CCS: Nicht Klimaschutz, sondern Überlebensstrategie für die fossile Energiewirtschaft

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Hermann Scheer, der Vordenker und bedeutendste Initiator der Energiewende hat in seinem letzten und zusammenfassenden Werk „Der energethische Imperativ“ den derzeitigen Stand des Energiewechsels als „Hybridphase“ bezeichnet. Wie bei Fahrzeugen, in denen ein Elektromotor und ein Verbrenner nebeneinander existieren, verhält es sich in der Energiewirtschaft. Einen bedeutenden Anteil haben die erneuerbaren Energien errungen, das alte Regime der fossilen und atomaren Erzeugung besteht aber fort – und kämpft verbissen um ein längerfristiges Überleben.

Hybrid ist auch das Regierungshandeln: Förderung gibt es für beide Seiten – allerdings in höchst ungleicher Verteilung. Die – meist zur Genügsamkeit neigenden – Akteure der erneuerbaren Energien werden durch ein paar Lockerungen des bürokratischen Korsetts zufrieden gestellt, dem LNG und weiteren Erdgasprodukten wird der rote Teppich ausgerollt.

Dass die Ampel-Koalition den LNG- und Erdgas-Hype organisierte, obwohl die durch den Ukraine-Krieg verursachte Energiekrise Steilvorlage für einen beispiellos beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren gewesen wäre, ist ein großer Erfolg für die fossile Energiewirtschaft.

Aufgabe einer Regierung wäre ja die Sicherung des Allgemeinwohls – zumal im aktuellen historischen Moment, wo es angesichts des Klimawandels um das schiere Überleben der Spezies geht. Der Ampel ist das Überleben der Branche, die die Klimaerhitzung wesentlich verursacht hat und weiter anheizt, offenbar wichtiger.

CCS: nicht Klimaschutz, sondern Lug und Trug

Deren Erfolg an der „Erdgas-Front“ soll nun auch noch durch ein Greenwashing-Programm langfristig abgesichert werden, indem die Klimaschädlichkeit des Brennstoffs durch „Carbon Capture and Storage“ (CCS) in den Untergrund verdrängt wird.

Es handelt sich um ein Déjà-vu aus den frühen 2010er Jahren. Damals waren es die Kohlekraftwerke, die durch CCS „klimafreundlich“ gemacht werden sollten. Das Vorhaben scheiterte, weil es allzu offenkundig von Lug und Trug durchsetzt war.

Der erste Mini-Versuch in Ketzin mit einige hundert Meter tief verpressten 67.000 Tonnen CO2 sollte im altmärkischen Erdgasfeld eine Steigerung auf 100.000 Tonnen in 3000 Meter Tiefe erfahren.

Der skeptischen Bevölkerung wurde erzählt, dass von dort, wo das Erdgas über Jahrmillionen sicher eingeschlossen war, auch CO2 nicht entweichen könne. Der Bürgerinitiative „Kein CO2-Endlager Altmark“ blieb es überlassen, sich in die Materie insoweit einzuarbeiten, um zu erkennen, dass die „Deckschicht“ sich nicht mehr im Originalzustand befand, nachdem sie von vielen hundert Erdgasbohrungen durchlöchert, sowie durch die von der Gasförderung verursachten Erdbeben und Niveausenkungen von Brüchen und Wegsamkeiten durchzogen war.

Die Besorgnis der Menschen, durch CO2-Austritte gefährdet zu werden, versuchte man durch folgenden Hinweis zu zerstreuen: „Schauen Sie doch einfach mal in ihr Bierglas. Da drin ist auch CO2. Sie trinken das, und es schadet Ihnen überhaupt nicht.“ Die damals als Bundeskanzlerin amtierende Physikerin war sich nicht zu schade, diese Beweisführung am Fernsehen zu rezitieren, wobei sie lediglich das „Bier“ durch „Sprudelwasser“ zu ersetzte.

Auch bei diesem Thema blieb es der Bürgerinitiative überlassen, darauf aufmerksam zu machen, dass CO2 aus Kohlekraftwerken, das sich etwa in Geländemulden sammelt und ab einer Konzentration von 7Prozent zum Tode führt, nicht mit winzigen Mengen von Lebensmittel-CO2 verglichen werden kann.

