Das BMWi-Weißbuch zum Strommarktdesign bringt kaum Impulse zur Dezentralisierung der Energieversorgung

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„Das gesuchte Element wurde nicht gefunden“, meldet mein PDF-Reader. Nacheinander suche ich die Begriffe „Prosumer“, „Eigenverbrauch“ und „Selbstverbrauch“: Kein Suchergebnis im Weißbuch des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) zum neuen Strommarktdesign, lediglich „Eigenerzeugungsanlagen“ bekommen drei Treffer in dem über 100-seitigen Dokument. Also: Thema verfehlt auf dem Weg zum Strommarkt 2.0?

Nun ja, zunächst das Positive: Das Leitmotiv des Weißbuchs ist die Flexibilisierung des Stromsystems. Hierzu werden 20 konkrete Maßnahmen benannt, die kurzfristig umgesetzt werden sollen. Die Themen reichen von der Öffnung des Regelenergiemarktes über Maßnahmen zur Erhöhung der Lastflexibilität bis zur KWK-Förderung. Die Maßnahmen werden in verständlicher Sprache begründet und in Eckpunkten skizziert. Nun hat der Energiesektor also etwas mehr Klarheit zur Regierungspolitik in dieser Legislaturperiode.

Auch mit Blick auf die Dezentralisierung der Energieversorgung lassen sich einige interessante Aspekte herauslesen. Vor allem die Öffnung des Regelenergiemarktes dürfte den Cashflow so einiger Wind- und Solarparks (mit Batteriesystem) erhöhen. Neue Geschäftsmodelle werden sich auch aus der Aggregation von kleineren Verbrauchern zum Lastmanagement und dem Smart-Meter Rollout ergeben. Letzterer ist nach Ansicht vieler Experten unnötig teuer und zu spät, er wird aber die Datenbasis für maßgeschneiderte Prosumer-Angebote verbessern.

Wenig ambitioniert bleiben die angekündigten Maßnahmen im Bereich der Flexibilisierung der Stromtarife, damit Endverbraucher auf Preissignale reagieren können. Hier soll lediglich ein Zielmodell für staatlich veranlasste Preisbestandteile und Netzentgelte erarbeitet werden. Es steht also zu erwarten, dass die Preisschwankungen am Spotmarkt auch weiterhin nicht beim Endkunden ankommen werden.

Der wirkliche blinde Fleck des Weißbuchs sind jedoch die Batteriespeicher. Zwar heißt es, dass diese Technologie deutlich günstiger geworden sei, die Preise seien zwischen 2009 und 2012 (!) um 30 Prozent gefallen sind (Seite 49 des Weißbuchs). Unter Bezugnahme auf eine Studie aus dem Jahr 2012 wird dann aber klargestellt, dass der kosteneffiziente Netzausbau in der Regel die günstigste Flexibilitätsoption ist (Seite 50).

Nun sind allein in den letzten zwölf Monaten die Preise für Photovoltaik-Speichersysteme um 26 Prozent gefallen, verkündete der Bundesverband Solarwirtschaft während der Intersolar Europe. Und dann noch der Medien-Hype um Tesla, Solarwatt & Co. – da verwundert die Ignoranz von BMWi und Bundesnetzagentur schon sehr. Will man die wachsende Rolle der Batterien zur Flexibilisierung des Energiesystems nicht nutzen? Und warum finden sich auch im Weißbuch keine Anzeichen, dass Eigenverbrauchslösungen attraktiver werden sollen? Und warum dominiert der Netzausbau die öffentliche Agenda?

Im sozialdemokratisch geführten BMWi darf wohl nur im großen Energiesystem gedacht werden. Kleinere, regional vernetzte Lösungen sind nicht gewünscht, das bestehende Energiesystem soll für die Erneuerbaren fit gemacht werden. Immerhin. Aber das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Wie sagte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf der Intersolar so schön mit Bezug auf die Verbesserungen für Eigenverbrauchslösungen: „Da müssen Sie auf meinen Nachfolger warten!“ Machen wir. Und währenddessen suchen wir weiter nach attraktiven Geschäftsmodellen, im Business Lab Deutschland und in PDF-Dokumenten.

— Der Autor Stephan Franz hat Büro F, ein Start-up für Marktforschung im Bereich erneuerbaren Energien in Berlin gegründet. Mit einer vergleichenden Studie zu den existierenden technischen Lösungen, Geschäftsmodellen und Preisentwicklungen wird das Büro F die Chancen der dezentralen Energieversorgung analysieren. Als eine erste Auswertung liegt nun die Gegenüberstellung der Statements von Energiemarktexperten zu den dringendsten Anforderungen an den regulatorischen Rahmen mit den Maßnahmen des BMWi-Weißbuchs zum Strommarktdesign vor. Die komplette Analyse „Das Weißbuch im Dezentralisierungs-Check“ finden Sie aufwww.burof.de. —