Gemeinwohl-Ökonomie und Energiewende

Schon aufgefallen?

Ganz offensichtlich findet derzeit ein Kampf zwischen alter, zentral organisierter Energiewirtschaft und neuer, dezentraler Energiewirtschaft statt. Es geht um zukünftige Macht und Erträge. Augenblicklich sieht es so aus, dass die Regeln des Marktes so gestaltet werden, dass die bestehenden Machtverhältnisse soweit wie eben möglich beibehalten werden sollen. Indizien für diese Entwicklung sind: Streichung des Grünstromprivilegs, Vorschriften zur Direktvermarktung über die Leipziger Strombörse, EEG-Umlage auf Eigenstromverbrauch, fehlende Verordnungsermächtigung gemäß § 95 Nr. 6 EEG für EE-Stromverkauf vor Ort, Einführung des Ausschreibungsverfahrens …

Und worum geht es in der Sache?

Die zwei wesentlichen Argumente für die dezentralen erneuerbaren Energien sind „mehr Unabhängigkeit von externen Energieträgern“ und „Klimaschutz“. Inzwischen ist uns allen klar: Die Klimaveränderung ist eine existentielle Bedrohung der Menschheit, also auch des materiellen Wohlstandes hier in Deutschland. Da macht es Sinn, gemeinsam nach Lösungen zu suchen und diese mit vereinten Kräften zum Wohle aller umzusetzen. Stattdessen bekämpfen wir uns gegenseitig, siehe oben, und wertvolle Ressourcen zur Eindämmung der Klimaveränderung werden verschwendet.

Warum ist das so?

Warum stehen wir nicht zusammen und stellen das Gemeinwohl als oberste Priorität über unsere wirtschaftlichen Handlungsweisen? Zumal dies auch in unseren Verfassungen so geschrieben steht.

Beispiel: Verfassung des Landes NRW, Artikel 24, Absatz 1: „Im Mittelpunkt des Wirtschaftens steht das Wohl des Menschen. …“

Da steht nirgendwo Maximierung des Gewinns in Euro. Erkenntnis: Es scheint etwas mit unserem Wirtschaftssystem und der Art und Weise, wie Gesetze entstehen, aus dem Ruder gelaufen zu sein.

Wie können wir das ändern?

Dieser Beitrag stellt eine Alternative zur Gestaltung unseres Wirtschaftssystems vor; einer Alternative, die von unten, von jedem Unternehmen, begonnen werden kann. Denn wer glaubt noch, dass die Herausforderungen bei den derzeitigen Gegebenheiten in Berlin oder Brüssel gelöst werden können? Die Verfasser tun das auf jeden Fall nicht.

Als Vertreter der dezentralen Energiewende haben Sie den Vorteil, dass Ihr Geschäftsmodell i.d.R. gemeinwohlorientiert ist, da Ihre Produkte die Klimaerwärmung eindämmen. Mit der GWÖ können Sie allen diese Leistung auf einer Seite, der Gemeinwohl-Bilanz, transparent machen.

Wir von der Bürger-Energie-Genossenschaft (BEG) haben uns entschlossen, Pionierunternehmen auch bei der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) zu werden. Wir wollen an der notwendigen Veränderung unseres Wirtschaftssystems aktiv mitwirken und dabei für uns selbst Mehrwerte generieren. Zunächst wollten wir ermitteln, wo wir in Sachen Nachhaltigkeit eigentlich stehen. Also Selbsterkenntnis war eine Motivation. Mindestens ebenso wichtig ist es natürlich, dass wir für unsere über 200 Mitglieder belegen können, in wie weit wir neben den rein monetären Gesichtspunkten auf unsere Um-/Mitwelt wirken.

Als Marketinginstrument ist die GWÖ-Bilanz ein Türöffner. So wirkt die Bilanz nach unseren Erfahrungen sehr gut bei Gesprächen mit Vertretern der öffentlichen Hand. Wenn es mal wieder darum geht, den Bürgermeister einer Stadt davon zu überzeugen, dass wir deren Dächer mit Photovoltaik-Anlagen belegen wollen, macht uns eine solche Bilanz zu einem interessanten Gesprächspartner.

