Wider die Vernunft

Liebe Leserin, lieber Leser!

So richtig Feuer bekam die politische Diskussion erst im Januar, als die Netzagentur mit großem Tamtam vorläufige Zubauzahlen veröffentlichte: Mit 7,5 Gigawatt sei im Jahr 2011 ein neuer Rekord erreicht worden. Seitdem reißt die Kritik nicht ab, dass diese Zahl unrealistisch sei, was wiederum Anlass diverser Verschwörungstheorien ist. Auch wenn die Abweichung der realen Zahlen am Ende vielleicht keine große Relevanz hat, die Recherche offenbarte doch, wie dilettantisch in Deutschland Statistik betrieben wird. Vertrauenswürdig sind die Netzagenturzahlen jedenfalls nicht (Seite 16).

Trotz der zu schnellen Präsentation fragwürdiger Daten wird vermutlich bereits ein neues EEG gelten, wenn Sie diese Ausgabe in den Händen halten. Allerdings wird es noch niemand genau wissen, denn erst Anfang Mai muss der Bundesrat das Gesetz verhandeln, das dann rückwirkend ab 1. April in Kraft treten soll. Zum Redaktionsschluss am 25. März, also nur eine Woche davor, ist immer noch nicht ganz klar, was kommen wird (Seite 14). Dass angesichts der alle paar Tage geänderten Pläne nicht massenweise Solarunternehmer zum Psychologen laufen, ist hoch respektabel, auch wenn noch abzuwarten bleibt, wie viele von ihnen über die von der derzeitigen Bundesregierung geschmissenen Steine am Ende stolpern werden. Unsere Branche kann stolz sein, so dynamisch die Energiewende voranzutreiben.

Das würde man sich auch von der Bundesregierung wünschen. Diese bekommt jedoch nicht einmal kleine Bausteine hin. Fast alle vom Umweltausschuss des Deutschen Bundestages zum EEG-Entwurf geladenen Experten haben die ursprünglichen Vorstellungen von Bundesumweltminister Norbert Röttgen und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler in der Luft zerrissen, unabhängig von der politischen Richtung, so etwa auch der die Netzbetreiber.

Am meisten reiben sich die Experten an dem Konzept zur Marktintegration. Geplant ist, dass nur noch 80 bis 90 Prozent des erzeugten Stromes vergütet werden sollen. Handwerklich ist dasschwer umsetzbar, inhaltlich führt es zu keiner besseren Netzintegration. Immerhin, es weist auf das wirkliche Problem hin, das es zu lösen gilt. Der derzeitige Strommarkt ist nicht dafür gemacht, fluktuierende Erzeuger zu integrieren. Und Solaranlagenbetreiber müssen sich – egal, wie ein modifizierter Strommarkt eines Tages aussehen wird – auf neue und oft unbequemere Geschäftsmodelle vorbereiten. Das heißt wohlgemerkt nicht, dass es sich nicht mehr lohnen wird, in Photovoltaik zu investieren.

Mit dem Marktintegrationsmodell kommt schon die zweite Komponente ins EEG, die Betreiber zur Vermarktung ihres Solarstromes anhalten soll. Grund genug, das Marktprämienmodell der letzten EEG-Novelle – das gilt schon seit Januar – genauer unter die Lupe zu nehmen und die Grünstromanbieter zu fragen, was sie mit dem Solarstrom anfangen können (Seite 42). Dass sie bisher wenig Solarstrom im Portfolio haben, heißt nicht, dass er generell zu viel kostet. Denn für die Investition gibt es eine Gegenleistung, wie ein Vergleich zeigt: Solarstrom ist so günstig geworden, dass selbst ein Zubau von vier Gigawatt pro Jahr bereits 2016 einen Musterhaushalt nicht mehr als 16 Euro im Jahr zusätzlich kosten würde (www.photovoltaik.eu, Webcode 0062). Nach der geplanten Vergütungsabsenkung wäre es sogar noch weniger. Für das Geld bekäme Deutschland in vier Jahren so viele zusätzliche Photovoltaikanlagen, dass sie pro Jahr so viel Strom wie zwei Atomkraftwerke liefern. Ganz ohne strahlenden Müll.

Da verwundert es doch sehr, dass die Regierungsfraktionen im geplanten Gesetz den Zubau immer weiter drosseln statt steigern wollen und keine funktionierenden Maßnahmen zur Netzintegration entwickeln.

Viel Spaß beim Lesen Michael Fuhs (Chefredakteur)