Der im pv magazine erschienene Artikel zu einer Studie des Thünen-Instituts, stellte Agri-Photovoltaik aufgrund von Mehrkosten von “bis zu 148 Prozent” gegenüber konventionellen Freiflächenanlagen als ökonomisch zweifelhaft dar.
Doch diese so prominent zitierte Zahl bezog sich nur auf den Sonderfall hoch aufgeständerter Anlagen zum Beispiel im Obstbau über Apfelbäumen. Zudem vergleicht die Studie zwar detailliert die Stromgestehungskosten, berücksichtigt aber nicht die je Technologie zu erzielenden Marktwerte, also die Erlöse am Strommarkt.
Die Methode greift viel zu kurz für eine abschließende Bewertung: Wer investiert schon, ohne auf die möglichen Erlöse zu achten? Und warum fokussieren sich die Autoren in Überschrift und Schlussfolgerungen auf die teuerste Form der Agri-Photovoltaik statt auf die Anlagen-Konfigurationen nahe an der Kostenparität einzugehen? In Summe leider eine verzerrte Darstellung, welche der eigentlich sehr detaillierten Analyse nicht gerecht wird.
Werden die laut Thünen-Studie günstigeren Formen der Agri-Photovoltaik betrachtet und Marktwerte sowie Flächeneffizienz einbezogen, wandelt sich das Bild von einer teuren Nische zu einer in vielen Kontexten profitablen und landwirtschaftlich sinnvollen Doppelstrategie. Insbesondere zwei Anlagentypen sind interessant:
● Vertikale Agri-Photovoltaik: Die Mehrkosten liegen laut Thünen-Studie (Datenstand Juli 2023) im günstigsten Fall bei lediglich vier Prozent. Die Anlagen erlösen aufgrund der Erzeugungsspitzen morgens und abends höhere Marktwerte als südausgerichtete Parks.
● Tracker-Systeme: Diese weisen laut Thünen-Studie Gestehungskosten auf, die 12 bis 13 Prozent über Standard-Freiflächenanlagen liegen. Dies erscheint im Vergleich zu Vertikal-Anlagen aus heutiger Sicht als zu hoch, aber bleiben wir hier bei den Annahmen der Thünen-Studie. Diese Anlagen werden einachsig nachgeführt, um zu jeder Tageszeit optimal zur Sonne zu stehen und so die Erzeugung zu maximieren.
Marktwertvorteile bestimmter Agri-Photovoltaik-Anlagen
In Zeiten mittäglicher Stromüberschüsse gewinnen Anlagen an Bedeutung, die in den Schulterstunden, also am Vormittag und späten Nachmittag mehr produzieren, wenn die Preise höher sind. Eine aktuelle Analyse des EWI belegt dies eindrucksvoll für Tracker-Systeme: Tracker-Anlagen erzielten (modelliert für 2024 in Brandenburg) einen um 43 Prozent höheren Marktwert als fest installierte Anlagen mit Südausrichtung, Die gleichmäßigere Einspeisung lastet zudem auch den Netzanschluss besser aus, reduziert Spitzen und damit auch die Systemkosten.
Diese Logik lässt sich auch auf vertikale Agri-Photovoltaik übertragen: Zwar sind deren Marktwertvorteile aufgrund der fixen Bauweise ohne optimierte Nachführung weniger stark ausgeprägt als bei Trackern, doch stehen ihnen ja laut Thünen-Studie ohnehin nur geringe Mehrkosten gegenüber.
Damit dürften beide Systeme bereits heute in spezifischen Projektkalkulationen gegenüber der klassischen, südausgerichteten Freiflächen-Photovoltaik energiewirtschaftlich im Vorteil sein. Die etwas höheren Stromgestehungskosten werden durch die Mehrerlöse mit hoher Wahrscheinlichkeit überkompensiert. Und letztlich sind Profite eben Erlöse minus Kosten. Eine reine Kostenbetrachtung ist betriebswirtschaftlich offensichtlich nicht sinnvoll.
Massive Vorteile bei der Flächeneffizienz
Ein sehr wichtiger Punkt für Landwirte ist der Erhalt der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Der an anderer Stelle von den Thünen-Autoren anschaulich präsentierte Vergleich der Auswirkungen auf den Flächenverbrauch verdeutlicht, dass Agri-Photovoltaik hier viel besser als eine konventionelle Freiflächenanlage abschneidet. Um den gleichen Stromertrag zu generieren, sehen die Einbußen an bewirtschafteter Fläche laut einer Präsentation der Studienergebnisse wie folgt aus:
● Standard-Freiflächenanlage, Südausrichtung: 1,0 Hektar landwirtschaftliche Fläche geht verloren. Andere Nutzungen zum Beispiel für Biodiversität sind möglich.
● Agri-Photovoltaik vertikal: Nur 0,4 Hektar Verlust an Nutzfläche – bei gleicher Stromproduktion und höheren Erlösen.
● Agri-Photovoltaik mit Tracking: Nur 0,2 Hektar Verlust an Nutzfläche – bei gleicher Stromproduktion und noch höheren Erlösen.
Das bedeutet: Mit vertikalen beziehungsweise Tracking-Systemen lassen sich gegenüber der Freiflächen-Photovoltaik Anlage 60 bis 80 Prozent der Fläche für die Nahrungsmittel-produktion erhalten, während die gleiche Menge sauberer Strom zu deutlich höheren Margen geerntet wird.
Zusätzlich können Synergien wie der Schutz vor Winderosion, Starkregen oder hoher Sonneneinstrahlung sowie eine verbesserte Wasserhaltung des Bodens die Klimaresilienz des Betriebs stärken und Nahrungsmittelproduktion sichern.
Fazit: Agri-Photovoltaik ist ein Gewinn für die finanzielle und physische Resilienz des ländlichen Raumes
Agri-Photovoltaik ist also kein ökonomischer Irrweg, sondern ein Werkzeug zur Sicherung der Wertschöpfung im ländlichen Raum. Wenn 4 bis 13 Prozent Mehrkosten auf bis zu 43 Prozent höhere Marktwerte treffen und gleichzeitig 60 bis 80 Prozent der Fläche produktiv in der Nahrungsmittelproduktion bleibt und zugleich die Klimaresilienz erhöht wird, ist die Schlussfolgerung klar: Agri-Photovoltaik mit Trackern oder als vertikale Systeme sind wirtschaftlich sinnvolle Formen, heimische Energie vom Acker zu ernten und zugleich die finanzielle Resilienz der Nahrungsmittelproduktion abzusichern.
— Der Autor Jochen Hauff ist Gründer von Think Resiliency und mobilisiert privates Kapital für Klimaresilienz mit Fokus auf regenerative Landwirtschaft und Erneuerbare. Als „Ambassador Agrivoltaics“ unterstützt er das Global Solar Council, den globalen Verband der Solarbranche. —
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