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Agora-Studie sieht 66 Milliarden Euro Einsparpotenzial beim Verteilnetzausbau

Die bisherige Planung nutze Potenziale des neuen Energiesystems zu wenig aus. Das führe zu einem unnötig hohen Bedarf an Stromleitungen, Trafos und Umspannwerken und damit auch zu höheren Netzentgelten. Im bisherigen Stil werde der Ausbau rund 250 Milliarden Euro kosten – dies lasse sich um rund 66 Milliarden Euro reduzieren.
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Beim Verteilnetzausbau ließen sich etliche Milliarden einsparen, rechnet Agora Energiewende vor. | Foto: Bayernwerk Netz GmbH

Eine Modernisierung von Betrieb und Planung kann die bis 2045 veranschlagten Ausbaukosten für Deutschlands Verteilnetze um rund ein Viertel senken. Dies ist die Kernaussage einer Studie von Agora Energiewende, die vor dem Hintergrund der für Anfang November geplanten Vorlage der Ausbaupläne durch die Verteilnetzbetreiber erstellt wurde.

Rund 250 Milliarden Euro koste der Verteilnetzausbau bis 2045, wenn die Betreiber weiter wie bisher planen und bauen, heißt es dazu von Agora. Die Studie zeige, dass sich diese Kosten um mehr als ein Viertel reduzieren ließen, „wenn innovative Betriebsmöglichkeiten genutzt und in den Netzausbauplänen berücksichtigt werden“. Dies entlaste zudem auch kurzfristig die bestehenden Engpassgebiete.

Im Fokus der Studie stehen Flexibilitäten. Eine bessere Auslastung der Leitungen und ein gezieltes Abfangen seltener Belastungsspitzen lasse sich etwa dadurch erreichen, dass Netzbetreiber das Potenzial des neuen Energiesystems, insbesondere die flexible Nachfrage von Wärmepumpen, Elektroautos und Speichern, besser heben. In der bestehenden Planung bleibe dies indes „weitestgehend unberücksichtigt. Dadurch steigt der Bedarf an Stromleitungen, Trafos und Umspannwerken mehr als nötig – und führt zu höheren Netzentgelten bei Verbraucherinnen und Verbrauchern“.

Der Berliner Thinktank sieht hierbei auch Bundesregierung und Bundesnetzagentur in der Pflicht. Sie müssten die für eine langfristig kostengünstige Netzversorgung erforderlichen modernen Betriebs- und Planungsansätze durch einen angepassten Regulierungsrahmen begünstigen. Dies ermögliche den Verteilnetzbetreibern die verlässliche Planung innovativer Maßnahmen. Hierzu zählt Agora differenzierte, der lokalen Netzauslastung entsprechende Preissignale sowie teilweise kleinere Netzanschlüsse, bei denen Flexibilitäten – zum Beispiel Stromspeicher – die maximale Leistungsspitze tragen. Auch müsse Betreibern „im Notfall“ eine gezielte Netzentlastung möglich sein.

Verschiebung von der Einspeisungs- zur Lastseite

„Die neue Generation von Stromverbrauchern und -erzeugern erfordert auch eine moderne Nutzung der Stromnetze“, sagt Julia Bläsius, Direktorin von Agora Energiewende Deutschland. Deshalb müsse gelten: „Innovation, wo möglich, Ausbau, wo nötig.“ Ein Hinauszögern des Netzausbaus durch das Bremsen der Energiewende hingegen verschiebe die Herausforderungen höchstens. „Stattdessen sollten Bundesregierung, Bundesnetzagentur und Betreiber – parallel zum Netzausbau – dringend innovative und günstigere Alternativen voranbringen und in der Planung verankern.“

Den größten Ausbaubedarf der Verteilnetze prognostiziert die Studie für die Zeit ab Mitte der 2030er-Jahre. Hauptgrund sei der steigende Bedarf durch Elektroautos, Wärmepumpen und strombasierte Prozesse in Industrie und Gewerbe. Damit verschiebe sich auch die Belastung der Netze von der Einspeise- zur Lastseite. Aktuell zur Netzentlastung greifende Maßnahmen wie Co-Location von Batteriespeichern und großen Erneuerbare-Energien-Anlagen oder das Übernauen von Netzanschlüssen seien kurz- und mittelfristig wirksam und könnten Zeit verschaffen. Längerfristig seien aber andere Maßnahmen erforderlich.

