aurivolt : Vom Zubau zur Infrastruktur: Warum die Energiewende jetzt erwachsen wird

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573 Stunden negative Strompreise im Jahr 2025. Allein im April 2026 weitere 123 Stunden. Am 1. Mai 2026 rutschte der Preis mittags auf minus 499 Euro pro Megawattstunde – wenige Stunden später war er wieder klar positiv.

Diese Zahlen sind kein technisches Detail. Sie sind ein Systemsignal: Erzeugung und Verbrauch passen zeitlich nicht mehr zusammen. Mittags zu viel, abends zu wenig. Deutschland baut Erneuerbare im Rekordtempo – und immer öfter entsteht der Strom genau dann, wenn ihn niemand braucht.

Das eigentliche Problem ist kein ideologisches

Als CEO eines Unternehmens, das dezentrale Batteriespeicher entwickelt und betreibt, beobachte ich diese Entwicklung aus einer sehr praktischen Perspektive. Und aus dieser Perspektive ist eines klar: Diese Schieflage hat nichts mit „zu viel“ Photovoltaik zu tun. Sie hat etwas mit Timing zu tun.

Je mehr volatile Erzeugung im System ist, desto wichtiger wird die Fähigkeit, Energie zeitlich, räumlich und marktlich zu verschieben. Das ist kein moralisches Problem. Es ist kein ideologisches Problem. Es ist ein Infrastrukturproblem.

Und genau dort beginnt die nächste Phase der Energiewende.

Flexibilität ist kein Nebenprodukt – sie ist das System

„Flexibilität“ klingt nach einem technischen Detail. Ist es aber nicht. Konkret bedeutet Flexibilität:

  • Strom aufnehmen zu können, wenn viel davon entsteht
  • Strom speichern zu können, wenn er nicht gebraucht wird
  • Strom bereitstellen zu können, wenn Nachfrage entsteht
  • Verbrauch so zu steuern, dass Lastspitzen nicht zum Netzproblem werden

Zur Flexibilität gehören Batteriespeicher, Netzanschlüsse und Übergabetechnik, digitale Steuerung und Lastmanagement – und nicht zuletzt das Kapital, das diese Infrastruktur überhaupt entstehen lässt.

Flexibilität ist deshalb kein Nebenprodukt der Energiewende. Sie ist der Unterschied zwischen Stromerzeugung und einem funktionierenden Energiesystem.

Wo die Debatte zu bequem wird

Die deutsche Energiedebatte feiert weiterhin Ausbauzahlen, Zubaukurven und Rekordwerte bei installierter Leistung. All das ist relevant – aber es erzählt nicht die ganze Geschichte.

Installierte Leistung ist noch keine Versorgungssicherheit. Zubau ist noch keine Systemintegration. Eine eindrucksvolle Ausbaukurve ersetzt keine Infrastruktur. Wer den nächsten Schritt nicht mitdenkt, baut kein Energiesystem – sondern eine Statistik.

Wer baut die Infrastruktur – und wer finanziert sie?

Ein Aspekt wird in der öffentlichen Debatte selten erwähnt, ist aber für die nächsten zehn Jahre entscheidend: Der klassische Netzausbau in Deutschland wird im Wesentlichen von Stadtwerken und Verteilnetzbetreibern geschultert. Sie nehmen dafür enorme Kredite auf – und einige davon stoßen längst an die Grenzen ihrer Bilanztragfähigkeit.

Beim Aufbau von Flexibilität ist das anders. Speicher, Batterieparks und dezentrale Schwarmspeicher werden überwiegend von privatem Kapital finanziert. Nicht allein vom oft zitierten kanadischen Pensionsfonds, sondern zunehmend auch von Family Offices, Stiftungen, vermögenden Privatinvestoren und institutionellen Anlegern.

Dieser Effekt ist erheblich: Wenn private Investoren Flexibilität bauen, übernehmen sie einen Teil dessen, was Netzbetreiber sonst allein schultern müssten. Das entlastet die Netze. Das entlastet die Stadtwerke. Es entlastet am Ende den Strompreis und den Steuerzahler.

Klimaschutz, das wird in dieser Phase besonders deutlich, braucht Kapital – nicht Kampagnen.

Ein neues Format: Das CEO-Briefing

Genau aus dieser Perspektive – praktisch, unternehmerisch, ohne politische Agenda – starte ich ab sofort ein regelmäßiges CEO-Briefing. Alle 14 Tage, kompakt, ohne Floskeln. – Als Podcast und als Blog.

Für alle, die im Energiemarkt unterwegs sind: Projektentwickler, Investoren, Entscheider in Stadtwerken, Industrieunternehmen und alle, die verstehen wollen, wo die Energiewende gerade wirklich steht – jenseits von Pressemitteilungen und Zubaustatistiken.

Die erste Folge „Vom Zubau zur Infrastruktur“ ist ab sofort verfügbar. Die nächsten Themen sind bereits in Vorbereitung: Netzanschlussknappheit, die Rolle von Speichern in der Netzstabilität, und warum Arbitrage kein Geschäftsmodell ist – sondern ein Systemdienst.

Die Phase der Symbolik ist vorbei

Natürlich ist PV-Zubau gut. Natürlich brauchen wir mehr Erneuerbare. Aber jede neue Anlage ist eben ein Baustein – kein fertiges System.

Die Energiewende wird in dieser Phase erwachsen. Sie verlässt die Phase der Symbolik und kommt in die Phase der Umsetzung. In dieser Phase zählen nicht mehr nur Ausbauziele, sondern die Frage, ob die Infrastruktur dahinter mitwächst.

Wenn Elektrifizierung praktisch funktionieren soll, müssen Erzeugung und Verbrauch, Märkte und Netze, Technik und Kapital zusammenkommen. Nicht irgendwann. Jetzt.


Über den Autor: Markus Baumann ist Gründer und CEO von aurivolt, einem Unternehmen für dezentrale Batteriespeicher-Infrastruktur mit Sitz in Löhne (NRW). Das CEO-Briefing erscheint alle 14 Tage.