf seine Aussendung, sondern ebenso, weil er jetzt auch außerhalb der Region Freiburg Plusenergiehäuser bauen kann. „Wir bekamen immer wieder Anfragen aus der ganzen Republik, aber die meisten mussten wir ablehnen, weil es zu weit weg war“, bedauert er. Und so begann er zu überlegen: „Wenn es uns gelingt, ein Baukonzept zu entwickeln, bei dem wir Firmen mit ins Boot holen, die regional bauen, dann können wir überall anbieten.“ Ein halbes Jahr überarbeitete er mit seinem zehnköpfigen Team das Plusenergiehaus-Konzept, das bisher in rund 70 Projekten Anwendung fand. Jetzt ist die zweite Generation reif für den Massenmarkt.

Ziele kommunal umsetzen

An die Bürgermeister appelliert Disch, mit dem Plusenergiehaus ein Zeichen für den Klimaschutz zu setzen. „Die Gemeinden müssen vor Ort das umsetzen, was die EU und die Bundesregierung beschließen“, betont der Vorreiter des Bauens mit Photovoltaik. „Sie sind die uneingeschränkten Herrscher über die Bebauungspläne und entscheiden, wie Baugebiete genutzt werden.“ Das Plusenergiehaus könne ein Symbol für kommunales Umweltengagement sein, ein Anstoß für weitere Klimaschutzmaßnahmen oder ein Baustein in einem ganzheitlichen Nachhaltigkeitskonzept.

Das Baukastenprinzip, das Disch entwickelte, bietet Bürgermeistern und anderen Bauträgern größtmögliche Flexibilität. Je nach Budget, Zielsetzung und vorhandener Fläche können sie mit der kleinsten Einheit, einem 70 Quadratmeter großen Einraumhaus, beginnen. In der Broschüre zur Kampagne schlägt Disch vor, es zum Beispiel als Infopavillon für den Tourismus, die Umwelt- oder Energieberatung oder als Ausstellungsort zum Thema Energiewende zu nutzen. Wie Bauklötze können die Minihäuser zu einem Einfamilienhaus, einem Doppel- oder Reihenhaus erweitert werden. Doch Disch denkt noch weiter. Am Ende des Spektrums sieht er ganze Neubaugebiete in Städten und Dörfern, in denen nur Häuser zum Wohnen und Arbeiten stehen, die mit ihren blau schimmernden Solardä chern und Energieüberschuss Vorbildcharakter haben.

Solarsiedlung als Vorzeigeprojekt

Wie so eine Solarsiedlung aussehen kann, hat er selbst in Freiburg vorgemacht. Direkt neben dem Sonnenschiff stehen hier am Schlierberg 59 Plusenergiehäuser, allesamt Wohnhäuser, deren Dachflächen komplett mit Solarstrommodulen bestückt sind. Insgesamt erzeugen Photovoltaikanlagen mit einer Spitzenleistung von 450 Kilowatt umweltfreundlichen Strom. Neben der aktiven Nutzung der Solarenergie sind die Häuser, die in zehn Reihen stehen, nach klassischen Kriterien der Solararchitektur erbaut. Alle Gebäude sind nach Süden ausgerichtet, große Fenster- und Türenflächen an der Südfassade lassen viel Licht und Wärme ins Haus. Eine infrarotreflektierende Dreifachverglasung verhindert, dass die Wärme wieder entweicht. Ein Dachüberstand beugt Überhitzung im Sommer vor. Die gesamte Gebäudehülle ist wärmebrückenfrei gedämmt und dicht abgeschlossen.

Das Plusenergiehaus betrachtet Disch als Weiterentwicklung des Niedrigenergie- und des Passivhauses. Niedrigenergiehäuser verbrauchen seiner Meinung nach noch zu viel Energie (ein KfW-60-Haus beispielsweise darf bis 60 Kilowattstunden/Quadratmeter Primärenergie verbrauchen), auch Passivhäuser würden noch zu viel CO2

emittieren. „Passiv genügt nicht – wir können unsere Häuser solar aktivieren“, lautet ein Leitsatz von Rolf Disch. Darum strebt er eine zu 100 Prozent regenerative Energieversorgung, den emissionsfreien Betrieb und eine positive Energiebilanz an. Verbunden mit einem hohen Wohnkomfort, den er unter anderem durch baubiologisch einwandfreie Materialien gewährleisten will. Dazu gehört auch, dass Disch lieber mit Holz als mit Stein baut. Den Energiebedarf des Plusenergiehauses beziffert er mit umgerechnet einem Liter Heizöl pro Quadratmeter und Jahr für die Heizung. Hinzu kommen 40 bis 50 Prozent für die Erwärmung des Dusch- und Trinkwassers.