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Entwicklung installierter Leistung je Technologie im Verteilnetz bis 2045. | Grafik: Agora Energiewende

Die Studie sieht deshalb bei der am Verteilnetz installierten Leistung unter anderem einen zwar steigenden Pfad von Erzeugungsanlagen, also Offshore-Wind sowie Photovoltaik auf Freiflächen und Dächern (Onshore-Windkraft ist auf der Hochspannungsebene angeschlossen). Den größten Posten bei der angeschlossenen Leistung stellen aber schon um 2030 Elektro-Pkw. Bis 2045 setzt sich dieser auch von Elektro-Lkw, Rechenzentren sowie großen und kleinen Wärmepumpen getragene Anstieg der Last in hohem Tempo fort.

Batteriegroßspeicher als Brückenlösung

Bei Batteriespeichern am Verteilnetz wächst der Studie zufolge die installierte Leistung zwar an, verschiebt sich aber auf Kleinspeicher. Für Großbatteriespeicher ist demnach bis 2035 ein Anstieg zu erwarten, danach aber verringert sich die Gesamtleistung sogar deutlich. Die am Verteilnetz zum Großteil in Co-Location arbeitenden Batteriegroßspeicher seien eine „Brückenmaßnahme“, heißt es in der Studie. Langfristig würden Großspeicher vor allem am Übertragungsnetz angeschlossen.

Es seien vor allem zwei Dinge zur Bewältigung der wachsenden Herausforderungen wichtig, so Bläsius. Dies sei zum einen ein „vielseitiger Instrumentenkasten“ für die Netzbetreiber: „An einem kalten Wintertag, an dem viele Wärmepumpen laufen und E-Autos in den Abendstunden laden, wirken andere Instrumente als an Sommertagen mit Solarspitzen zur Mittagszeit.“ Zweitens benötigten die Betreiber „klare Leitplanken, um diese Möglichkeiten auch in die Planung einbeziehen zu können“. Die mögliche Verringerung des Ausbaubedarfs könnte Agora zufolge mindestens 2 Milliarden Euro pro Jahr ab 2030 und 5 Milliarden Euro pro Jahr ab 2035 einsparen. Dem gegenüber habe die Bundesregierung 2026 allein 6,5 Milliarden Euro zur Senkung der Netzentgelte aufgewandt.

Die Berechnungen der Studie basieren auf einer von Agor in Auftrag gegebenen umfassenden Modellierung durch das Beratungsunternehmen Consentec und die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE). Die 101-seitige Studie steht zum kostenfreien Download bereit.

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Kommentare

Detlef K
21 Stunden

„Die am Verteilnetz zum Großteil in Co-Location arbeitenden Batteriegroßspeicher seien eine „Brückenmaßnahme“, heißt es in der Studie. Langfristig würden Großspeicher vor allem am Übertragungsnetz angeschlossen.“

Ob das wirklich so sein wird, werden wir sehen. Ich bezweifele das, es setzt schließlich voraus, dass wir bei der zentralen Gaswerksstrategie a la Reiche bleiben werden. Klar brauchen wir „auch“ an Netzknoten in der Übertragung Speicher… dass aber dezentrale Speicher in der Verteilung nur eine „Brückenmaßnahme“ sein sollen, glaube ich nicht. Dazu sind die dezentralen kommunalen Methoden viel zu wirkmächtig, sie drücken schließlich die Preise und wirken direkt und lokal beim Bürger und Unternehmen. Aus meiner Sicht wird da noch lange nicht das letzte Wort gesprochen sein. Die Akzeptanz beim Bürger und Marktwirtschaft ist langfristig mächtiger, als Lobbyinteressen…