Chinesen auf dem Vormarsch

Die Tage werden länger, die Sonne steigt höher. Jetzt müssen die Photovoltaikanlagen ihr Geld einspielen. Im Herbst ist es wieder vorbei. Den Zellherstellern geht es ähnlich, auch wenn ihr Wohl und Wehe nicht von der Sonnenlaufbahn abhängt. Im Herbst könnten ihre sonnigen Zeiten vorbei sein, weil der wichtigste Markt, der deutsche, mit der Förderungsabsenkung vorzeitig in die Winterpause geht. Jetzt profitieren die Produzenten von den Vorzieheffekten. „Der allergrößte Teil der Zellhersteller arbeitet derzeit am oberen Ende der Kapazitätsauslastung“, berichtet Dirk Morbitzer, Marktforscher von Renewable Analytics in San Francisco. „Schlichtweg vor dem Hintergrund der großen Nachfrage aus Europa.“ Das ist die Zeit, um sich Fett für die drohende solare Eiszeit anzufressen.

Die Strategien, wie die Zellhersteller das machen, sind verschieden. Auffällig dabei ist jedoch: Fast niemand mehr verlässt sich auf das Kerngeschäft der Zellherstellung allein. „Die reinen Zellhersteller gibt es ja schon fast nicht mehr“, sagt Christian Rath von HSBC Trinkaus in Düsseldorf. „Man hat 2009 einfach gesehen, dass diese reine Zellproduktion nicht wirklich die beste Wettbewerbsposition ist. Und das wird sich auch 2010 nicht ändern.“ Auf der Einkaufsseite seien die Waferpreise 2009 aufgrund von langfristigen Lieferverträgen noch sehr hoch gewesen. Diese wurden jedoch mittlerweile häufig nachverhandelt, so Rath. Auf der Verkaufsseite geraten die Hersteller ohne Endkundenzugang preislich unter Druck. Deshalb setzen die meisten kristallinen Zellhersteller auf eigene Module und versuchen, sich so gegenüber den Wettbewerbern zu differenzieren.

Neuer Champion

Besonders erfolgreich hat Suntech Power dies geschafft. Mit seinem aggressiven Wachstum konnte der chinesischer Zellhersteller den einstigen Champion Q-Cells vom Thron verweisen. Wie ambitioniert Suntechs Expansionspläne sind, zeigt die Ankündigung, im Jahr 2010 voraussichtlich 1.250 Megawatt produzieren zu wollen. „Und dabei ist Suntech immer noch in den schwarzen Zahlen“, betont Henning Wicht, Analyst beim Beratungs- und Marktforschungsunternehmen iSuppli in München. „Sie haben ein positives Jahresergebnis gehabt, eine Bruttomarge von 20 Prozent beziehungsweise 91 Millionen Dollar Gewinn.“

Suntech produziert vor allem für den Eigenbedarf, verbaut die Zellen in den eigenen Modulen. Dabei hat sich das Unternehmen mittlerweile einen Markennamen aufgebaut, in Europa genauso wie in den USA. „Das heißt, der chinesische Ursprung verschwindet langsam hinter der Brand Awareness“, der Markenbekanntheit, urteilt Morbitzer. Suntech produziert mit der Plutotechnologie hoch effiziente Zellen und positioniert sich damit gegenüber den Wettbewerbern.

Erheblicher Verlust

Q-Cells war 2009 nicht mehr die Nummer eins und hatte zu kämpfen. Aber das Unternehmen ist nicht nur eine Stufe auf dem Siegerpodest abgestiegen. Viel dramatischer sei die finanzielle Situation, warnt Wicht: „Der Nettoverlust beziffert sich auf 1,35 Milliarden Euro. Das ist schon ein starker Hammer.“ Die Produktion in Deutschland ist gegenüber den asiatischen Produktionsstandorten zu teuer, deshalb hat das Unternehmen seine ältesten Linien in Bitterfeld abgeschaltet und große Teile der Produktion in die Peripherie von Kuala Lumpur in Malaysia verlagert.

