Der Schweizer Übertragungsnetzbetreiber Swissgrid hat kürzlich ein Whitepaper „Systemverträgliche Integration Photovoltaik“ veröffentlicht. Es geht darum, wie das Land seine angestrebten 40 Gigawatt installierter Photovoltaik-Leistung bis 2050 integrieren könnte. Ausgangspunkt sind bei die rund 9,62 Gigawatt, die bis Ende vergangenen Jahres bereits installiert waren.
In der Schweiz speisen mehr als 300.000 Photovoltaik-Anlagen Solarstrom ein, die meisten davon sind kleinere Dachanlagen. Zwar ist derzeit keine dieser Anlagen direkt an das Übertragungsnetz von Swissgrid angeschlossen, doch betont der Netzbetreiber, dass der künftige Photovoltaik-Ausbau in der Schweiz auf allen Netzebenen systemverträglich erfolgen müsse, um jederzeit einen sicheren und zuverlässigen Betrieb des Übertragungsnetzes zu gewährleisten.
Das Whitepaper, das in Zusammenarbeit mit Experten aus dem Schweizer Energiesektor entstanden ist, kommt zu dem Schluss, dass die Integration von bis zu 40 Gigawatt Photovoltaik-Leistung mit den heutigen Prozessen und Rahmenbedingungen „kaum vorstellbar“ ist. Nur ein konsequentes Zusammenspiel von Regulierung, Marktsignalen, Anreizen und Prozessen könne die angestrebte Integration ermöglichen.
Christof Bucher, Professor für Photovoltaik-Systeme an der Berner Fachhochschule und einer der am Whitepaper beteiligten Experten, erklärte auf Anfrage von pv magazine, dass die Integration von Solarstrom weitreichende Reformen des Schweizer Energiesystems erfordere. „Es wird nicht ausreichen, einfach zwei oder drei neue Marktprodukte für Regelenergie zu entwickeln“, sagte er. „Das gesamte System muss überarbeitet werden.“
Zu den zentralen Maßnahmen, die im Papier genannt werden, gehört die Schaffung von Rahmenbedingungen für neue Technologien und dezentrale Systeme sowie einheitliche Vorgaben für Photovoltaik-Anlagen hinsichtlich ihres Verhaltens bei Kommunikationsunterbrüchen, Netzausfällen und im Bereich der Cybersicherheit.
Zudem fordert das Whitepaper eine Reduzierung der Netzanschlussleistung von Solaranlagen. Ein Netz, das auf 100 Prozent der installierten Photovoltaik-Leistung ausgelegt ist, sei „weder technisch noch wirtschaftlich sinnvoll“. Stattdessen wird vorgeschlagen, die Anschlussleistung um bis zu 50 Prozent zu reduzieren. Swissgrid berechnet, dass dadurch über das Jahr hinweg rund 15 Prozent der Energie nicht ins Netz eingespeist würden. Anlagenbetreiber könnten diesen Strom jedoch selbst verbrauchen oder speichern. Damit würden bestehende Prioritäten bei der maximalen Einspeisung ersetzt.
Bucher erklärte, dass Solarstrom derzeit eine Einspeisepriorität genieße, was den Markt verzerrt und zu Instabilitäten führe – von hoher Volatilität bis hin zu Marktsättigung. „Die Schwierigkeit für den Gesetzgeber wird darin bestehen, diesen Einspeisevorrang abzuschaffen, ohne die Wirtschaftlichkeit und damit den Ausbau der Photovoltaik zu gefährden“, so Bucher.
Weitere Vorschläge des Whitepapers sind der Verzicht auf finanzielle Anreize für die Einspeisung von Strom bei negativen Preisen, eine stärkere Ausrichtung auf den Ausbau von Kapazitäten statt auf die Maximierung des Jahresertrags – um insbesondere in den kalten und winterlichen Monaten einen relevanten Beitrag zur Versorgung zu leisten – sowie eine verpflichtende Nutzung von Flexibilitätsdienstleistungen. Diese sollen durch die Integration von Speichern, flexiblem Verbrauch und intelligentem Energie- und Lastmanagement die Wirtschaftlichkeit von Photovoltaik-Anlagen sichern.
