Photovoltaik rettet Leben
Bis Ende dieses Jahres will die Kampagne Solar für die Ukraine mindestens einem Dutzend Krankenhäusern in der Ukraine zu notstromfähigen Photovoltaik-Systemen verhelfen. „Wenn das Spendenaufkommen es ermöglicht, auch mehr“, heißt es bei der Biohaus-Stiftung, die seit Mitte 2024 gemeinsam mit Greenpeace Deutschland und Greenpeace Ukraine die Kampagne organisiert.
Wer sich kurz vorstellt, welche Folgen Stromausfälle in einem Krankenhaus haben, wenn sie nicht für Minuten, sondern für etliche Stunden auftreten und nicht alle paar Jahre einmal, sondern nahezu täglich, der erkennt schnell, worum es hier geht. Wo Notstrom-Aggregate überfordert oder mangels Treibstoff nicht verfügbar sind, darf man ohne falsches Pathos sagen, dass eine Photovoltaik-Anlage auf einem Krankenhaus Leben retten kann.
Aber trotz dieser Dramatik oder vielmehr gerade deshalb stellt die Kampagne überraschend nüchterne Überlegungen an. Das muss so sein, schließlich ist eine möglichst effektive Verwendung der verfügbaren Mittel extrem wichtig.
„Wir wollen keine gebrauchten Module mehr in die Ukraine schicken“, lautet eine dieser auf den ersten Blick vielleicht etwas irritierenden Überlegungen. Willi Ernst, der die Biohaus-Stiftung zusammen mit Dagmar Schmidt-Gold 2009 gegründet hat und zuvor mit seiner Firma Biohaus PV – die er 2006 verkaufte – zu den Solarpionieren in Deutschland zählte, kann das aber gut begründen. Selbstredend will niemand den Menschen, die solche Gebraucht-Module gern einem vernünftigen Zweck zuführen würden, die kalte Schulter zeigen. Aber eines der größten und vor allem kostenträchtigsten Probleme ist nun einmal der Transport. Alte Module mit ihren geringen Wirkungsgraden erhöhen die Kosten pro Kilowatt – so einfach ist das. Die Kampagne profitierte deshalb zum Beispiel davon, dass Ende letzten, Anfang dieses Jahres viele Photovoltaik-Unternehmen noch Module der 400 Watt-Generation auf Lager hatten – nagelneu, aber schwer verkäuflich. Etliche davon sind jetzt in der Ukraine im Einsatz.
Jede Hilfe ist auch ein Markteintritt
Willi Ernst kann noch weitere, durchaus nüchterne Überlegungen zu der Kampagne darlegen. Zum Beispiel für die Suche nach „Patenfirmen“, die etwa bei der Ausbildung, der Systemplanung oder auf andere Weise unterstützen. Sie erzielen dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für sich selbst einen Vorteil, denn „jede Hilfe ist, wenn man so will, ein Markteintritt“. Nicht nur Ernst ist überzeugt davon, dass die Ukraine, deren Photovoltaik-Zubau schon vor dem russischen Überfall im Februar 2022 merklich an Fahrt aufgenommen hatte, langfristig ein wichtiger Markt sein wird. Schon weil die Menschen dort gelernt haben – lernen mussten –, welche Vorteile eine dezentrale Stromversorgung hat.
Das Stichwort „dezentral“ führt zur nächsten sachlich-nüchternen Überlegung: Die Kampagne bekommt häufig Wechselrichter angeboten, muss aber etliche davon – nämlich die rein netzgekoppelten – meist ablehnen: „Wir können aufgrund der Situation in der Ukraine kaum noch netzgekoppelte Anlagen bauen“, so Ernst, denn die Infrastruktur wird von der russischen Armee immer wieder angegriffen. Deshalb werden die von Solar für die Ukraine ausgewählten Krankenhäuser mit notstromfähigen Systemen ausgestattet. 60 Kilowatt Modulleistung, ein 40 Kilowatt-Hybrid-Wechselrichter und ein Batteriespeicher mit 72 Kilowattstunden, so sieht eine typische Konstellation aus.
Eine Solarfirma – auch für die Zeit nach dem Krieg
Letztlich muss natürlich jede Anlage nach Möglichkeit auf den Bedarf am jeweiligen Einsatzort zugeschnitten sein. Sie muss außerdem installiert und gewartet werden. Dies sind einige Gründe für eine weitere Initiative, die im Umfeld der Kampagne entstand: „SolarWommen4Ukraine“, Solarfrauen für die Ukraine, verfolgt das Ziel, eine eigene Firma aufzubauen. Rund 30 Frauen haben mit Unterstützung von Greenpeace eine Grundlagenschulung erhalten. Der Hintergrund ist auch hier ein sachlich-nüchterner: Frauen sind nicht, oder jedenfalls nicht vorrangig, deshalb die Zielgruppe, weil ihnen das Solarteurs-Berufsfeld erschlossen werden soll. Sondern weil so viele Männer im Krieg sind. Und trotzdem besteht auch hier die Hoffnung, den Solarfrauen für die Ukraine auch nach dem Krieg eine Perspektive zu bieten. Jedenfalls, so Ernst, soll die Firma keineswegs auf die Krankenhaus-Projekte beschränkt bleiben, sondern „auch im regulären Bereich Kunden suchen“.
Firmen, die zum Beispiel bei der Schulung einer Installateurin in Deutschland unterstützen oder auf andere Weise mithelfen wollen, sind darum nach wie vor gesucht. Ebenso jeder, der Material spenden kann, darunter unbedingt auch Werkzeug vom Kennlinienmessgerät bis zum Schraubendreher. Und die Basis für jede Hilfe ist, wie immer, selbstredend Geld. Denn es geht nicht nur darum, das aktuelle Ziel von zwölf mit Photovoltaik ausgestatteten Krankenhäusern zu erreichen – danach kann und muss es sofort weitergehen: Es gibt, so Willi Ernst, „an die 100, die jetzt noch warten“.
So wichtig die Arbeit für die Ukraine auch ist: Die Biohaus-Stiftung unterstützt noch weitere Projekte, etwa in Haiti und Kolumbien, aber auch in Deutschland und auch nicht nur im Energiebereich. Auf der Website der Stiftung finden Sie auch weitere Informationen und Kontaktdaten zu Solar für die Ukraine (natürlich auch eine Bankverbindung für Spenden).
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