Nur Erneuerbare werden günstiger, die fossilen Energien nicht

Die Energiewende lohnt sich. Gewiss, sie ist nicht umsonst zu haben und der Umbau des gesamten Energiesystems wird am Ende Geld gekostet haben. In manchen Jahren mehr, in anderen weniger. Jahre, in denen eine neue Technologie eingeführt wird oder sogenannte Boomjahre im Ausbau zählen eher zu den erstgenannten. Stets haben wir dann eine innovationsgetriebene Kostendegression erlebt. Das war bei Photovoltaik und Windenergie an Land so, das wird bei den Windparks an See so sein.

Wenige Kostensenkungen sieht man bei Atom und Kohle. So braucht der neue Reaktorblock im britischen Hinkley Point von Jahr zu Jahr steigende und staatliche garantierte Strompreise, um überhaupt gebaut zu werden. Und dennoch: Trotz der riesigen Anschubfinanzierungen und bereits abgeschriebenen, häufig seit Jahrzehnten betriebenen fossilen Kraftwerke laufen ihnen die erneuerbaren Energien den Rang ab. Die etablierten unter ihnen, Photovoltaik und Wind Onshore, sind jetzt konkurrenzfähig. Ein Bloomberg-Bericht vom 6. Oktober hat einmal mehr die nackten Zahlen sprechen lassen und den Schluss nahe gelegt: Wirtschaftlich ist die Investition in Strom aus Wind oder Sonne sinnvoller als in fossile Quellen. Die durchschnittlichen Erzeugungskosten von Strom aus neuen Kohle- oder Gaskraftwerken setzt Bloomberg bei neun Cent pro Kilowattstunde an. Bei einer vollständigen Einbeziehung von Klima- und Schadstoffkosten könnte der Preis nicht gehalten werden. Kohlekraftwerke würden von heute auf morgen unwirtschaftlich werden; Kernkraftwerke sowieso, müssten sie ihre Risiken vollumfänglich versichern und für reale Folgekosten Rückstellungen bilden.

Die fossilen Energien werden nicht billiger. Entscheidend ist gar nicht die Diskussion, ob und in welchem Maß die konventionellen Brennstoffe zu Neige gehen. Entscheidend wird sein, zu welchem Preis wir sie aus dem Boden holen. Das meint die Produktionskosten ebenso wie die Folgekosten für Klima, Mensch und Umwelt. Im Gegensatz dazu produzieren erneuerbare Energien Strom immer günstiger. Unter den sauberen Energiequellen sind Sonne und Wind Onshore die mit der höchsten und günstigsten Einspeisung.

Die Stromgestehungskosten für Wind und Photovoltaik sind dabei in den vergangenen 20 Jahren deutlich gefallen. Vor allem bei der Photovoltaik werden in den nächsten Jahren massive Kosteneinsparungen erwartet; bei den Solarmodulen von bis zu 50 Prozent. In einigen Ländern, zum Beispiel in Dubai, lässt sich Solarstrom schon heute günstiger produzieren als Kohlestrom. Begleitet wird die Entwicklung von stark sinkenden Preisen für Hausspeicher, die eine ideale Begleitung für die PV-Anlage auf dem Dach bilden und auch abseits der Sonnenstunden für günstige und verlässliche Energie sorgen. Eine moderne Windkraftanlage etwa produziert 50 mal mehr Strom als noch vor 20 Jahren.

Sicher, Strom aus Bioenergie, kleiner Wasserkraft sowie Erd- und Umweltwärme verzeichnen noch höhere Produktionskosten. Ihre Aufgabe ist es aber auch nicht, den Löwenanteil am Stromaufkommen zu stellen. Vielmehr flankieren sie mit konstanter Erzeugung und angepasst an die (regionalen) Bedürfnisse die schwankende Einspeisung von Sonnen- und Windstrom.

Und ja, Strom aus Offshore-Windparks wird in den ersten Jahren etwas teurer sein. Nach langen Verzögerungen sind mit Beginn dieses Jahres konzentriert Windenergieanlagen auf See in Betrieb gegangen. Die Offshore-Branche rechnet für das Jahr 2015 insgesamt mit etwa 2.250 Megawatt an neuen Offshore-Kapazitäten am Netz. Insgesamt wird zum Jahresende die Hälfte der für 2020 geplanten 6.500 Megawatt erreicht sein. Diese Bündelung schlägt sich in den Kosten nieder, zumal Windenergie auf See vergleichsweise höhere Investitionskosten verzeichnet. Schon ab 2020 ist damit zu rechnen, dass die Kosten für neu installierte Offshore-Windkraftanlagen um bis zu 30 Prozent zurückgehen. Was aber bleibt, ist sauberer Offshore-Strom als ein wichtiger – und, nicht zu vergessen, politisch stark gewollter – Pfeiler der Energiewende.

