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Warum Agri-Photovoltaik für den Kampf gegen den Klimawandel unverzichtbar ist

Solarinput bezieht Stellung zu einer Studie, die Mehrkosten von Agri-Photovoltaik gegenüber herkömmlichen Freiflächenanlagen quantifiziert. Dabei werden jedoch die technologische Entwicklung und der systemische Mehrwert der hybriden Landnutzung zum Schutz der Pflanzenkulturen außer acht gelassen, erläutert Vera Romeike, Projektkoordinatorin Solarinput e.V..
Apfel-Agri-PV-Anlage in Gelsdorf vom Obsthof Nachtwey
Das Bild zeigt die Apfel-Agri-PV-Anlage in Gelsdorf vom Obsthof Nachtwey. | Foto: Solarinput e.V.

Die jüngst veröffentlichte Studie zur Wirtschaftlichkeit der Agri-Photovoltaik vom Thünen-Institut sorgt für Diskussionen. Mit einer Kostenspanne von 4 bis 148 Prozent gegenüber Freiflächenanlagen scheint das Urteil über die Technologie gefällt, wie pv magazine berichtete. Doch eine detaillierte methodische Betrachtung offenbart signifikante Lücken: Die Analyse unterschätzt nicht nur das technologische Tempo, sondern ignoriert auch den systemischen Mehrwert dieser hybriden Landnutzung.

Eine fundierte betriebswirtschaftliche Datenbasis ist für den Markthochlauf der Agri-Photovoltaik essenziell. Doch die ökonomische Bewertung der aktuellen Studie weist Defizite hinsichtlich der Aktualität, Repräsentativität und Validität der verwendeten Werte auf. Wer Agri-Photovoltaik isoliert als „Solarpark mit landwirtschaftlichem Hindernis“ betrachtet, ohne die physische Ertragssicherung durch Mikroklimaeffekte und die strategische Bedeutung für die nationale Energie- und Nahrungsmittel-Versorgungssicherheit gegenzurechnen, zieht zwangsläufig die falschen Schlüsse.

Die Doppelnutzung der Agrarflächen bietet ein enormes Potential für die Erzeugung von „grünem Strom“ und schafft somit eine zügige und umfassende Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern u.a. durch die Bereitstellung von zusätzlichen Flächen. Agri-Photovoltaik ist ein wichtiger Pfeiler für das Erreichen der Klimaziele.

Das Problem der veralteten Datengrundlage

Die ökonomische Bewertung der Studie stützt sich auf Investitionsdaten aus den Jahren 2022 und 2023. Diese Datenbasis umfasst viele Pilotprojekte und Prototypen mit suboptimalen Systemdesigns, die nicht mehr den heutigen Standards der Anlageneffizienz entsprechen. Zudem haben die Preise für Module und Systemkomponenten in den Jahren 2024 und 2025 eine massive Degression erfahren.

Darüber hinaus stehen wir bei aufwendigen Aufständerungssystemen erst am Anfang der technologischen Lernkurve. Durch Standardisierungen und Skaleneffekte werden die Investitionskosten (Capex) in den kommenden Jahren weiter signifikant sinken. Eine statische Betrachtung vergangener Kostenfaktoren wird der Dynamik des Sektors daher nicht gerecht.

Fehlende Einpreisung agronomischer Synergien

Agri-Photovoltaik-Anlagen sind keine reinen Energieerzeuger, sondern verändern aktiv das Mikroklima auf der landwirtschaftlichen Fläche. Die Studie vernachlässigt den direkten wirtschaftlichen Nutzen, der daraus resultiert:

  • Witterungsschutz: Die Module bieten physischen Schutz vor Starkregen, Hagel und Spätfrösten. Dies kann teure Schutznetze – etwa im Obstbau – ersetzen und minimiert das Risiko von Totalausfällen.
  • Wassermanagement: Die Teilbeschattung senkt die Verdunstung von Boden und Pflanzen signifikant. In zunehmenden Dürreperioden schützt dies Erträge und senkt die Kosten für künstliche Bewässerung.

Ökologischer Mehrwert als Kostenfaktor?

