Eine Branche am Scheidepunkt: Die Energiewende als Opfer ihres Erfolgs
Der Bundesverband Solarwirtschaft nennt die EEG-Novelle „gänzlich aus der Zeit gefallen“. Die größten deutschen Umweltverbände sprechen mit Blick auf die geplanten Reformen von einer „energiepolitischen Rolle rückwärts“. Sogar das „Manager Magazin“ zeigt Katherina Reiche auf dem Cover als “Die Fossile” und veröffentlicht eine Titelstory in dem sich Vattenfall, RWE und EnBW gemeinsam positionieren und das Netzpaket als “absurd” beklagen.
Vieles an dieser Kritik ist berechtigt. Doch eine entscheidende Entwicklung, geht in der aktuellen Debatte unter. Die Energiewende scheitert nicht an ihren Problemen, sie stößt an die Grenzen ihres bisherigen Erfolgs. Die erneuerbaren Energien sind längst vom Nischenprojekt zum tragenden Pfeiler der Stromversorgung geworden, deshalb verändern sich nun die Anforderungen an das System.
Realer Reformbedarf
Kraftwerksstrategie (StromVKG): Das im Mai vom Kabinett beschlossene Gesetz greift eine zentrale Systemfrage auf: Wie sichern wir die Stromversorgung in Dunkelflauten? Dass es gesicherte Kapazität braucht, ist breiter Konsens, streitig ist die Ausgestaltung. Das 10-Stunden-Kriterium bei 9 von 11 Gigawatt schließt Batteriespeicher faktisch aus, insbesondere durch die Vorgabe der Wiederverfügbarkeit innerhalb einer Stunde. Selbst das Bundeskartellamt rügt dies als nicht technologieoffen. Die EU-Kommission hatte ihre Freigabe an ein „wettbewerbliches und diskriminierungsfreies“ Design gebunden. Das Prinzip ist richtig, fraglich sind vor allem Umfang und Offenheit der Ausschreibungen.
Netzpaket: Adressiert wird ein reales Problem. Anlagenzubau und Netzausbau sind aus dem Takt, Engpässe und Redispatch-Kosten wachsen. Der Reformbedarf ist breit getragen, strittig ist die Ausgestaltung. In sogenannten kapazitätslimitierten Gebieten sollen neue Anlagen für bis zu zehn Jahre keine Entschädigung bei Abregelung erhalten. Damit tragen die Anlagenbetreiber das Risiko des stockenden Netzausbaus. Eine UBA-Berechnung sieht dadurch 40 Milliarden Euro zusätzliche EEG-Kosten, ein Rechtsgutachten des Bundesverbands Windenergie (BWE) warnt vor EU-rechtlichen Konflikten. Synchronisation ist überfällig, aber sie braucht Anreize, nicht nur Restriktionen.
EEG-Reform: Das EEG wurde 2000 konzipiert, um den flächendeckenden Ausbau erneuerbarer Energien anzustoßen, ein grundlegender Umbau ist also überfällig. Der Referentenentwurf vom 20. April setzt auf jährliche Freiflächen-Ausschreibungen von 14 Gigawatt geht jedoch an zentralen Stellen zulasten von Investitionssicherheit und Differenzierung. Die Abschaffung der festen Einspeisevergütung für kleine Dachanlagen würde den dezentralen Zubau bremsen, insbesondere da die Voraussetzungen für Direktvermarktung noch nicht geschaffen sind. Der Wegfall des Marktwertkorridors würde Mehrerlöse in Hochpreisphasen unmittelbar abschöpfen. Hinzu kommt die geplante Streichung der Agri-Photovoltaik-Förderung, die eine systemisch wichtige Doppelnutzung und eine relevante Einkommensquelle für Landwirte ausblendet und auch koalitionsintern umstritten ist.
Vom Pionierprojekt zum globalen Erfolg
Die Energiewende hat eine lange Entwicklung hinter sich. In den 1990er und frühen 2000er Jahren wurde der politische Förderrahmen aufgebaut, gefolgt von einer Phase der industriellen Skalierung. Mit großem Erfolg: Photovoltaik-Freiflächenanlagen und Onshore-Windparks sind in Deutschland mit 4,1 bis 9,2 Cent pro Kilowattstunde die günstigsten Kraftwerksarten überhaupt. Photovoltaik ist mit 2.800 Gigawatt installierter Leistung inzwischen die größte Stromerzeugungstechnologie der Welt, allein 2025 kamen 605 Gigawatt hinzu. In Deutschland stellten Erneuerbare bereits 2024 rund 60 Prozent der öffentlichen Nettostromerzeugung.
