Erste Schritte

„2009 hieß es noch, dass die Produktion von Solarstrom mit 22 bis 28 Eurocent pro Kilowattstunde gefördert werden soll. Jetzt wissen wir, dass die Regierung Solarstrom mit rund 13,3 US-Cent pro Kilowattstunde unterstützen will“, so Frank Polhaus von Abakus Solar. Die Vergütungssätze gelten zehn Jahre lang für Anlagen, deren Anmeldung zwischen dem 18. Mai 2005 und dem 31. Dezember 2015 liegt. Die Obergrenze der geförderten Gesamtleistung liegt bei 600 Megawatt bis Ende 2013. Für Anlagen, die später ans Netz gehen, liegt die Verantwortung beim Ministerrat des Landes,die maximale Gesamtleistung festzulegen. Außerdem gibt es eine zusätzliche Förderung für fünf Jahre, wenn mechanische oder elektromechanische Bauteile „Made in Turkey“ zum Einsatz kommen. Diese liegt zwischen 0,4 und 2,4 US-Cent pro Kilowattstunde und gilt ab der Inbetriebnahme der Anlage. Einspeisezähler für Solarstrom müssen laut Gesetz Standard werden.

Ein halb volles Glas

Während viele diesen Tarif als zu niedrig für einen erfolgreichen Markt bewerten, ist für Polhaus das Glas halb voll. Mit denfür 2011 zu erwartenden fallenden Systempreisen könnten sich aus seiner Sicht Photovoltaikprojekte in der Türkei bald lohnen. „Darüber hinaus ist die Türkei als Sprungbrett für die arabischen Märkte ein perfekter Standort. So oder so ist die Türkei ein attraktiver Markt.“ Ähnlich sieht das Engin Yaman, General Manager bei Tenesol Germany. „Nach China ist die Türkei einer der am stärksten wachsenden Wirtschaftsstandorte der Welt. Das Land bietet hervorragende Wachstumsperspektiven und eine gute Grundlage für eine sich entwickelnde Industrie. Die Produktionskosten in demLand sind relativ niedrig und es liegt geografisch sowie kulturell genau zwischen Europa und dem Nahen Osten.“ Außerdem habe die Solarindustrie enormes Potenzial: „Die Sonneneinstrahlung liegt bei 2.640 Stunden im Jahr, das sind mehr als sieben Stunden am Tag. Was soll ich da noch sagen?“ Für Unternehmen gibt es also einige Gründe, sich in der Türkei auf die Lauer zu legen.

Lohnender Eigenverbrauch

Es ist aber nicht allein die Erhöhung des Fördertarifs von 5,5 auf 13,3 US-Cent pro Kilowattstunde, die die Aufmerksamkeit der Photovoltaikbranche geweckt hat. Bereits Anfang Dezember 2010 fällte die Regierung eine Entscheidung, die Kenner des Landes als wichtiger ansehen als die Erhöhung des Fördertarifs. „Bisher war es nicht möglich, in der Türkei Anlagen mit einer Leistung bis 500 Kilowatt an das Netz anzuschließen“, so Reinhard Eckert von Würth Solar, der in der Türkei ebenfalls eine Menge Potenzial sieht. Nun habe die Regierung diese Regelung geändert. „Ab jetzt dürfen Anlagen ganz offiziell an das Netz angeschlossen werden. Dabei gilt die Vorgabe, dass der produzierte Strom in erste Linie selbst verbraucht werden muss. Den Rest des Stroms können Anlagenbesitzer jetzt zu dem aktuellen Fördertarif von rund 13,3 US-Cent an die Stromversorger verkaufen. Die sind jetzt nach der neuen Regelung dazu verpflichtet, den Strom abzunehmen.“ Und Eigenverbrauch von Strom sei genau das, was sich die meisten kleinen und mittleren Unternehmen wünschen.

