„Eine Kostenexplosion im Verteilnetz gibt es nicht“

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Der Umbau der Verteilnetze für den Anschluss von immer mehr Photovoltaik und Windkraft, Batteriespeichern, Wallboxen und Wärmepumpen ist zu teuer, Erneuerbaren-Ausbau und Stromeinspeisung müssen gedrosselt werden. Dieser nicht nur von der Bundesregierung verfolgten Prämisse tritt der Energieexperte Tim Meyer in einer am Montag vorgestellten Studie entgegen. Er untersuchte „Kostensenkungspotenziale im Verteilnetz“, also auf den zurzeit rund 1,9 Millionen Leitungskilometern von der Niederspannungs- bis zur Hochspannungsebene. Dieser Teil des Stromnetzes, an den auch nahezu alle Photovoltaik- sowie die allermeisten Windkraftanlagen und Batteriegroßspeicher angeschlossen sind, macht der Studie zufolge mehr als 60 Prozent der gesamten Systemkosten im Stromsektor aus und das mit steigender Tendenz.

Dass die Ertüchtigung für die Energiewende und die damit einhergehende Elektrifizierung teuer wird, stellt die Studie nicht infrage. Sehr wohl aber, dass die Systemkosten von heute veranschlagten jährlich 30 Milliarden Euro pro Jahr bis 2045 auf 70 Milliarden Euro steigen müssen – diese Zahlen aus einer 2024 vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) bei den Forschungsunternehmen Frontier Economics und Consentec in Auftrag gegebenen Untersuchung bilden die Basis für Meyers Abschätzungen.

17 Prozent Einsparpotenzial

Er hat in seiner rund 50 Seiten umfassenden Ausarbeitung ein Einsparpotenzial von rund 17 Prozent identifiziert. Schon heute könnten demnach 5 Milliarden Euro jährlich eingespart werden, bis 2045 würde der Betrag sich auf 12,4 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen. Es ist kein Zufall, dass bei der Vorstellung der Studie auch der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) mit von der Partie war. Zwar hat der Verband die Studie nicht in Auftrag gegeben oder finanziert – dies hat die European Climate Foundation getan, für den Inhalt zeichnet aber allein Meyer mit seinem Unternehmen 3Epunkt verantwortlich. Der BNE unterstützt die Studie aber nach eigenem Bekunden inhaltlich, weil sie „viele Dinge, die wir seit 20 Jahren behandeln“ darlegt, wie Geschäftsführer Robert Busch bei der Präsentation erklärte.

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Die Studie benennt drei wichtige Hebel zur Kostensenkung: Auslastung, Effizienz und Eigenkapitalrendite.

Grafik: 3Epunkt, Tim Meyer

Im Wesentlichen lassen sich die Empfehlungen der Studie in drei Punkten zusammenfassen: Netzauslastung steigern, Organisation effizienter machen und Eigenkapitalrenditen der Netzbetreiber reduzieren.

Zum Thema Netzauslastung legte Meyer dar, dass heute ein typischer Einfamilienhaus-Netzanschluss mitunter nur zu einem Prozent genutzt wird, der Anschluss eines typischen Solarparks zu rund zehn Prozent. Derlei sei kaum vermeidbar gewesen, solange es keinerlei Flexibilisierungsmöglichkeiten gab. „Schlimm ist es aber, wenn man sich gar nicht darum kümmert, das zu verbessern.“ Dazu gebe es heute schließlich reichlich Möglichkeiten. Flexible Erzeuger und Lasten ließen sich durch Preisanreize nutzen, diese Anreize aber könnten nur in einem digitalisierten Netz eingesetzt werden. Durch Digitalisierung und Flexibilisierung ließen sich mit Bezug auf 2045 jährlich rund sieben Milliarden Euro einsparen.

Politisch unbequem

Der zweit große Hebel, die effizientere Organisation, betrifft Meyer zufolge vor allem Standardisierungen aller Art: von den technischen Anschlussbedingungen über Spezifikationen von Komponenten wie etwa Trafos bis hin zu Arbeitsabläufen. Mit anderen Worten: Dass 851 Netzbetreiber nach je eigenem Gusto vor sich hin wirtschaften, ist eine ungeheure Geldverschwendung, die Meyer mit Bezug auf 2045 auf jährlich 3,1 Milliarden Euro taxiert. Hieran etwas zu ändern und die oft in kommunaler Beteiligung befindlichen Unternehmen auf allgemeingültige Standards zu verpflichten sei natürlich „politisch sehr unbequem. Deshalb wird es nicht angepackt.“

Auch der dritte wesentliche Punkt ist einer, gegen den es reichlich politischen Gegenwind gibt. Die 3Epunkt-Studie schließt sich der nicht nur vom BNE immer wieder vertretenen Klage an, die Eigenkapitalrenditen der Netzbetreiber seien viel zu hoch. Meyer macht vor allem die Unterschiede zwischen kalkulatorischer und realer Rendite hierfür verantwortlich und den Umstand, dass die Netzbetreiber sich Geld aufgrund der geringen Risiken – sie haben in ihren Gebieten schließlich das Monopol – viel günstiger beschaffen können als für die Berechnungen angegeben. Für seine Studie habe er rund 8 Prozent als angemessen angesetzt, tatsächlich würden aber bis zu 24 Prozent Eigenkapitalrendite erzielt. Dies abzustellen, brächte im Jahr 2045 weitere 2,3 Milliarden Euro Einsparung.

Als sehr wichtigen Punkt nennt die Studie zudem auch die Verbreiterung der Bemessungsgrundlage bei der Umlage von Netzkosten. Eigenverbrauch und Industrieprivilegien müssten hier stärker berücksichtigt werden – damit ließen sich die Kosten nicht senken, aber gerechter verteilen, was ebenfalls zentral sei. Denn in einem Punkt, so Meyer bei der Vorstellung seiner Studie, gerate die Debatte immer wieder in Schieflage: Angesichts der vielfältigen Aufgaben und vor allem auch der steigenden Strommengen, für die das Netz umgerüstet werden muss, sei ein hoher finanzieller Aufwand gerechtfertigt. Dafür gebe es am Ende aber auch ein viel leistungsfähigeres Netz, und deshalb sei ein in der Diskussion immer wieder zu hörendes Schlagwort fehl am Platz: „Eine Kostenexplosion im Verteilnetz gibt es nicht.“

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