Der plötzliche Abgang des Vorstandsvorsitzenden Anton Millner zeigt überdeutlich, dass es nicht so weitergehen konnte wie bisher. „Und der Ersatz durch den bisherigen Finanzvorstand, der in der Vergangenheit bereits für ein Turn-Around-Unternehmen gearbeitet hat, ist wohl ein deutliches Zeichen dafür, was bei Q-Cells gerade los ist“, so Morbitzer. Q-Cells wird es nach 2009 sicherlich im laufenden Jahr immer noch schwer haben, weil das Unternehmen die weitere Strategie bestimmen muss: „Ist Q-Cells jetzt ein Zellhersteller mit angeschlossener Dünnschicht-Modulproduktion und Projektentwicklungsgesellschaft?“, fragt Morbitzer. „Oder ist Q-Cells eine Projektentwicklungsgesellschaft mit angeschlossener Zellproduktion?“ Wenn, dann auf alle Fälle mit kleineren Brötchen. Im vergangenen Jahr hatte sich die Tochter Q-Cells International auf große Parkprojekte mit Leistungen von rund 50 Megawatt gestürzt. „Der Freiflächenmarkt wird sicherlich etwas schwieriger werden, falls die neuen Einspeisetarife kommen“, sagt HSBC-Analyst Christian Rath. „Jetzt versuchen sie, ein wenig umzuschwenken, weg von diesen ganz großen Projekten, hin zu kleineren und mittleren Parks mit ein bis zwei Megawatt oder großen Dachprojekten, beispielsweise auf Produktionsstätten, Supermärkten oder Messehallen.“ Zum reinen Zellproduzenten wird Q-Cells sich also sicherlich nicht zurückentwickeln.

Mehr Integration

Auch Yingli Green Energy diversifiziert sich vertikal, allerdings gleich in beide Richtungen. „Nach wie vor sehr aggressives Wachstum über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg“, schätzt Morbitzer Yinglis weitere Entwicklung ein. Yingli erweitert nicht nur die Zell- und Modulproduktion deutlich, sondern auch die Siliziumproduktion. Jetzt geht es darum, signifikante Mengen Silizium zu den angestrebten niedrigen Kosten herzustellen. Momentan spricht nichts dagegen, dass Yingli dies gelingt. Das Modulgeschäft hilft auf der anderen Seite, die selbst produzierten Zellen auch wirklich zu verbauen. Die integrierten Hersteller haben einen Vorteil gegenüber Spezialisten. Sie können schneller auf Preisschwankungen reagieren und müssen bei Einbrüchen nicht erst neu mit ihren Zulieferern oder Endabnehmern verhandeln.

Marge gegen null

Auch auf dem nächsten Platz folgt ein chinesischer Hersteller: JA Solar. Hier geht es ebenfalls um vertikale Integration. „Sie fangen an, eine Waferproduktion aufzubauen und eine Modulproduktion“, berichtet iSuppli-Analyst Wicht. Vermutlich, um am Ende auf höhere Gesamtgewinne zu kommen, denn momentan tendieren die Margen noch gegen null, berichtet Wicht, „weil sie natürlich stark expandieren und das auch in den nächsten Jahren tun werden“.

So soll sich die Zellproduktion auch 2010 wieder fast verdoppeln. JA Solar hat sich neben den chinesischen in den letzten Jahren mehr und mehr internationale Kunden erschlossen. Es sei ihnen tatsächlich gelungen, den Namen als Marke zu etablieren und die Qualität zu steigern, lobt Renewable-Analytiker Morbitzer.

Sharp Electronics wächst als kristalliner Zellhersteller langsamer als beispielsweise die chinesischen Produzenten. „Der Anteil der Siliziumzellen am gesamten Sharp-Modulausstoß geht deutlich zurück“, sagt Morbitzer, „durch den doch sehr starken Ausbau der Dünnschichtproduktion“. Sharp wird die Produk-tion mikromorpher Dünnschichtmodule schneller erweitern als die kristalline Silizium-Zellproduktion. Der japanische Hersteller beliefert ausschließlich sich selbst beziehungsweise seine OEM-Hersteller (Original Equipment Manufacturer) und steht nach wie vor für etablierte Vertriebsstrukturen und qualitativ hochwertige Produkte.

