Warten auf den großen Wurf

2004, 2009, 2012 und 2014. In immer kürzeren Abständen wird das Gesetz zum Vorrang Erneuerbarer Energien korrigiert. Die Kritik an den Vorschlägen des Gesetzgebers von Seiten der Erneuerbaren-Vertreter ist häufig groß. Jedoch werden aus meiner Sicht nach wie vor nicht der entscheidende Punkt diskutiert.

Das EEG, wie wir es kennen und wie es vermutlich auch nach der Novelle sein wird, leistet lediglich die Markteinführung – nicht die Systementwicklung. Dabei wäre es langsam an der Zeit, die systemisch sinnvolle Platzierung von Anlagen, die sinnvolle regionale Portfolio-Mischung, die sich daraus ergebenden Wertschöpfungseffekte und die partizipativen und sozialen Potenziale der Erneuerbaren auszuschöpfen. Das Gesetzeswerk müsste also zusätzliche Steuerungselemente erhalten – wohlgemerkt Steuerung, nicht Bremse. Jedoch mangelt es an dieser Stelle an Problembewusstsein und der Bereitstellung der hierfür notwendigen Grundlagen auf Seiten der Erzeuger und Verbände sowie auch des Gesetzgebers.

Aus meiner Sicht besteht das zentrale Problem bei der zwangsläufigen Verteilung einer wachsenden Zahl von Solar- und Windenergieanlagen in der Fläche darin, dass eben dieser Verteilungsprozess weder aus planerischer, aus wirtschaftlicher noch aus umweltpsychologisch und ökologischer Perspektive sinnvoll von oben gesteuert werden kann. Bestenfalls ein technisches top-down-Monitoring könnte gelingen. Doch dies ist eben nicht mehr die einzige Herausforderung. Der „human factor“, wie es die EU-Kommission zusammenfassend nennt, fordert die technokratische Denke des vergangenen Jahrhunderts heraus. Am Beispiel der Energiewende sollten wir nun beweisen, dass uns daran liegt, unsere technischen Systeme zukünftig so gut wie möglich an den – zu Recht – weiter reichenden Bedürfnisse der Menschen des 21. Jahrhunderts auszurichten. Und das geht nur, wenn wir diese Bedürfnisse so konkret wie möglich erfahren. Das wiederum geht am besten, wenn wir dem „social capital“, wiederum einem Papier der EU-Kommission entnommen, die dazu erforderlichen Informationen entlocken. Die Dichte und Vielfalt der Informationen liegt in den Regionen, die nun lernen sollten, einen Teil der Verantwortung für das erneuerbare Stromsystem zu übernehmen, anstatt nur einzuspeisen oder von noch mehr gigantischer Infrastruktur überzogen zu werden.

Die 100 prozent erneuerbar stiftung hat zu diesem Zweck gemeinsam mit regionalen Partnern aus den Bereichen Verwaltung und Energieversorgung ein „Regionales Stromkonzept“ erstellt. Die Region Anhalt dient hierfür nun als Reallabor. Es sieht die Versorgung der Menschen durch Strom aus der Region vor – angepasst an ihren Verbrauch, organisiert auf einem regionalen Energiemarktplatz. Wir stellen uns dort Fragen zur Entlastung der Verteil- und Übertragungsnetze, zur Wirkung auf das EEG-Konto und die Speicher-Nachfrage. Könnte man das Prinzip der räumlichen Nähe nicht auch auf sinnvolle regionale Einheiten ausdehnen, auf funktionale Energieregionen? Wie viel Regionalisierung wäre sozio-ökonomisch leistbar? Wer lieferte dann die notwendige Ausgleichsenergie und aus welcher Distanz? Wie viel Netz bräuchte es dafür wirklich?

Und ist es zu viel verlangt, wenn man diese und viele weitere Fragen im öffentlich-politischen Diskurs offen diskutiert, anstatt, sich dem Wahlvolk anbiedernd, ewig über Kosten zu jammern?

Um diese Fragen zu beantworten, verlassen wir den Leuchtturm und betreiben Feldforschung.

Wir arbeiten hierfür mit wirtschaftlich nutzbaren Lösungen zur Energieerzeugung, Verbrauchsvermeidung, der Konsultation möglichst vieler Bürger, Planer, Verwalter, Unternehmer und innovativer KMU und der Beteiligungskräfte dieser Akteure, um die systemischen Vorteile und Grenzen der Erneuerbaren zu untersuchen. Der regionale Strommarkt ersetzt dabei die Strombörse mit ihren unzureichenden Preisbildungsmechanismen. Der Verzicht auf eine Vergütung nach EEG wird zeigen, wie viel regionaler Strom zur Verfügung steht, wenn Stromkunden an anderer Stelle – zum Beispiel bei den Wohnnebenkosten – entlastet werden können und der kooperativ agierende Versorger derlei Angebote integriert. Vor allem wollen wir wissen, welche Bedeutung regionaler Informationsdichte und Organisation beikommt. Denn diese strategischen Ebenen ignorieren das EEG, aber auch alle vorgeschlagenen Alternativen, Ausschreibungen, Direktvermarktungen oder Kapazitätsmärkte, bislang sträflich. Es wäre schön, wenn die nächste EEG-Novelle – rechnerisch müsste sie ja 2015 kommen – die spezifischen Vorteile erneuerbarer Energien, die Nähe zum Menschen und seinem Verantwortungsbewusstsein, seinem „regionalen Wissen“, endlich aktivierte.

Der Autor Ralf Dunker ist studierter Sinologe und Politikwissenschaftler. Er hat knapp zehn Jahre bei Greenpeace Hamburg als Referent gearbeitet. Für die 100 prozent erneuerbar stiftung verfolgt er Projekte mit Fokus auf die regionalen und kommunalen Aspekte der dezentralen Energiewende. Mehr dazu unter http://100-prozent-erneuerbar.de/projekte/regionale-energiekonzepte/