Dass CO2-Leckagen möglich und zu erwarten sind, wurde nicht nur von der Bürgerinitiative befürchtet. Im Zuge des „CLEAN Altmark“ genannten Projektes waren Experimente mit CO2-Freisetzungen geplant, um zu beobachten, wie sich das Gas in der Landschaft und je nach Wetter verhält und mit welchen Gefährdungen zu rechnen ist.

So weit kam es aber nicht. Es gelang der Bürgerinitiative, die Bevölkerung und die Politik bis hinauf zur Landesregierung davon zu überzeugen, dass es sich bei CCS um einen nicht zu duldenden Irrsinn handelt. Das Projekt wurde vorzeitig abgebrochen. Die 2008 von Gaz de France errichtete CO2-Verpressungsanlage wurde 2015 rückgebaut, ohne je in Betrieb gegangen zu sein.

Das im Kontext von CCS völlig zerrüttete Verhältnis zur Wahrheit ist auch in der Politik zu beobachten. Als es 2011 um die Verabschiedung des deutschen CCS-Gesetzes ging, behauptete Kanzlerin Merkel im Bundestag, die EU-Richtlinie zwinge Deutschland, diese Technik zu ermöglichen. Diese Aussage beruhte entweder auf gravierender Unkenntnis oder war eine Lüge. Die damals maßgebliche Richtlinie (vom April 2009) enthielt in ihrem Artikel 4 Abs.1 den Satz  „Dazu gehört auch das Recht der Mitgliedstaaten, keinerlei Speicherung auf Teilen oder auf der Gesamtheit ihres Hoheitsgebietes zuzulassen.“ Die Fraktion Die Linke brachte aufgrund dieser Bestimmung ein CCS-Verbotsgesetz ein, welches allerdings keine Mehrheit erhielt.

Letztlich hatten die zahlreichen, insbesondere über Norddeutschland verbreiteten Bürgerinitiativen, die immer wieder herausarbeiteten, dass CCS nichts mit Klimaschutz zu tun hat, den Gesetzgeber anscheinend überzeugt, so dass dieser den im Referentenentwurf aufgeführten „Klimaschutz“ als Gesetzeszweck entfernte. Wofür dann aber das ganze Unterfangen? Ohne „Klimaschutz“ ist das Gesetz ein absurder Torso – passt insofern aber bestens zu der ganzen CCS-Idee.

Bundesregierung: neuer Versuch im alten Spiel

In ihrem aktuellen Artikel „CCU/CCS: Baustein für eine klimaneutrale und wettbewerbsfähige Industrie“ https://www.bmwk.de/Redaktion/DE/Artikel/Industrie/weitere-entwicklung-ccs-technologien.html setzt die derzeitige Bundesregierung die im Kontext von CCS übliche Tradition, Behauptungen als Tatsachen auszugeben, fort. Sie schreibt: „Die geologische Speicherung von CO2 wird weltweit seit Jahrzehnten praktiziert.“  Damit widerspricht sie dem von ihr selbst herausgegebenen „Evaluierungsbericht“, in dem es heißt: „Die meisten Projekte injizieren CO2  zwecks EOR in den Untergrund; lediglich neun Projekte [von 30] verfolgen ausschließlich das Ziel der geologischen CO2 -Speicherung“.

Die Begriffe EOR („Enhanced Oil Recovery“) oder EGR („Enhanced Gas Recovery“) bedeuten, dass CO2 in die Lagerstätte gepresst wird, um den Druck zu erhöhen, damit Gas oder Öl besser durch die Bohrlöcher aufsteigen. Dabei steht auch dem CO2 der Weg nach oben sogleich offen. Das Verfahren bezweckt, fossiles Material schneller und in größerem Umfang seiner Verbrennung zuzuführen. Der Öl- oder Gasförderer zahlt für das angelieferte CO2 einen Preis, mit dem der Aufwand finanziert werden kann. Dieses Verfahren als „Storage“ (Speicherung) zu bezeichnen, ist schlicht unzutreffend.

