Esforin testet Einsatz von KI in der Flexibilitätsvermarktung

Photovoltaik-Anlage, Strommasten, Leistungen, dunkle Wolken, Sonnenstrahlen

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Steuert eine künstliche Intelligenz bald das Handelsgeschehen an der Strombörse? Noch nicht ganz – aber einen ersten Schritt in diese Richtung macht jetzt der Flexibilitätsvermarkter Esforin. Gemeinsam mit dem KI-Startup 1Alpha, einer Ausgründung von Professor Alois Knoll, der an der Technischen Universität München den Lehrstuhl für Robotik, künstliche Intelligenz und Echtzeitsysteme hält, untersucht das Unternehmen neue Datenquellen, um Preisbewegungen früher zu erkennen. Der Pilot läuft seit Oktober. Die KI liefert Prognosen, gehandelt wird auf deren Grundlage im begrenzten Testbetrieb und weiterhin kontrolliert durch Menschen.

Im Kern geht es darum, durch den Einsatz von KI bessere und schnellere Handelssignale für Anomalien und Preisbewegungen zu erhalten. Bisher fokussieren sich die Algorithmen auf das Preisgeschehen innerhalb der nächsten 24 Stunden. So weit reicht der Day-Ahead-Preis in die Zukunft. Wenn man aber die Preisentwicklung einigermaßen verlässlich für die nächsten drei oder gar fünf Tage abschätzen könnte, ließen sich auf diesem Weg vielleicht höhere Gewinne erzielen. Gerade bei großen Handelsvolumina können bereits wenige Prozentpunkte Unterschied wirtschaftlich relevant sein.

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Algorithmen im Stromhandel gehören schon jetzt gewissermaßen zum Standard. Entscheidend für den Erfolg einer durch den Algorithmus berechneten Handelsstrategie ist dabei die Qualität der Prognosen, mit der sich die Preisentwicklung an Märkten wie Day-Ahead oder kontinuierlichem Intraday vorhersagen lässt und auf die die Berechnung fundieren. Genau hier setzt die Kooperation an.

Das KI-Modell von 1Alpha soll helfen, Muster in den Daten zu finden, die bislang zu aufwendig oder zu unübersichtlich waren, um sie systematisch in Handelsstrategien einzubinden. Ziel ist eine robustere Vorhersage von Ereignissen, die sich nicht unmittelbar aus klassischen Energiemarktdaten ablesen lassen. Neben etablierten Marktsignalen wie Wetterdaten oder Anlagenverfügbarkeiten rücken deshalb auch zusätzliche Informationen wie zum Beispiel jene aus sozialen Netzwerken in den Fokus. „Wenn zum Beispiel Wartungen an relevanter Gasinfrastruktur in Norwegen angekündigt werden oder wichtige geopolitische Entscheidungen anstehen, wirkt sich das je nach Art der Berichterstattung direkt auf die Gaspreise aus – und infolgedessen auch auf die Strompreise“, sagt Esforin-CEO und Mitgründer Chistian Hövelhaus. Die KI von 1Alpha soll solche Ereignisse schneller erfassen, einordnen und ihre mögliche Marktwirkung bewerten.

Human-in-the-Loop

Im aktuellen Set-up gibt Esforin Daten in die Kooperation. Die Auswertung erfolgt im Forschungsumfeld der TU München und bei 1Alpha. Anschließend gehen Ergebnisse und Modelle zurück an Esforin. Dort werden die Handelsempfehlungen als Signale an Esforin zurückgespielt. Menschen bleiben Teil der Entscheidungskette und führen Handelsaktionen auf Empfehlung der KI aus. Danach vergleichen sie Erwartungen und realisierte Ergebnisse und geben Feedback zurück an die KI-Forscher.

Auch bei einem weiteren Fortschritt der KI-Entwicklung werden Menschen nach Einschätzung der Beteiligten noch lange mitentscheiden. Knoll sieht, wie beim Menschen auch, das Risiko von Fehlentscheidungen, etwa durch das bekannte Phänomen der Halluzinationen. Esforin hat dafür bereits Absicherungen integriert. Das seien operative Limits, ähnlich einem Überweisungslimit bei der Bank, mehrstufige Freigaben gerade bei außerordentlichen Marktereignissen, oder mehrere unabhängige Modelle, die parallel laufen – gewissermaßen ein Mehr-Augen-Prinzip für die KI.

Für Esforin ist die Kooperation mehr als ein reines Forschungsprojekt. „Ich glaube, der zunehmende KI-Einsatz wird die Energiewirtschaft im operativen Bereich revolutionieren“, sagt Hövelhaus. Ziel sei es, Prognosen im Flexibilitätshandel zu beschleunigen, zu verbessern und die Mustererkennung systematisch in die Handelsprozesse zu integrieren. „Je smarter wir Angebot und Nachfrage mit KI steuern, desto weniger rohstoffabhängig sind wir“, so Hövelhaus.

KI „Made in Europe“ für kritische Infrastruktur

Souveränität soll in dem Projekt nicht nur hinsichtlich von Rohstoffimporten verbessert werden, sondern muss auch bei der Steuerungssoftware berücksichtigt werden. Stromhandel und Flexibilitätssteuerung berühren kritische Infrastruktur und damit die Frage, wie abhängig man sich in diesem Bereich von US-amerikanischen oder chinesischen KI-Anbietern machen will. Die KI von 1Alpha macht einen Schritt in Richtung Software-Souveränität, da sie in Deutschland entwickelt wurde. Knoll betont, dass alle Voraussetzungen in Europa vorhanden seien: „Wir haben die Daten, wir haben das Wissen und wir haben Unternehmen, die das direkt anwenden können.“ Alles, was für KI nötig sei, könne grundsätzlich im eigenen Land geleistet werden, ergänzt er. „Es braucht dafür keine Rohstoffe, sondern vor allem den Willen, entsprechende Systeme selbst aufzubauen und weiterzuentwickeln.“ Die Anwendung eines in Deutschland entwickelten KI-Modells in einem kommerziellen Rahmen sieht er als Chance, Pionierarbeit zu leisten und in den KI-Markt einzusteigen. Die Dienstleistung hält er prinzipiell auch in weiteren Wirtschaftsbereichen und Märkten einsetzbar.

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