Solararchitekt seit 40 Jahren

Dass Rolf Disch sein Handwerk versteht, braucht er niemandem mehr zu beweisen. 1944 in Freiburg geboren, absolvierte er zunächst eine Maurer- und eine Schreinerlehre. Nach dem Ingenieurstudium (Bautechnik und Hochbau) gründete Disch 1969 sein Büro für Solararchitektur. „Ich habe mich immer schon für gesellschaftliche Probleme interessiert“, erklärt er sein frühes Engagement für energieeffizientes Bauen. Zusätzlich motivierte ihn der Kampf gegen ein in Wyhl am Kaiserstuhl geplantes Atomkraftwerk. „Es war das erste Atomkraftwerk weltweit, das durch Bürger verhindert wurde“, erinnert er sich an die 1970er Jahre. So stieß er zu dem Kreis von Solarpionieren, die durch ihr Engagement und durch die Firmen und Institute, die sie gründeten, Freiburg zur Keimzelle der Solartechnik in Deutschland machten. 1986 überraschte Disch auf der Landesgartenschau in Freiburg mit ersten Solartankstellen. Schon diese Pavillons hatten PV-Module auf den Dächern, aus denen Elektrofahrzeuge gespeist wurden. Für Schlagzeilen rund um den Globus sorgte er aber erst, als er 1994 in das so genannte „Heliotrop“ einzog. Zehn Jahre Planungs- und Entwicklungsarbeit waren in sein erstes Plusenergiehaus geflossen. Wie ein Baumhaus ruht das zylinderförmige Solarhaus von Disch auf einer Säule. Allerdings ist sein Sockel drehbar, so dass sich das Haus immer optimal zur Sonne ausrichten kann. Die nachgeführte PV-Anlage auf dem Dach erzeugt fünf- bis sechsmal mehr Strom, als im Gebäude verbraucht wird. Was ursprünglich als Experimentierhaus gedacht war, wurde seither zweimal nachgebaut. In Freiburg gehört es heute mit der Solarsiedlung am Schlierberg und dem Sonnenschiff zu den Hauptattraktionen, nicht nur für solarbegeisterte Besucher der Stadt im Breisgau. Seit 1979 nahm Rolf Disch knapp 30 internationale Auszeichnungen für verschiedene Projekte und sein gesamtes Schaffen entgegen.

Doch während das Heliotrop wohl immer eine Rarität in deutschen Landen bleiben wird, soll das Plusenergiehaus, das er in der Solarsiedlung erstmals in größeren Stückzahlen verwirklichte, Baustandard werden. Hierfür setzt Disch auf Vorfertigung und Standardisierung anstelle von teuren Einzelkomponenten. Kern eines jeden Plusenergiehauses ist eine „Power-Box“. Die Schaltzentrale beinhaltet die Solarstation und den Wärmespeicher, Wechselrichter, Elektroverteiler, Zähler sowie sämtliche Steuerungselemente. Zu dieser Zelle, die an der Nordseite des Hauses ihren Platz hat, gruppieren sich funktionale Elemente des Hauses wie Küche, Bad, Garderobe und der Eingang. Die lichtdurchfluteten Wohn- und Arbeitsräume werden um den Kern herum nach Osten, Süden und Westen gebaut.