Auch an dieser Stelle ist die praktische Erfahrung vor Ort wieder aufschlussreich: Nach außen wurde als Ziel des Projektes in der Altmark stets die CO2-Speicherung zwecks Klimaschutz angegeben. Wer sich die Mühe machte zu entschlüsseln, wofür die Buchstaben seines Namens, die zynischerweise das Wort „CLEAN“ ergaben, als gehe es darum, die Altmark zu reinigen, standen, erfuhr das wirkliche Anliegen: „CO2 Largescale Enhanced Gas Recovery in the Altmark Natural Gas Field“.

Bei der Aussage im Evaluierungsbericht, dass neun Projekte „ausschließlich das Ziel der geologischen CO2 -Speicherung“ verfolgen, wird man gut daran tun, sich genauestens über sämtliche Umstände zu informieren, bevor man das glaubt. Im Übrigen wurde im Bericht sicher nicht zufällig eine vorsichtige Formulierung gewählt. Ein „Ziel zu verfolgen“ beinhaltet schließlich nicht, dass es auch erreicht wird.

Der Artikel der Bundesregierung enthält eine weitere unglaublich anmaßende, durch nichts belegte, dem eigenen Evaluierungsbericht widersprechende und obendrein extrem gefährliche Behauptung: „In diese Speicher können große CO2-Mengen injiziert und sicher über geologische Zeiträume gespeichert werden.“ Bei diesen angeblichen und sicheren „Speichern“ werden auch saline Aquifere aufgeführt. Zu dieser Formation merkt der Evaluierungsbericht unter anderem an:

  • Das CO2 kann sich im Grundwasser lösen und das Grundwasser versauern
  • Eisen, Arsen, Schwermetalle können sich im oberflächennahen Grundwasser anreichern
  • Der Zutritt von verdrängtem salzreichem Formationswasser kann zur Versalzung des oberflächennahen Grundwassers führen.

Durch das Wörtchen „kann“ werden diese Auswirkungen als bloße Möglichkeit hingestellt und somit verharmlost. Der Geologe Ralf Krupp sprach in seiner Stellungnahme vor dem Umweltausschuss des Bundestages am 6. Juni 2011 Klartext: „Die  Verdrängung der salinen Formationswässer durch das CO2 ist keine hypothetische  Möglichkeit oder ein Restrisiko, sondern sie ist eine zwingende physikalische Folge der CO2-Verpressung, die mit Sicherheit eintreten wird.“

Den Vogel hinsichtlich Wahrheitsgehalts der Aussagen von CCS-Befürwortern hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck selber abgeschossen, indem er öffentlich verbreitete, das verpresste CO2 würde sich im Untergrund in Kohle verwandeln.

Von der Entsorgung ausschließlich industrieller Abgase wird geredet, eine umfassende CCS-Infrastruktur angepeilt

Im Artikel der Bundesregierung werden nur „industrielle Emissionen“ angeführt, die per CCS aus den Augen geschafft werden sollen. Auch das ist aber kaum glaubhaft, denn durch LNG, Erdgas, blauen Wasserstoff und möglicherweise verlängerte Laufzeiten von Kohlekraftwerken werden riesige Mengen von CO2 freigesetzt. Protesten, die hiergegen zu erwarten sind, wird man versuchen, den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem auch diese CO2-Quellen an eine CCS-Infrastruktur angeschlossen werden. Bei der Eröffnung des dänischen CCS-Projektes „Greensand“ wusste Mario Mehren, Chef der BASF-Tochter Wintershall Dea, jedenfalls bereits, dass dieses Projekt „ein Meilenstein für den Aufbau einer europaweiten CCS-Infrastruktur“ ist.

Vom hohen Lied des Klimaschutzes, das bei solchen Gelegenheiten gesungen wird, sollte man sich nicht beeindrucken lassen. Der fossilen Energiewirtschaft geht es nicht um die Lösung des Klimaproblems, sondern um ihr Existenzproblem. Sie war diejenige, die jahrzehntelang den Klimawandel heftig leugnete. Als das nicht mehr ging, kam sie auf die Idee, ihre EGR- und EOR-Praxis als „CO2-Unschädlichmachung“ zu verkaufen. Kein Verkäufer wird jemals auf Nachteile seines Produktes hinweisen! Von daher ist die imposante Schönfärberei, die die CCS-Befürworter in der Öffentlichkeit betreiben, verständlich. Die Nachteile ihres Produktes kommen an einer anderen Stelle aber zum Vorschein: In einer Resolution des EU-Parlamentes beklagt sich die CCS-Lobby über die Haftungsbedingungen, die „nicht quantifizierbar und übermäßig“ seien, sowie darüber, dass im Fall von CO2-Austritten Zertifikate zurückgegeben werden müssen, obwohl die Betreiber durch „die erforderlichen kostenintensiven Abhilfebemühungen“ bereits genug benachteiligt seien. Das ist der einzige bekannte Fall, wo CCS-Befürworter einmal die Wahrheit gesagt haben!

