Der durchschnittliche Zuschlagswert für Langzeitkapazitäten bleibt mit rund 155.000 Euro deutlich unter Höchstwert
Die erste Ausschreibung für Langzeitkapazitäten nach dem Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätsgesetz (StromVKG) war mit 41 Geboten für 11.958 Megawatt reduzierte Leistung mehr als doppelt überzeichnet. Sieben Gebote schloss die Bundesnetzagentur aus, da beispielsweise gesetzlich zwingend erforderliche Angaben nicht gemacht oder erforderliche Nachweise nicht erbracht wurden, wie sie mit den Ergebnissen am Dienstag veröffentlichte. Elf Geboten erhielten demnach einen Zuschlag. Ihr Gesamtvolumen beläuft sich auf rund 5160 Megawatt reduzierter Leistung und liegt damit oberhalb des Ausschreibungsvolumens von 4500 Megawatt, was durch die Größe des letzten erfolgreichen Gebots bedingt ist.
Der durchschnittliche mengengewichtete Zuschlagswert liegt der Bundesnetzagentur zufolge bei 155.296 Euro je reduziertem Megawatt pro Jahr. Er bleibe damit deutlich unter dem Höchstpreis von 244.000 Euro. Das größte Volumen der Zuschläge ging mit 2118 Megawatt reduzierter Leistung nach Nordrhein-Westfalen und verteilt sich auf drei Kraftwerksstandorte. Vier Zuschläge gingen nach Brandenburg mit insgesamt 1819 Megawatt reduzierter Leistung. Zwei weitere Zuschläge gingen nach Sachsen und jeweils einer nach Bayern und Baden-Württemberg.
„In der Ausschreibung gab es einen intensiven Wettbewerb der unterschiedlichen Technologien – also Kraftwerken und Stromspeichern. Dieser Wettbewerb hat zu vergleichsweise niedrigen Zuschlagswerten geführt“, erklärte Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, zu den Ergebnissen. Die Behörde veröffentlichte aber nicht detailliert, wieviele Gebote für Kraftwerke und wieviel für Speicher eingingen.
Sieben Zuschläge für Leag, drei für RWE
Aus der veröffentlichten Zuschlagsliste der Bundesnetzagentur geht aber hervor, dass sechs der Zuschläge an Leag gingen, drei weitere an RWE sowie jeweils einer an die Stadtwerke Karlsruhe und die Gaskraftwerk Leipheim 20 GmbH, die mit Leag verbunden ist.
Leag sicherte sich damit mehr als die Hälfte des Zuschlagsvolumens. Insgesamt kam es auf 2998 Megawatt reduzierte Leistung, wobei die neuen Gaskraftwerke insgesamt eine Leistung von 3680 Megawatt haben werden, wie das Unternehmen mitteilte. Die Zuschläge entfallen auf die Standorte Jänschwalde in Brandenburg, Boxberg in Sachsen und eben Leipheim in Bayern. Leag selbst spricht von „Zukunftskraftwerken“, die einem „FuelSwitch“-Konzept unterliegen, die das Unternehmen an seinen bestehenden Kraftwerksstandorten errichten will. „Vier der neuen Gaskraftwerksblöcke mit jeweils 560 Megawatt Leistung sollen in Jänschwalde entstehen, zwei weitere in Boxberg. Das Energieunternehmen will die neuen Anlagen unter Nutzung vorhandener Kraftwerksinfrastruktur errichten und perspektivisch für den Einsatz von Wasserstoff ertüchtigen (H2-ready), erklärte Leag dazu. Alle Kraftwerke müssen und sollen spätestens Ende 2031 am Netz sein.
Ähnlich sind auch die Pläne von RWE. Es erhielt Zuschläge für drei wasserstofffähige Gaskraftwerke in Nordrhein-Westfalen mit insgesamt rund 2100 Megawatt reduzierte Leistung, was 85 Prozent der Gesamtleistung der Gaskraftwerke entspricht. Bereits in wenigen Wochen soll mit dem Bau der ersten Anlage begonnen werden, kündigte RWE am Dienstag an. Bereits im Vorfeld hatte RWE internationale Konsortien mit der Genehmigungsplanung beauftragt, Fertigungskapazitäten für Kernkomponenten gesichert und Genehmigungsverfahren angestoßen. Insgesamt plane der Energiekonzern bis 2031, rund neun Milliarden Euro in flexible Erzeugung, Batteriespeicher und Anlagen zur Wasserstofferzeugung zu investieren.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bezeichnete die erste Ausschreibung nach dem StromVKG als „großen Erfolg“. „41 Gebote über knapp zwölf Gigawatt zeigen, wie viel Investitionsbereitschaft wir mit den richtigen Rahmenbedingungen mobilisieren. Dieser Wettbewerb zahlt sich aus: Der durchschnittliche Zuschlagspreis liegt mit rund 155.000 Euro deutlich unter dem Höchstpreis von 244.000 Euro“, so Reiche. Dies sei auch Sicht der Stromkunden wichtig, da es die Kosten zur langfristigen Absicherung der Stromversorgung sichere. Zugleich werde mit den neuen Gaskraftwerken und der zusätzlich gesicherten Leistung auch der weitere Ausbau der Erneuerbaren sowie der Kohleausstieg abgesichert. „Wir verbinden verlässliche Stromversorgung mit Kosteneffizienz und den Zielen der Energiewende. Aus einer lange diskutierten Strategie werden jetzt konkrete Investitionen in die Zukunft unseres Landes“, erklärte Reiche weiter.