Bucher betonte, dass Batteriespeicher eine Schlüsselrolle dabei spielen werden, die Auswirkungen der Solarenergie auf das Energiesystem abzufedern, und dass diese in großem Maßstab dezentral installiert würden.
„Einmal gebaut, können sie flexibel für viele andere Zwecke genutzt werden. Ich gehe davon aus, dass viele vermeintliche Goldgruben wie etwa die Regelenergiemärkte an Bedeutung verlieren werden, weil Batteriespeicher sich dort gegenseitig unterbieten“, erklärte Bucher. „Das ist aber in Ordnung und wird langfristig zu stabilen, gut funktionierenden Märkten mit geringerer Volatilität führen als heute.“ Zudem erläuterte Bucher, dass Speicher das Produktionsprofil der Photovoltaik direkt beeinflussen werden. Derzeit liege der Anteil bei etwa 15 bis 20 Prozent im Energiesystem, müsse jedoch eher in Richtung 50 Prozent steigen.
Das Whitepaper weist außerdem darauf hin, wie wichtig es sei, Maßnahmen mit langfristigen Auswirkungen zu priorisieren, die nur schwer oder mit hohen Kosten korrigiert werden können – etwa die Festlegung von Standards und Systemanforderungen.
„Einmal installierte Photovoltaik-Anlagen lassen sich nachträglich nur mit hohem Aufwand anpassen – einschließlich schwieriger Diskussionen über Kostenaufteilung und Übergangsfristen“, heißt es im Papier. „Da heute installierte Systeme zwanzig Jahre oder länger am Netz bleiben, darf keine Zeit bei der Definition der notwendigen Anschlussbedingungen und Anforderungen verloren gehen.“
Nach Aussage von Bucher wird an fast allen im Whitepaper genannten Punkten bereits gearbeitet. „Allerdings werden Arbeiten an sehr unterschiedlichen Themen wie Förderinstrumenten und Regelenergiemärkten selten aufeinander abgestimmt. Das Whitepaper soll hier als koordinierende Kraft wirken“, erklärte er. „Es sagt zum Beispiel einer Arbeitsgruppe von Verteilnetzbetreibern: ‚Was ihr macht, ist hervorragend und wichtig, aber bitte bedenkt, dass es diese und jene Nebenwirkungen hat. Diese müsst ihr abfedern.‘“
Auf die Frage von pv magazine, ob das regulatorische Umfeld in der Schweiz angepasst werden müsse, um die vorgeschlagenen Maßnahmen umzusetzen, antwortete Bucher, dass Verteilnetzbetreiber viele der notwendigen Schritte bereits heute einführen könnten – ihnen dafür aber die Anreize fehlten.
„Gesetzliche Änderungen könnten sie dazu verpflichten“, so Bucher. „Zudem sehe ich Änderungsbedarf in den Regelenergiemärkten, die heute noch auf große, wetterunabhängige Kraftwerke optimiert sind. Die Markteintrittsbarrieren für Prosumer sind zu hoch. Diese Änderungen erfordern jedoch nicht zwingend regulatorische Anpassungen.“
Dieser Inhalt ist urheberrechtlich geschützt und darf nicht kopiert werden. Wenn Sie mit uns kooperieren und Inhalte von uns teilweise nutzen wollen, nehmen Sie bitte Kontakt auf: redaktion@pv-magazine.com.







15% *Verlust* bei einer Einspeisebegrenzung auf 50% ist doch ein hübscher Wert den man sich merken sollte.