Von der Hybridphase zügig ins Solarzeitalter wechseln!

Wer Klimaschutz betreiben will, darf der fossilen Energiewirtschaft nicht das Leben verlängern. Das sollte eigentlich eine Binsenweisheit sein. Die Hybridphase darf nicht andauern. Ihre Beendigung muss entschieden ins Visier genommen werden. Sie besteht im 100-prozentigen Umstieg auf Versorgung durch erneuerbare Energien in allen Sektoren. Die sogenannte Klimaneutralität ist keine geeignete Zielsetzung, denn sie ermöglicht CCS, sowie Bilanzierungen von Klimagasemissionen und Klimagassenken, die allesamt hochgradig vage sind.

Im Einvernehmen mit der konventionellen Energiewirtschaft wird der Umstieg kaum möglich sein. Scheer schreibt zu diesem Punkt: „Ein Konsens aller Betroffenen für einen schnellen Energiewechsel wäre nur denkbar, wenn das damit verfolgte Ziel eine >win-win< – Perspektive für alle eröffnete. … Bei der Umorientierung zu erneuerbaren Energien ist jedoch ein >win-win< objektiv unmöglich. … Ein Strukturwandel ohne Verlierer und Gewinner ist undenkbar. Verlierer werden unweigerlich die Anbieter der konventionellen Energien sein“.

Die erneuerbaren Energien stellen einen überlegenen „gesellschaftlichen Wert“ dar, wie Scheer immer wieder betont. Dieser besteht nicht nur in ihrer Klima- und Umweltfreundlichkeit, sondern vielleicht noch mehr darin, dass sie menschenfreundlich sind: Insbesondere die Photovoltaik ermöglicht in ihrer Kleinteiligkeit und Flexibilität unendlich viele auf die Interessen und Ideen von Individuen zugeschnittene Lösungen.  Das wiederum regt die Kreativität der Menschen an. Die im 19. Jahrhundert entstandene industrielle Massenproduktion und die daraus hervorgegangene Vermassung der Gesellschaft wird durch den Energiewechsel von einer neuen Struktur abgelöst, in der der Mensch im Mittelpunkt steht. Daraus kann eine neue Art von „Überlegenheit“ hervorgehen, die nicht auf Geld und Macht beruht, sondern auf Qualitäten in Sachen Menschlichkeit. Diese können dann auch ermöglichen, dass die Auseinandersetzung mit dem überkommenen Energiesystem von allen Beteiligten in einer „erwachsenen“ Weise geführt wird.

— Der Autor Christfried Lenz politisiert durch die 68er Studentenbewegung, Promotion in Musikwissenschaft, ehemals Organist, Rundfunkautor, Kraftfahrer und Personalratsvorsitzender am Stadtreinigungsamt Mannheim, Buchautor. Erfolgreich gegen CCS mit der BI „Kein CO2-Endlager Altmark“, nach Zielerreichung in „Saubere Umwelt & Energie Altmark“ umbenannt und für Sanierung der Erdgas-Hinterlassenschaften, gegen neue Bohrungen und für die Energiewende aktiv (https://bi-altmark.sunject.com/). Mitglied des Gründungsvorstands der BürgerEnergieAltmark eG (http://www.buerger-energie-altmark.de/). Bis September 2022 stellvertretender Sprecher des „Rates für Bürgerenergie“ und Mitglied des Aufsichtsrates im Bündnis Bürgerenergie (BBEn). Seit 2013 100-prozentige Strom-Selbstversorgung durch Photovoltaik-Inselanlage mit 3 Kilowattpeak und Kleinwindrad. —

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