„Die Türkei ist mit ihrem anhaltenden Wirtschaftswachstum das energiehungrigste Land Europas“, so Eckert. „Deshalb gehen alle davon aus, dass der Strompreis in den nächsten Jahren kontinuierlich und stark ansteigt.“ Derzeit liege der allgemeine Preis für Strom bei zwölf Eurocent die Kilowattstunde und der für Industriestrom bei sieben Eurocent. In der Türkei gebe es viele kleine Unternehmen. „Unddie alle wollen unabhängiger werden von ihren Stromanbietern. Dabei handelt es sich um einen stark ausgeprägten Trend.“ Mit der neuen Regelung hätten diese Unternehmen plötzlich die Chance, mit einer Anlage mit einer Leistung bis 500 Kilowatt ihren eigenen Strom zu produzieren. „Gleichzeitig bekommen sie garantiert, dass sie den überschüssigen Strom verkaufen können. Das ist natürlich eine Entwicklung, die hier in der Türkei von den kleinen bis mittleren Betrieben begrüßt wird.“Es gehe in erster Linie überhaupt nicht um eine Einspeisevergütung. „Das ist den Leuten nicht so wichtig. Sie sehen vorrangig die Unabhängigkeit vom Stromanbieter“, weiß Eckert. Nach fünf bis sechs Jahren sei in der Türkei eine Anlage mit einer Leistung bis 500 Kilowatt abgeschrieben. Und danach sind türkische Unternehmen ihre eigenen Stromhersteller. Das sei aus ihrer Sicht sehr sexy. „Dabei müssen sie nur den Energiehunger ihres Betriebes in das richtige Verhältnis zu der Leistungder geplanten Anlage setzen, die sie bei ihrem Betrieb installieren wollen. Denn bei einem Fördertarif von rund 13,3 US-Cent pro Kilowattstunde will man so wenig Strom wie möglich einspeisen müssen“, erklärt der Mann von Würth Solar. Mit der Einführung der Regelung erwartet Eckert eine steigende Nachfrage nach Photovoltaikanlagen. „Ein Markt, der sich auf diese Weise entwickelt, ist auf lange Sicht nachhaltiger als ein Markt, der in erster Linie mit Fördertarifen am Laufen gehalten wird.“ Auch für Frank Polhaus von Abakus Solar macht die Lust türkischer Betriebe auf Eigenverbrauch Sinn. „Es ist zu erwarten, dass die Strompreise in der Türkei rasant ansteigen werden. Bei einer solchen Perspektive ist der Wunsch nach einer eigenen Stromproduktion verständlich. Außerdem ist zu erwarten, dass sodie Netzparität sehr schnell erreicht wird.“ Auch für Abakus Solar stelle die Türkei einen attraktiven Markt dar, so Polhaus. Mittlerweile habe Abakus hier seine ersten Projekte in der Pipeline.

Gerüstet für den Schub

Das türkische Unternehmen Anel Enerji hat die Phase des Fühlerausstreckens bereits hinter sich gelassen. „Wir sind der einzige türkische Modulhersteller und der größte EPC-Contractor des Landes“, so Evren Evict, General Manager des Unternehmens. Derzeit verfüge das Unternehmen über eine Produktionskapazität von 15 Megawatt für poly- und monokristalline Module. „Und 2011 wollen wir diese auf 75 Megawatt ausbauen“, so der General Manager. Mit Blick auf den türkischen Markt ist auch für Evict die Regelung für Anlagen mit einerLeistung bis 500 Kilowatt die wichtige Entscheidung, wichtiger als die Anhebung des Fördersatzes. „Diese Bestimmung wird dem türkischen Photovoltaikmarkt einen starken Schub geben.“ Und für diesen Schub scheint sein Unternehmen bestens aufgestellt zu sein. Seit kurzem kooperiere Anel Enerji mit dem Unternehmen Bajmak, einem türkischen Anbieter von Solarthermie, Klimaanlagen und Heizungssystemen. „Bajmak verfügt über ein Vertriebsnetz, das die ganze Türkei abdeckt“, so Evict. „Insgesamt arbeitet das Unternehmen landesweit mit 2.000 Agenten. Über diese werden jetzt auch unsere Photovoltaikanlagen für private Haushalte vertrieben, wobei sich Bajmak um deren Installation kümmert.“ Derzeit biete Anel Enerji sechs Kits für private Haushalte von ein bis sechs Kilowatt an.

„Im Moment sind wir aber am stärksten auf ausländischen Märkten aktiv. Dort kümmern wir uns um Großprojekte, bei denen wir dann auch als EPC-Contractor auftreten“, sagt Evict. Unter anderem verkaufe sein Unternehmen nach Deutschland, Tschechien und Italien. „Der wichtigste Markt ist für uns derzeit aber der bulgarische Markt. Dort realisieren wir gerade eine 4,8-Megawatt-Anlage und haben noch Projekte mit einer Leistung von 20 Megawatt in der Pipeline.“ Außerdem arbeite sein Unternehmen an der Umsetzung einer 1,3-Megawatt-Anlage in Nordzypern, die von der Europäischen Union finanziert werde.

Die Messe Solarex für erneuerbare Energien in Istanbul zeigt, dass zumindest Teile der Solarbranche auf die Entwicklung des türkischen Marktes setzen. „Es ist schon erstaunlich“, meint Jürgen Kreysern, Leiter des Geschäftsbereichs Off-Grid bei Donauer Solartechnik. „Es gibt keine attraktive Förderung für Solar, und trotzdem sind über 25 Prozent der Aussteller hier auf der Messe Photovoltaikunternehmen. Wenn nicht sogar mehr.“ Das zeige, welchen Stellenwert das Land für die Branche einnimmt. Die Türkei sei ein interessanter Markt, allein schon aufgrund der vielen Einwohner. Aber trotz der guten Sonneneinstrahlung beträgt die bisher installierte Solarleistung weniger als ein Megawatt. Ein Zustand, der sich mit der Einführung des neuen Fördertarifs und dem Verlangen nach Eigenverbrauch bald ändern könnte.