Türkei: Gewerbliche Aufdachanlagen als interessanter Markt

„Treiber des türkischen Photovoltaik-Marktes sind vor allem der stark wachsende Energiebedarf des wirtschaftlichen boomenden Landes sowie die hohen Strompreise“, betonte Matthias Kittler vom Beratungsunternehmen Apricum. Derzeit kostet die Kilowattstunde Strom für den gewerblichen Bereich rund 14 US-Cent (26 Türkische Lira), für private Haushalte rund 16 US-Cent (32 Türkische Lira). Die Strompreise stiegen seit 2006 um jährlich durchschnittlich 11 Prozent. Um den wachsenden Strombedarf (jährlich plus sechs Prozent) zu decken würden bis zum Jahr 2021 neue Kraftwerke mit einer Kapazität von 29 Gigawatt benötigt und es müssten veraltete Kraftwerke mit einer Stromerzeugungskapazität in Höhe von 20 Gigawatt ersetzt werden, sagte Kittler. Gepaart mit dem politischen Wunsch nach einer stärkeren Unabhängigkeit von russischen und iranischen Gasimporten sowie stark gesunkenen Preisen von Photovoltaik-Anlagen biete dies enorme Chancen für Solarstrom. Die durchschnittliche solare Einstrahlung in der Türkei liege bei durchschnittlich 1.527 Kilowattstunden pro Quadratmeter jährlich, wobei es allerdings starke regionale Unterschiede zwischen dem Norden des Landes mit rund 1.400 Kilowattstunden/Quadratmeter/Jahr und dem Süden mit rund 2.000 Kilowattstunden/Quadratmeter/Jahr gäbe.

„Das Interesse an der Photovoltaik wächst derzeit sehr stark“, sagte Kittler. Die Zeit sei nun reif, dass der Solarstrom in der Türkei aus der Nische herauskomme. Denn bis zum Ende vergangenen Jahres waren in der Türkei PV-Anlagen mit einer Nennleistung von weniger als zehn Megawatt installiert. Kittler rechnet bis zum Jahr 2020 mit einer jährlichen Verdopplung des Zubaus von Photovoltaik-Anlagen und einem Anstieg der installierten Leistung auf 500 bis 800 Megawatt im Jahr 2015 beziehungsweise 3,8 bis 6,5 Gigawatt bis zum Jahr 2020. Dabei sieht er durchschnittliche Photovoltaik-Stromgestehungskosten von unter 15 US-Cent pro Kilowattstunde als erreichbar an. Als Hauptwachstumsbereiche gelten gewerbliche Aufdachanlagen bis zu einem Megawatt Nennleistung sowie Freiflächenlagen über einem Megawatt.

Derzeit gilt in der Türkei ein Einspeisetarif in Höhe von 13,3 US-Cent/Kilowattstunde mit einer Laufzeit von zehn Jahren. Für Solarstrom aus Anlagen mit einem hohen Anteil lokal produzierter Komponenten wird ein Zuschlag von bis zu 6,7 US-Cent bezahlt mit einer fünfjährigen Laufzeit. Anlagen mit einer Leistung von bis zu 500 Kilowatt können lizenzfrei betrieben werden. Laut Engin Yaman von China Sunergy Europe (CSUN) soll diese Lizensierungsgrenze innerhalb der kommenden Wochen auf ein Megawatt erhöht werden, ein entsprechender Gesetzentwurf stehe kurz vor der Verabschiedung. 

Das Lizenzverfahren für größere Anlagen (über 500 Kilowatt/ein Megawatt) läuft am 10. Juni an. Anträge können bis zum 14. Juni bei der Regulierungsbehörde EPDK eingereicht werden. Für diese erste Lizensierungsrunde für Großanlagen gilt eine Obergrenze von 600 Megawatt. Bisher lägen schon Voranfragen von 409 Unternehmen vor, insgesamt seit mit Anträgen von mehr als zehn Gigawatt zu rechnen, so Kittler. Es werde spannend sein, wie die türkische Regulierungsbehörde mit dieser Antragsflut umgehe und wie schnell sie diese abarbeite, sagte Niels Kröner von der AEE Renewables Group. Bisher seien die Erfahrungen mit der türkischen Bürokratie „sehr ernüchternd“ und die ausführenden Behörden würden oftmals verabschiedete Gesetze nur sehr schleppend umsetzen. Sogar bei den eigentlich lizenzfreien kleineren Photovoltaik-Anlagen zögen sich die Genehmigungen oft bis zu neun Monaten hin.

Als weitere Hürden für den PV-Markt in der Türkei sieht Kröner die komplizierten Landrechte, das geringe kulturelle Verständnis für langfristig Verträge sowie vor allem die schwierige Finanzierung. Zum einen seien Photovoltaik-Projekte für die Banken Neuland, zum anderen lägen die Erwartungen an die Projektrenditen oft im zweistelligen Bereich. Die besten Erfahrungen habe die AEE Renewables Group bisher mit Pilotprojekten ohne Beteiligung heimischer Banken gemacht, wie mit einer zehn Kilowatt Aufdachanlage auf der Hondafertigung in Gebze. 

Ähnliche Erfahrungen bei der Finanzierung mache Stefan Müller, Vorstand von Enerparc. Das Hamburger Unternehmen realisierte jüngst als EPC eine 500 Kilowatt große Dachanlage bei Prokon Manufacturing in Ankara. Der Solarstrom wird  zum Eigenverbrauch verwendet. Entscheidende Triebkraft sei hier das Engagement des Eigentümers gewesen, der sich von seinem Energieversorger unabhängiger machen wollte. „Das unternehmerische Potential gerade im Mittelstand ist in der Türkei sehr hoch“, sagte Müller, dies komme auch dem weiteren Ausbau der Photovoltaik zu Gute. Insbesondere für die Realisierung gewerblicher Aufdachanlagen zum Eigenverbrauch, die von den türkischen Unternehmen selbst finanziert werden, sieht Müller ein großes Potential. Für das Engagement deutscher Unternehmen in der Türkei seien zudem die vielfältigen wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen beider Länder sehr förderlich. Auch die logistische Anbindung beider Länder sei sehr gut, ebenso die Visafreiheit für Deutsche in der Türkei sowie die Möglichkeit zollfreier Importe. (Hans-Christoph Neidlein)