Seit die Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche für ein sogenanntes Netzpaket und den darin enthaltenen Redispatch-Vorbehalt bekannt wurden, versucht insbesondere die Erneuerbare-Energien-Branche die drohenden Folgen abzuschätzen. Analysen hierzu gab es etwa von Aurora Energy Research oder dvlp.energy. Jetzt hat auch das energiewirtschaftliche Beratungsunternehmen Enervis im Auftrag des Energieversorgers Green Planet Energy eine Folgenabschätzung vorgelegt.
Die „Auswirkung des Redispatchvorbehalts auf die Projektpipline und Investitionsvolumen von PV und Wind Onshore“, so der Titel der zum Download verfügbaren Analyse, wären demnach erheblich. Ausgehend von dem im Februar bekannt gewordenen, nicht offiziellen Referentenentwurf aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, hat Enervis die Folgen für in der Planung schon weit fortgeschrittene Projekte taxiert.
Der inzwischen in der Tendenz vom Ministerium bestätigte Entwurf sieht vor, dass Netzbetreiber Umspannanlagen und zugehörige Leitungen für bis zu zehn Jahre als kapazitätslimitiertes Netzgebiet ausweisen können, sofern sie nachweisen, dass im jeweiligen Vorjahr mehr als drei Prozent der theoretisch möglichen Einspeisung dem Redispatch – vereinfacht: der lastbedingten Reduzierung von Strommengen, die aus einem Netzgebiet nicht abtransportiert werden können – unterlag und deshalb abgeregelt wurde. In solchen Gebieten dürfen dann zwar weiterhin Photovoltaik-, Windkraft- und andere Erzeugungsanlagen gebaut werden, sie erhalten dort aber im Falle einer Abregelung keine Entschädigung. Der Vorbehalt entfällt erst, wenn im betreffenden Gebiet drei Jahre lang die 3-Prozent-Grenze nicht erreicht wurde.
Das hätte Konsequenzen für Projekte, die bereits genehmigt sind, sich im Verfahren befinden oder kurzfristig gebaut werden könnten. Um diese Kategorien ging es nach Angaben von Green Planet Energy in der Studie. Die Auswirkungen wären substanziell: Enervis hat Daten zum Redispatch-Verlauf im Jahr 2025 von den Verteilnetzbetreibern Avacon, Bayernwerk, Edis, EWE Netz, Schleswig-Holstein Netz, Westfalen Weser Netz, Osthessen Netz, Mitnetz, EAM-Netze und Pfalzwerke ausgewertet. Dies umfasst 224 von 433 deutschen Landkreisen und damit rund 66 Prozent der Landesfläche. In 90 betrachteten Landkreisen wäre 2025 die Redispatch-Schwelle überschritten worden. Unter diesen Bedingungen ließe sich dort ein Projektvolumen von insgesamt 23 Gigawatt Windkraft und 9,2 Gigawatt nicht wie geplant realisieren. Die damit verbundenen und dann voraussichtlich nicht erfolgenden Investitionen belaufen sich den Angaben zufolge auf rund 40 Milliarden Euro für die Windkraft- und 4,9 Milliarden für die Photovoltaik-Projekte.
„Dem Wasser die schuld für marode Leitungen anlasten“
Diese Auswirkungen würden sich logischerweise je nach Rahmenbedingungen ändern. So war 2025 ein windschwaches Jahr, die Zahl der betroffenen Regionen kann deshalb weiter zunehmen. „Die Erlösrisiken steigen, da nicht verlässlich vorhersehbar ist, ob eine Region im Projektzeitraum als kapazitätslimitiertes Netzgebiet ausgewiesen wird“, erklärt Tim Höfer, Energiemarktexperte bei Enervis und Autor der Studie.
Die Studie benennt auch einen weiteren Effekt des Redispatch-Vorbehalts: Es wird nicht zwischen Technologien und deren ganz unterschiedlichen Erzeugungsprofilen unterschieden. Deshalb wäre in einer Region, in der viele Redispatch-Vorgänge für Windkraft zum Vorbehalt führen, auch der Photovoltaik-Zubau betroffen und umgekehrt.
„Nicht weniger Erneuerbare, sondern bessere Netze“ lautet deshalb die Forderung von Green Planet Energy. Das Netzpaket müsse grundlegend überarbeitet und Risiken dürften nicht auf Projektierer abgewälzt werden. Es brauche klare, faire und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen. Entscheidend sei außerdem, die Ursachen für Netzengpässe anzugehen. „Den Erneuerbaren die Schuld für Netzprobleme zu geben, ist, als würde man dem Wasser marode Leitungen anlasten“, erklärt Carolin Dähling, Bereichsleiterin Politik und Kommunikation bei Green Planet Energy.
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