Wie funktioniert die GWÖ? Welches sind die Eckpunkte der GWÖ?

1. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist der Aufbruch zu einer ethischen Marktwirtschaft, deren Ziel nicht die Vermehrung von Geldkapital ist, sondern das gute Leben für alle.

2. Sie setzt die Menschenwürde, die Menschenrechte und die ökologische Verantwortung als Gemeinwohlwerte auch in der Wirtschaft um.

3. Wie diese Werte im unternehmerischen Alltag gelebt werden können, zeigt die Gemeinwohl-Matrix. Sie wird laufend weiterentwickelt und soll demokratisch entschieden werden.

4. Anhand der Matrix erstellen die Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz. Im Gemeinwohl-Bericht erklären sie die Umsetzung der Gemeinwohlwerte sowie ihr Entwicklungspotential und nehmen eine Bewertung vor. Bericht und Bilanz werden extern überprüft und veröffentlicht. Damit werden die Leistungen für das Gemeinwohl bekannt gemacht.

5. Gesellschaftliche Unterstützung erfahren Gemeinwohl-Unternehmen zunächst am Markt durch VerbraucherInnen, KooperationspartnerInnen und gemeinwohlorientierte GeldgeberInnen.

6. Als Ausgleich für überdurchschnittliche Leistungen zum Gemeinwohl sollen Gemeinwohl-Unternehmen rechtliche Vorteile bei Steuern, Krediten und öffentlichen Aufträgen sowie im internationalen Handel erhalten.

7. Unternehmensgewinne dienen der Stärkung der Unternehmen sowie der Einkommenserzielung und der Alterssicherung der UnternehmerInnen und der Beschäftigten, nicht aber der Vermögensvermehrung externer KapitalgeberInnen.

So gelangen die UnternehmerInnen zu Freiräumen für gemeinwohlorientiertes Wirtschaften, frei vom Druck zu größtmöglicher Kapitalrendite.

8. Dadurch schwindet der Drang zum Wirtschaftswachstum. Es öffnen sich Möglichkeiten für ein erfülltes Leben bei Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

In der Arbeit können sich Wertschätzung und Fairness sowie Kreativität und Kooperation besser entfalten.

9. Mit der Begrenzung von Vermögensungleichheiten steigen die Chancen für die gleichberechtigte Teilhabe Aller am wirtschaftlichen und politischen Leben.

10. Die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung lädt dazu ein, die Verwirklichung der genannten Werte in Wirtschaft und Gesellschaft mitzugestalten. Alle Ideen für eine zukunftsfähige Wirtschaftsordnung sollen in demokratischen Prozessen entwickelt, vom Souverän entschieden und in der Verfassung verankert werden.

— Der Autor Rolf Weber engagiert sich seit 1998 in der lokalen Agenda 21 der Stadt Wetter (Ruhr) für den Klimaschutz. Mit weiteren ehrenamtlich aktiven Klimaschützern aus der Region Hagen und Ennepe-Ruhr-Kreis gründete er Anfang 2010 die Bürger-Energie-Genossenschaft (BEG), siehewww.beg-58.de. Als Vorsitzender der BEG hat er zu den bisher errichteten 59 Photovoltaikanlagen (1,8 MW) einen wesentlichen Beitrag geleistet. Bei der Umsetzung der „Energiewende von unten“ wurde ihm immer bewusster, dass unser Wirtschaftssystem anders organisiert werden muss, um auch Klimaschutz ernsthaft umsetzen zu können. Er machte sich auf die Suche nach Alternativen und fand die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), siehewww.ecogood.org. Heute ist er Sprecher der Regionalgruppe Ennepe, Ruhr & Wupper, die die GWÖ-Idee in die Region trägt. —

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