Fünf Maßnahmen gegen hohe Netzkosten schlägt die Energietechnische Gesellschaft des VDE (VDE ETG) vor. Die steigenden Netzentgelte seien Ausdruck eines zunehmend beanspruchten Systems, das in vielen Bereichen noch nicht auf die Anforderungen eines weitgehend dekarbonisierten Energiesystems ausgelegt sei. Insbesondere die bisherigen Planungsgrundsätze, Betriebsweisen und Anschlusslogiken stießen angesichts wachsender dezentraler Erzeugung, neuer Lasten und steigender Flexibilitätsanforderungen an ihre Grenzen. Nach Einschätzung der VDE ETG handelt es sich dabei um ein strukturelles Problem der Energiewende. In einem aktuellen Impulspapier fordern Fachleute deshalb Anpassungen bei Planung, Betrieb und Regulierung der Netze.
Ziel der vorgeschlagenen Maßnahmen ist es, den Netzausbau gezielter zu steuern und effizienter zu gestalten. Neben klassischen Investitionen in Infrastruktur rückt das Impulspapier stärker die bessere Nutzung bestehender Netzkapazitäten in den Fokus. Technische, planerische und regulatorische Ansätze sollen dabei ineinandergreifen.
Auch die Planungsgrundlagen selbst stehen zur Debatte. Derzeit orientiert sich die Netzplanung häufig an theoretischen Extremszenarien, die nur selten eintreten. Das führt zu einer tendenziellen Überdimensionierung der Netze. Das Impulspapier empfiehlt stattdessen eine stärkere Ausrichtung an realen, Lastprofilen. Dadurch ließen sich Investitionen zielgerichteter einsetzen und unnötige Kosten vermeiden.
Ein zentraler Hebel ist die sogenannte kurative Netzführung. Dabei greifen Netzbetreiber im Betrieb situativ ein, um Engpässe kontrolliert zu managen. Solche Maßnahmen können nach Einschätzung der Autoren dazu beitragen, Ausbaukosten zu reduzieren oder zumindest zeitlich zu strecken. Voraussetzung ist allerdings, dass regulatorische Rahmenbedingungen angepasst und betriebliche Maßnahmen wirtschaftlich gleichwertig zum kapitalintensiven Netzausbau bewertet werden.
Ein weiterer Vorschlag betrifft flexiblere Anschlussregelungen. Seit 2023 können Netzbetreiber entsprechende Vereinbarungen mit Anschlussnehmern treffen. Diese ermöglichen es, Netzkapazitäten effizienter zu nutzen, indem beispielsweise Einspeise- oder Bezugsleistungen zeitweise begrenzt werden. Das Impulspapier sieht hier jedoch Entwicklungsbedarf. Insbesondere fehle es an Praxiserfahrungen und geeigneten Rahmenbedingungen für großflächige Anwendungen. Gefordert werden daher mehr Forschungsprojekte sowie regulatorische Experimentierräume.
Netz als Rahmenbedingung verstehen
Deutlich kritischer fällt die Analyse der bisherigen Logik beim Netzanschluss und der Standortwahl aus. Das Impulspapier stellt die grundlegende Annahme infrage, wonach Netzanschlussnehmende „alles jederzeit an jedem Ort“ realisieren können sollten, solange dies der Klimaneutralität dient. Dieses Paradigma habe dazu geführt, dass das Stromnetz vielfach nicht als begrenzende Infrastruktur, sondern als nachgelagertes Ergebnis individueller Investitionsentscheidungen verstanden werde.
Als Beispiel nennen die Autoren unter anderem eine erkennbare Überanreizung beim Zubau von Großbatteriespeichern. Standortentscheidungen orientierten sich bislang zu wenig an bestehenden Netzkapazitäten, obwohl gerade bei standortflexiblen Technologien erhebliche Kostenvorteile entstehen könnten, wenn sie gezielt dort errichtet werden, wo das Netz bereits ausreichend dimensioniert ist.
Das Papier plädiert daher für eine stärkere planerische Steuerung der Standortallokation. Analog zu Verkehrs- oder Schieneninfrastrukturen müsse auch im Stromsystem die vorhandene Netzstruktur als bindende Rahmenbedingung für Investitionsentscheidungen berücksichtigt werden. Eine solche Ausrichtung würde nach Einschätzung der Autoren keine Einschränkung, sondern eine wirtschaftliche Rationalisierung darstellen.
Insbesondere für Großbatteriespeicher, Freiflächen-Photovoltaikanlagen sowie für Elektrolyseure und Windenergieanlagen sehen die Autoren hier erhebliches Potenzial. Würden diese Anlagen systematisch an Standorten mit vorhandener Netzkapazität gebündelt, ließen sich die Gesamtkosten des Stromsystems deutlich reduzieren und zusätzlicher Netzausbau vermeiden oder zumindest verzögern.
Trotz der erwarteten weiteren Kostensteigerungen kommt das Impulspapier zu einem vorsichtig optimistischen Fazit. Der Anstieg der Netzkosten lasse sich mittel- und langfristig dämpfen, wenn Verteilnetze aktiver, digitaler und flexibler betrieben werden. Die dafür notwendigen Technologien seien bereits weitgehend verfügbar oder absehbar. Entscheidend sei nun, die regulatorischen und politischen Rahmenbedingungen entsprechend anzupassen.
Das Impulspapier lässt sich hier nachlesen.
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