Einordnung von Enervis
Die Analysten von Enervis haben die Ergebnisse detailliert ausgewertet. Sie stellten dabei fest, dass die erste StromVKG-Ausschreibung von Kohle-zu-Gas-Konversionen geprägt sei. Diese machten rund 53 Prozent der bezuschlagten Leistung aus, darunter die Kraftwerke in Jänschwalde und Boxberg von Leag. 41 Prozent des Zuschlagsvolumens entfalle auf neue Gaskraftwerke (GuD) und mit dem Zuschlag für die Stadtwerke Karlsruhe auch ein Prozent auf Gasmotoren. „Konversionen ermöglichen durch die Weiterverwendung bestehender Kraftwerkskomponenten geringere Investitionskosten und damit niedrigere Gebote“, heißt es zur Einordnung von Enervis. „Diesem Kostenvorteil dürften jedoch geringere elektrische Wirkungsgrade gegenüber modernen GuD-Neubauten gegenüberstehen, die Wirkungsgrade von über 60 Prozent erreichen können. Für die Bewertung der Konversionen sind deshalb sowohl die Investitionskosten als auch die späteren Erzeugungskosten relevant.“
Die Analysten von Enervis bewerten den durchschnittlichen Zuschlagswert „als sehr niedrig“, selbst wenn die Vielzahl an Konversionen berücksichtigt werde. „Entscheidend ist dabei der gesetzliche Preisspitzenausgleich: Er begrenzt das Erlöspotenzial am Strommarkt in Hochpreisphasen und muss bei der Gebotskalkulation berücksichtigt werden“, so Enervis weiter.
Die Einschätzung von Reiche, dass der niedrige Zuschlagswert zu geringeren Kosten für die Stromverbraucher führen wird, sieht Enervis eher skeptisch. Es müsse abgewartet werden, wie sich die Konversionsanlagen mit geringeren Wirkungsgraden auf dem Strommarkt auswirken. Gegenüber den neuen Gaskraftwerken verursachten sie höhere Brennstoff- und CO2-Kosten je erzeugtem Megawatt. „Soweit diese Anlagen preissetzend sind, können daraus höhere Großhandelsstrompreise resultieren. Die dadurch entstehenden Mehrkosten könnten die Einsparungen bei den Kapazitätszahlungen vollständig ausgleichen oder sogar übersteigen“, heißt es von Enervis. Damit sei trotz der geringer als erwartet ausfallenden Förderkosten eine höhere Gesamtbelastung für die Stromverbraucher möglich.
Hoher Südanteil in zweiter Ausschreibungsrunde zu erwarten
Noch in diesem Jahr ist eine zweite Ausschreibungsrunde für Langzeitkapazitäten nach dem StromVKG geplant. „Die Bundesnetzagentur wird nun zügig die zweite Runde vorbereiten und alle Vorkehrungen treffen, die für einen Start in einen Kapazitätsmarkt notwendig sind“, sagte Bundesnetzagentur-Präsident Müller.
Enervis wies darauf hin, dass aufgrund der Überschreitung des Volumens in der ersten Runde nur noch 3840 Gigawatt an Volumen verbleiben, die ausgeschrieben werden. Im StromVKG ist die Vergabe von Zuschlägen für insgesamt neun Gigawatt an Langzeitkapazitäten für dieses Jahr festgeschrieben. Zudem gibt es eine Nord- und Südquote, die erfüllt werden soll. Rund 47 Prozent der bezuschlagten Leistung in der ersten Runde befinde sich im netztechnischen Süden, dort sollen aber zwei Drittel der gesicherten Leistung entstehen. Damit, so Enervis weiter, müssen rund 93 Prozent des verbleibenden Volumens in der zweiten Runde auf Südstandorte entfallen. „Der Südbonus begünstigt entsprechende Projekte, garantiert diesen Südanteil jedoch nicht“, schreiben die Analysten. Sie erwarten angesichts der Vielzahl der Gebote, die in der ersten Ausschreibungsrunde nicht zum Zug kamen, auch in der zweiten Runde einen hohen Wettbewerb. „Bereits eine erneute Teilnahme eines wesentlichen Teils der bislang erfolglosen Projekte könnte zu einer deutlichen Überzeichnung führen. Weitere Konversionsprojekte könnten den Wettbewerbsdruck zusätzlich erhöhen“, so ihre Einschätzung.
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