Die einzelnen Komponenten sollen so weit wie möglich in Serie vorgefertigt und im Werk zusammengefügt werden. „Dadurch können wir eine wesentlich höhere Qualität zu günstigen Preisen liefern“, erläutert Rolf Disch. „Außerdem wollen wir immer die aktuell beste Technik einbauen.“ Hierfür plant er Rahmenverträge mit Herstellern aus der Gebäude- und Solartechnik. Bei seinen ersten Häusern verwendete er Module von Siemens, Telefunken, Solar-Fabrik, Schott Solar und Isofoton. Für die neue Generation der Plusenergiehäuser ist er auf keinen Hersteller festgelegt. „Eine hohe Qualität ist das Wichtigste“, betont Disch. Gleiches gilt für die Wechselrichter und andere Komponenten. Er kann sich auch vorstellen, Kombimodule zu verwenden, die Photovoltaik und Solarthermie vereinen. „Wenn ich zusätzlich zum Strom noch Wärme bekäme, und das bei hohen Wirkungsgraden, warum nicht“, sagt Disch. „Alles, was eine weitere Verbesserung ermöglicht, ist eine Option.“ Für die Warmwasserbereitung ist eine solarthermische Anlage eingeplant, die am oberen Ende des Daches in einem steileren Winkel montiert wird. Sie kann zum Beispiel mit einer Pelletsheizung oder einem Mini-Blockheizkraftwerk kombiniert werden.

„Lohnt sich sofort“

Die Photovoltaikanlage soll so groß wie möglich ausgelegt werden. Denn: „Sie ist ja auch wirtschaftlich interessant“, sagt Rolf Disch. Überhaupt meint er: „Spätestens seit dem Jahr 2000, seitdem das Erneuerbare-Energien-Gesetz eingeführt wurde, gibt es keinen Grund mehr, nicht mit Photovoltaik zu bauen.“ Interessenten legt er Beispielkalkulationen vor. Demnach kostet ein Plusenergiehaus mit 130 Quadratmeter Wohnfläche inklusive thermischer Anlage, Pelletsheizung, Wärmerückgewinnung und Dreifachverglasung schlüsselfertig rund 230.000 Euro. Die PV-Anlage ist darin nicht enthalten. Dem stellt er eine „Billigvariante“ gegenüber, die er, wie er sagt, niemals bauen würde. Als solches bezeichnet er ein Doppelhaus gleicher Größe, das zwar EnEV-Standard erfüllt, aber „auf die beste Außendämmung und die beste Verglasung“, eine Solarwärmeanlage, die „beste Restenergiebereitstellung“ und Lüftungsanlage verzichtet. Rechnet man noch die entfallene Bundesförderung und Zinsbegünstigungen durch die KfW hinzu, landet er bei 25.500 Euro niedrigeren Kosten für ein „Billighaus“. Das jährliche Plus bei seinem Haus beziffert er in einem Zeitraum von zehn Jahren hingegen mit knapp 6.000 Euro. Hier kalkuliert er unter anderem die Einsparung durch den minimalen Heizenergieverbrauch ein, eine Rücklage für energetische Verbesserungen sowie die Einspeisevergütung durch die PV-Anlage. „Für ein Plusenergiehaus muss ich zwar mehr Geld aufnehmen, aber es lohnt sich sofort“, wirbt der Unternehmer für sein Angebot und weist auf die „Nebeneinnahmen statt Nebenausgaben“ hin.

Bei Bürgermeister Fritz Link aus der Gemeinde Königsfeld im Schwarzwald hat Disch damit schon einmal Erfolg gehabt. In Königsfeld steht Umwelt- und Klimaschutz ganz oben auf der Agenda. Seit 1999 wurde die 200 Jahre alte Kommune bereits als Solar-Kommune, Energiesparkommune und Klimaschutzkommune geehrt. Jetzt will der Gemeinderat zusammen mit seinen Bürgerinnen und Bürgern ein ökologisches Modell-Baugebiet ins Leben rufen. „Das Grundstück ist ideal gelegen, an einem Waldhang mit Südlage“, erzählt Link. Hier will die Kommune mit 6.200 Einwohnern erstmals die Vorgaben des Wärmegesetzes des Landes Baden-Württemberg, das einen Anteil von 20 Prozent regenerativer Energie bei Neubauten vorschreibt, erfüllen. Platz ist für etwa 30 Bauplätze in der Siedlung. Ob dort dann auch wirklich Plusenergiehäuser gebaut werden, ist nicht sicher. „Es wird kein Monopolgeschäft“, sagt Bürgermeister Link. „Wir legen Wert auf moderne energetische Konzepte.“ Dass er in Rolf Disch den passenden Verbündeten für seine Klimaschutzziele gefunden hat, steht für ihn außer Frage: „Mit ihm haben wir einen guten Mann gewonnen. Das sieht man ja schon an der Solarsiedlung in Freiburg.“

www.plusenergiehaus.de

www.rolfdisch.de

www.solarsiedlung.de