Gewinner und Verlierer

Mit der Gintech Energy Corporation steht ein taiwanesischer Hersteller auf Platz fünf. Henning Wicht erklärt: „Gintech steht für die taiwanesische Art der Photovoltaikproduktion, spezialisiert auf die Zellen, ähnlich wie Motech und andere.“ So können die taiwanesischen Hersteller hochwertige Erzeugnisse zu günstigen Preisen liefern. Gintech-Zellen haben im Durchschnitt einen Wirkungsgrad von 16,4 Prozent.

Besonders gut sind die Zellen von Sunpower ebenfalls, allerdings teurer. „Bisher noch gerechtfertigt durch die höhere Effizienz, aber Sunpower muss es gelingen, seine Kosten umgehend stark zu senken“, so Morbitzer. Noch lässt sich die Ware wegen der derzeitigen Marktknappheit und wegen des hohen Wirkungsgrades gut verkaufen, aber vom Expansionstempo kann der US-amerikanische Hersteller nicht mit chinesischen Produzenten mithalten und verliert prozentual an Boden. Sunpower verbaut den überwiegenden Teil seiner Zellen selbst, liefert aber auch an Modulproduzenten wie Solon, die Sunpower damit wieder Konkurrenz machen. Deshalb versucht das Unternehmen in jüngster Zeit vor allem, größere Projekte in den USA zu akquirieren, es ist aber auch bei Großprojekten in Europa erfolgreich, zum Beispiel in Italien.

Trina Solar Energy gehört zu den schnell expandierenden chinesischen Herstellern. Das Unternehmen produziert seine Zellen für die eigenen Module. Im Moment muss es sogar Zellen zukaufen. Die Module werden am Markt gut akzeptiert. Und auch wirtschaftlich sieht es nicht schlecht aus. Nach den jüngsten Quartalszahlen urteilt Henning Wicht: „Sie haben ein gutes, eines der besten Ergebnisse je erwirtschaftet, mit einer Bruttomarge von 28 Prozent.“ Trina konnte mit hochwertigen Produkten schnell Marktanteile gewinnen, weil der Produzent ähnlich wie Yingli schnell die Preise gesenkt hat. Trina will auch 2010 weiter stark expandieren und die Produktion gegenüber dem Vorjahr fast verdoppeln.

Jahresende offen

Wafer, Zellen und Module, Kyocera fertigt auf allen drei Ebenen und zählt zu den etablierten Herstellern, mit moderaten Ausbauplänen, typisch japanisch. „Kyocera hat in der Kundenakzeptanz etwas verloren“, resümiert Dirk Morbitzer, „schlichtweg wegen des Preises, zu dem Kyocera seine Module verkauft.

Die Qualität ist sicherlich hoch, der Wirkungsgrad aber nichts Besonderes mehr. Da sind andere deutlich besser. So ist die Marktposition früher stärker gewesen, Kyocera hat verloren.“ Wenn sich der Markt von der Nachfrageorientierung zu einem angebotsorientierten Markt wandeln sollte, könnte es für den japanischen Produzenten schwierig werden.

Dem taiwanesischen Hersteller Motech Industries erging es ein bisschen wie Q-Cells. Das Unternehmen ist auf die Zellherstellung fokussiert. Ohne den direkten Endkundenkontakt war es bisher immer von der Entwicklung der Modulhersteller abhängig, die es belieferte. „Insofern hat Motech ein wenig gelitten, so wie Q-Cells“, sagt HSBC-Analyst Christian Rath. „Und sie haben Marktanteile verloren an die chinesischen Low-Cost-Produzenten.“ Mit der Taiwan Semiconductor Manufactoring Company ist im vergangenen Jahr jedoch einer der weltweit größten Chiphersteller in das Unternehmen eingestiegen und hat auch gleich das Qualitätsmanagement bei Motech übernommen. „Das gibt den Drive für die künftige Expansion“, ist sich Henning Wicht sicher. „Das sieht man auch an der Ankündigung, zum Ende dieses Jahres ein Gigawatt Fertigungskapazität bereitzustellen.“

Heute würde Motech diese Menge sicher loswerden. Wie der Markt zum Ende des Jahres aussieht, weiß dagegen bisher niemand so genau. Das zweite Halbjahr ist in seiner Entwicklung noch völlig offen.