Der Artikel wird bald hinfällig sein, da die 40GW nie ans Netz gehen werden. Der Rückhalt in unserer Bevölkerung schwindet immer mehr. Der Ausbau der Pv Anlagen geht jetzt schon zurück und der Trend zu kleinen Eigenverbrauchsanlagen beschleunigt sich, da sich alles andere nicht rechnet(10kwp mit Speicher kostet gute 40 tausend Franken). Die 118 Milliarden Franken für Netzausbau werden das Fass zum überlaufen bringen und wir bauen für das Geld lieber 4 AKW. Das ist bei weitem günstiger und bringt Unabhängigkeit. grüsse aus der Schweiz
Das es sich nicht ht lohnt eine 10-12 Kopie Anlage zu installieren stimmt nicht.
Ich besitze ein elektrofahrzeug mit welchem ich etwa 25000 km mache.
Die Anlage ist nach etwa 10 Jahren amortisiert.
Wenn man due subventionieren dazurechnet inkl. Steuerersparnis, geht es noch schneller.
Meine Anlage kostete etwa 40000 inkl. 10kw Batterie und 12kwp.
Winston, schau mal über den Tellerrand:
„Schweizer Nutzer aus r/Balkonkraftwerk und Solarplattform.ch berichten über ihre realen Einsparungen:
„Mein 600 Wp System (Südbalkon, Zürich) hat 2024 genau 612 kWh produziert. Bei 0,32 CHF/kWh sind das 196 CHF Ersparnis. Investition war 650 CHF → Amortisation in 3,3 Jahren.“
— u/solarZH2024, Reddit r/Balkonkraftwerk“
Übrigens, ein AKW amortisiert sich nie, die Folgekosten werden lediglich auf Andere abgewälzt.
++„Mein 600 Wp System (Südbalkon, Zürich) hat 2024 genau 612 kWh produziert. Bei 0,32 CHF/kWh sind das 196 CHF Ersparnis. Investition war 650 CHF → Amortisation in 3,3 Jahren.“++
Wieder so ne Milchmädchenrechnung, die nicht gerade von Intelligenz zeugt. Die Ersparnis kann nur so hoch sein, wenn auch der gesamte produzierte Strom selbst verbraucht wird, was va im Sommer selten der Fall ist. Oder hat der Kerl eine Klimaanlage oder Batterie, die ständig mehr als 600 Watt ziehen? Weiter ist der Strompreis in Zürich im EKZ-Gebiet (saisonabhängige Tarife!) gerade im Sommer drastisch gefallen.
Trotzdem: Balkonanlagen amortisieren sich in unter 15 Jahren gut, grössere Anlagen lohnen sich nur, wenn auch der Verbrauch entsprechend hoch ist (Wärmepumpen, Elektroautos, Klimaanlagen, allgemein verschwenderischer Lebensstil). Und wichtig: das EKZ vergütet den eingespeisten/nicht selbst verbrauchten Strom je nach Saison mit ein paar Rappen im einstelligen Bereich. Allerdings nur, wenn die Anlage auch eingetragen ist…. Macht nicht viel aus. Bei mir unter 10 Franken im Jahr.
„„Die Schwierigkeit für den Gesetzgeber wird darin bestehen, diesen Einspeisevorrang abzuschaffen, ohne die Wirtschaftlichkeit und damit den Ausbau der Photovoltaik zu gefährden“, so Bucher.“
Wem soll denn dann der Einspeisevorrang gewährt werden? Gas, wie in anderen Ländern?
„Nach Assage[sic] von Bucher wird an fast allen im Whitepaper genannten Punkten bereits gearbeitet.“
Na da bin ich ja gespannt.
Einspeisevorrang abschaffen bedeutet nur das bei Abregelung keine *Entschädigung* gezahlt werden muss.
Ansonsten ist es einfach – wer einen Abnehmer für seinen Strom findet darf einspeisen.
Wie wäre es erst mal damit, die „negativen Preise“ an die Verbraucher weiter zu geben? Um Anreize zu setzen, dass die zu diesen Zeiten mehr verbrauchen? Das ganze „Whitepaper“ liest sich wie der Versuch einer Lobby, ihre Monopolstellung zu sichern, wo kleine, dezentrale Anlagen nur stören und bekämpft werden müssen, um die Gewinne der Grossen fest zu halten.