Den Kostenvergleich mit neuen Kohle- oder Atomkraftwerken muss Offshore indes nicht fürchten. Hinkley Point C ist ein treffendes Beispiel für teuren Strom. Am Anfang soll der Strom mit 12 Cent pro Kilowattstunde zuzüglich Inflationsrate bis Inbetriebnahme über 30 (!) Jahre vergütet werden. Er würde, so der aktuelle Stand, durch den auch nach Inbetriebnahme fortgesetzten Inflationsausgleich immer teurer, über Jahrzehnte hinweg. Vergleicht man dies mit dem hiesigen EEG (Laufzeit 20 Jahre, kein Inflationsausgleich) entspräche dies einer Vergütung von ca. 38 Cent pro Kilowattstunde. Der Neubau des Atomkraftwerkes wird aber nicht nur teuer, sondern schafft erneut eine Risikoquelle für ganz Europa, deren externe Kosten einmal mehr nicht eingepreist werden.

Wie sähe die Welt ohne Energiewende aus?

Man darf auch einmal getrost der Frage nachgehen, wie eine Welt ohne die Energiewende aussehen würde. Denn tatsächlich, Alternativen gäbe es ja. Atomkraftwerke könnten neu gebaut – siehe Hinkley Point C – oder weiterbetrieben werden. Es bliebe: das Gefahrenpotenzial unkalkulierbar, die Endlagerproblematik ungelöst. Es könnten auch neue Kohlekraftwerke gebaut werden: höchst klimazerstörend und mit weitreichenden Folgen für Umwelt und Mensch. Denn Kohlekraftwerke stoßen nicht nur jede Menge Kohlendioxid (CO2) aus, sondern auch hochgiftiges Quecksilber sowie Uran in relevanten Mengen. Die Schwermetalle gelangen über die Nahrung in unsere Körper. Deshalb schließen wir uns den Forderungen der Umweltschützer wie Greenpeace nach strengeren Grenzwerten und praxisnahen Kontrollen an.

Es bliebe auch noch die Möglichkeit, die Klimaerwärmung zu leugnen – was hier und da auch noch getan wird. Ohne Klimaerwärmung wäre, dieser Logik folgend, Klimaschutz überflüssig. Dann müsste man aber auch leugnen, dass laut Weltgesundheitsorganisation jährlich allein in China eine Million Menschen in Folge der Luftverschmutzung sterben. Weltweit sollen es jedes Jahr zwischen drei und sieben Millionen sein, wie unterschiedliche Quellen angeben.

Nicht umsonst fordern auch Ärzteverbände mit Blick auf den Klimagipfel in Paris den Ausstieg aus der Kohleverstromung. Für die Kohleverstromung – die sie als Klimakiller benennen – haben sie für Deutschland Gesundheitskosten von bis zu 6,4 Milliarden Euro pro Jahr veranschlagt.

Erneuerbare Energien sind der einzige Weg, dem zu entkommen. Klimaschutz bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum ist nur möglich mit einer konsequenten Dekarbonisierung der Weltwirtschaft. Zwei Drittel der Emissionen, die den Klimawandel auslösen, entstammen nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) dem Energiesektor.

Subventionen für fossile Energien

Trotz allen bekannten Nachteilen werden fossile Energien noch kräftig gefördert. Die Subventionen beliefen sich nach Angaben der IEA im vergangenen Jahr auf 523 Milliarden US-Dollar weltweit. Das ist etwa sechs Mal so viel, wie für die Förderung erneuerbarer Energien ausgegeben wird. Die Folgen sind gravierend: Kohle, Öl und Gas werden künstlich verbilligt und externe Kosten überwiegend nicht eingepreist. Darüber hinaus führen die Subventionen, so die IEA, zu mehr anstatt zu weniger Treibhausgasemissionen. 15 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes würden mit 110 Dollar pro Tonne in Form von Subventionen für fossile Brennstoffe gefördert. Eine Menge Geld für längst etablierte Technologien.

— Der Autor Hermann Falk ist Jurist und promovierte 1996 zu Verträgen rund um die Stromeigenerzeugung. Seit Februar 2013 ist er Geschäftsführer desBundesverband Erneuerbare Energie (BEE) e.V. in Berlin. Er ist als wirtschaftsberatender Rechtsanwalt tätig und war 2000 bis 2002 Leiter des Rechtsbereichs des Goethe-Instituts in München. Von 2004 bis 2012 war er stellvertretender Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen in Berlin. —