Methodisch höchst fragwürdig ist die Einordnung ökologischer Maßnahmen in der Studie. Maßnahmen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt werden dort als rein belastender Kostenpunkt aufgeführt. Dabei zeigen Feldstudien, dass Agri-Photovoltaik-Flächen durch Extensivierung oft von selbst zu Hotspots der Artenvielfalt für Insekten und Vögel werden. Diese „ökologische Rendite“ bleibt in der rein betriebswirtschaftlichen Betrachtung der Studie unberücksichtigt.

Strategische Bedeutung für die Agrarstruktur

Ein oft übersehener Faktor ist die sozioökonomische Perspektive der Landwirte. Während der Ausbau reiner Freiflächenanlagen Pachtpreise oft in existenzbedrohende Höhen treibt und die Eigentumskonzentration durch außerlandwirtschaftliche Investoren verschärft, bietet die Agri-Photovoltaik einen Ausweg. Sie ermöglicht es bäuerlichen Betrieben, die landwirtschaftliche Produktion als Hauptnutzung beizubehalten und gleichzeitig eine zweite Einkommensquelle zu erschließen. Dies sichert die Existenz kleiner und mittlerer Höfe und wirkt dem Höfesterben entgegen.  Da die landwirtschaftlichen Flächen nicht für Photovoltaik-Freiflächenanlagen verloren gehen, kann von zusätzlichem Landgewinn gesprochen werden.

Fazit: Systemwert vor reinem Capex

Für zukünftige politische und ökonomische Rahmenbedingungen darf nicht nur der Preis der Technologie entscheidend sein, sondern ihr gesamtgesellschaftlicher und agrarischer Wert. Agri-Photovoltaik ist die Lösung für das „Solarstrom-oder-Teller“-Dilemma: Sie ermöglicht den massiven Ausbau erneuerbarer Energien, ohne die nationale Lebensmittelproduktion einzuschränken.

Mit der Einführung von Innovationen wie Tandemsolarzellen und steigenden Recyclingwerten wird die Effizienz weiter zunehmen. Es ist an der Zeit, Agri-Photovoltaik als das zu sehen, was sie ist: Ein integriertes System, das sowohl die Energie- als auch die Landwirtschaft resilienter für die Zukunft macht.

— Die Stellungnahme entstand in Zusammenarbeit mit Hubert Aulich, Vorstandsvorsitzender Solarinput e.V.,  Kerstin Wydra, Professorin für Pflanzenproduktion im Klimawandel an der Fachhochschule Erfurt und stellvertretende Vorsitzende SoiarInput e.V. und Vera Romeike, Projektkoordinatorin Solarinput e.V. Hier finden Sie die vollständige Stellungnahme vom SolarInput e.V.

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Kommentare

Uwe Dahlmeier
4 Minuten

Vielen Dank für die Stellungnahme zu der Studie zur Wirtschaftlichkeit der Agri-Photovoltaik vom Thünen-Institut Nehmen wir als Beispiel für den Mehrwert der Agri-PV den Weinbau. Aufgrund des Klimawandels steht dieser in zahlreichen Lagen vor der Herausforderung zu hoher Öchslegrade. Der Wein enthält zu viel Zucker und er kann nicht trocken ausgebaut werden. Agri-PV ist eine Lösung. Die Trauben können ausreifen, ein gutes Aroma ausbilden, ohne zu viel Zucker einzulagern. Die Alternativen sind Beschattung durch Netze oder ähnliches mit hohen kosten ohne Mehrertrag oder die Aufgabe der Produktion. An der Produktion hängt eine ganze Verarbeitungskette und diese liefert bei Standard Flaschenweinen Erträge von ~ 15’000 – 35’000 € je ha, bei spitzenlagen bis über 100’000 €. Das überwiegt die jährlichen Mehrkosten einer Argi-PV Anlage. Unterstrichen wird das dadurch, dass Spitzenwinzer die Agri-PV längst nutzen, basierend auf einer eigenen ökonomischen Kalkulation und nicht auf Basis einer allgemeinen Studie.