Damit beginnt die Phase der Systemintegration. Der Engpass liegt heute weniger in der Erzeugung als in der Flexibilität. Der Schwerpunkt verschiebt sich vom Erneuerbaren-Zubau zu Speicherausbau, flexiblen Verbrauchern, Netzdienlichkeit und Sektorenkopplung.
Was die nächste Phase gelingen lässt
Für den Eintritt in die nächste Phase braucht es Vorschläge, die politisch anschlussfähig sind, keine Maximalforderungen, sondern Stellschrauben innerhalb des bestehenden Reformrahmens.
Bei der EEG-Reform geht es um die Frage, wie Marktintegration ohne Investitionsbremse gelingt. Ein Marktwertkorridor mit Unter- und Obergrenze beim CfD-Mechanismus, der in Niedrigpreisphasen absichert und zugleich einen gewissen Spielraum an Mehrerlösen zulässt, wäre eine Antwort. Ebenso eine flexiblere Kombinationsmöglichkeit von CfD und PPA, die im aktuellen Entwurf nur als einmaliger Wechsel vorgesehen ist. Für kleine Dachanlagen wäre der Erhalt der Festvergütung sinnvoll, bis Direktvermarktung für sie tragfähig ist.
Im Netzpaket ist der Redispatch-Vorbehalt der größte Streitpunkt. Eine systemdienliche Anschlussleistung (SAL) wäre eine tragfähige Alternative. Sie definiert die Leistung, bis zu der eine Anlage garantiert einspeisen darf oder bei Abregelung kompensiert wird, darüber hinaus installierte Kapazität kann netzdienlich abgeregelt werden. Damit gewinnen Anlagenbetreiber Planbarkeit, Netzbetreiber reduzieren den Ausbaubedarf und das Einsparpotenzial bei Systemkosten liegt bei bis zu 80 Milliarden Euro. Netzoptimierte Ausschreibungen, Cable Pooling und Überbauungsrechte wären wirksame Ergänzungen.
Systemintegration gemeinsam gestalten
Die aktuellen Konflikte drehen sich nicht mehr um die Frage, ob erneuerbare Energien funktionieren. Diese Debatte ist entschieden. Die eigentliche Herausforderung besteht heute darin, ein Stromsystem zu gestalten, das mit ihrem Erfolg umgehen kann.
Aus dem Ausbauprojekt der vergangenen Jahrzehnte wird nun ein Integrationsprojekt. Ob diese nächste Phase gelingt, entscheidet sich nicht an der Frage, ob Reformen notwendig sind, sondern daran, wie gut wir sie gestalten.
— Der Autor David Wortman ist Gründer und Geschäftsführer der Strategie-, Kommunikations- und Politikberatung DWR eco, Host des Podcasts „Deep Dive CleanTech“ und Business Angel. —
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Kann man die typischen Speichererfordernisse nicht separieren? Der 24-Stunden Zyklus den man im Sommerhalbjahr sieht, für den ist doch der Batteriespeicher ideal (Überschuss von 11-16 Uhr, Defizit von 18-21 Uhr und von 6-9 Uhr oder so). Demhingegen gibt es Dunkelflauten oft im November. Da hilft kein Batteriespeicher. Alles logisch.
Das Einfachste ist doch dann in der gegenwärtigen Lage, die Kohlekraft zu erhalten mit der Maßgabe diese Kraftwerke in der Dunkelflaute zu nutzen. Letztlich laufen die dann noch 30 Tage im Jahr. Bzgl. CO2 sag ich da: so what! 20/80 Regel. Und der Einwand, Kohle ist nicht so flexibel regelbar wie Gas: Stimmt, aber dafür haben wir dann ja gewissermaßen als missing link eben die Batteriespeicher.
Würde einen Haufen Geld sparen, keine neuen Gaskraftwerke, keine Abhängigkeit vom LNG-Spotmarkt etc.
Leider wohl zu einfach und läuft halt nicht mit Gas. Und energiepolitisch geht es oft nicht nach Sinn, sondern nach Interessen.
Onshore-Windparks sind in Deutschland mit 4,1 bis 9,2 Cent pro Kilowattstunde die günstigsten Kraftwerksarten überhaupt
Sieht Boris Palmer aus Tübingen anders:
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer fürchtet das Aus der geplanten Anlage im Rammert, wenn sich an den aktuellen Rahmenbedingungen für die Vergabe nach Ausschreibungen nicht rasch etwas ändert.