Werden alle Raucher 100?

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Genau dieser Frage drängt sich auf, wenn man dieser Tage einen Blick in die sozialen Medien wirft: Denn kaum haben wir mal drei Tage am Stück eine Temperatur von unter minus fünf Grad, genauer gesagt das, was wir früher mal „Winter“ genannt haben, schon wachen sie auf: Die Schwurbler und Realitätsverdreher!

Denn, so sinngemäß: An den aktuellen Temperaturen sieht doch ein Blinder, dass das ganze Gerede von Klimawandel und Erderwärmung vollkommener Unsinn ist! Alles nur eine Verschwörungstheorie, um uns das Geld aus der Tasche zu ziehen und unsere Wirtschaft zugrunde zu richten! Ganz im Gegensatz natürlich zu anderen „mutigen“ Politikern oder ganzen Ländern, die diesen grünen Lügen natürlich nicht auf den Leim gehen! Meistens gibt es dann noch ein paar mutige Kommentatoren, die noch mal versuchen, den Unterschied zwischen Wetter und Klima oder gar den Sinn einer statistischen Verteilung zu erklären. Aber die gehen meistens im zustimmenden Shitstorm vollkommen unter, egal ob von realen Personen oder von Chatbots.

Nun ist aber diese kurze Winterphase scheinbar nach wenigen Tagen schon wieder vorbei. Es folgen mitten im Januar Temperaturen von 10 Grad und mehr. Aber wo sind sie nun, die selbsternannten alternativen Klimawissenschaftler? Kein Wort hört man jetzt mehr von Ihnen! Aber das ist auch kaum verwunderlich, denn wer von einer Fossilwirtschaft finanziert wird, die seit 30 Jahren jeden Tag eine Milliarde US-Dollar verdient, der muss ja vielleicht auch nicht jeden Tag arbeiten.

Dafür können wir aber am selben Tag in der Presse unter der Überschrift „Patagonien brennt“ einen Bericht über den Beginn der vermutlich schwersten erwarteten Walbrandsaison in Argentinien lesen und gleich daneben wird über den Beginn der Waldbrandsaison in Australien bei über 40 Grad und großer Trockenheit berichtet. Wir werden sehen, was uns 2026 bringen wird.

Nun was hat denn das jetzt alles mit den Rauchern zu tun?

Nun ja, bei den Rauchern können wir es irgendwie scheinbar alle verstehen und intellektuell noch nachvollziehen? Denn obwohl wir vielleicht den ein oder anderen Raucher kennen, der ein respektables Alter erreicht – was natürlich jedem von Herzen vergönnt sei – kann doch wohl jeder nachvollziehen, dass insbesondere starkes Rauchen sich tendenziell doch eher stark verkürzend auf die Lebenszeit auswirkt.

Was also beim Rauchen scheinbar alle noch verstehen, das verstehen viele bei der Klimakrise leider nicht. Oder besser gesagt: Sie wollen es einfach nicht verstehen!

Vielmehr wollen sie diese wenigen, aber für jeden sichtbaren und fühlbaren Wintertage nutzen, um die Öffentlichkeit wieder mal kräftig aufzuwiegeln! Es wird uns dann erklärt, dass alle Klimaforscher, wie man beim Blick aus dem Fenster ja klar erkennen kann, vollkommenen Unsinn reden! Es wird dann auch gleich erklärt, dass unsere wirtschaftliche Schwäche daran hängt, dass wir ja in erneuerbare Energien investieren. Und es wird erklärt, dass Deutschland hier der komplette Alleingänger und Geisterfahrer auf der Welt ist! Es wird natürlich auch erklärt, dass es eine ganz tolle Partei gibt, die alle diese Probleme – sozusagen mit einem Federstrich – lösen kann! Und das ohne dass Sie das jemals an irgendeiner Stelle bewiesen hätte.

Nun ja, das sind wir ja mittlerweile gewohnt und man möchte meinen, dass sich das auf eine gewisse Klientel beschränken würde. Aber weit gefehlt, denn auch etablierte Parteien stimmen mittlerweile immer wieder in diesen Chor ein, um möglicherweise verlorene Wählerstimmen wiederzugewinnen. Da will man SMR-Reaktoren bei uns bauen, die angeblich in Kanada schon in der Masse im Einsatz sind, dabei gibt es real nicht einen einzigen davon. Da will man aus einem „Heizungsgesetz“ aussteigen, das im Übrigen die CDU selbst im Kern beschlossen hat! Vielleicht sollte man gerade deswegen auch den richtigen Namen des Gesetzes kennen? Informationen zu irgendwelchen sachlichen Änderungen – außer der ganz wichtigen Änderung des Namens – gibt es aber nach Monaten keine. Und man will natürlich mit Hochdruck ein Verbrennerverbot rückgängig machen, das es ebenfalls nie gab. Denn in Zukunft wird es ja nun „hocheffiziente Verbrenner“ geben! Ein Begriff, der die Regierungssprecher in der Pressekonferenz beim Versuch, den Inhalt zu erklären, der Lächerlichkeit preisgab.

Und es ist auch sehr modern, immer auf den „Markt“ zu verweisen. Denn Verbote und Vorgaben kann und will die heutige Politik nicht mehr durchsetzen. Ein Rauchverbot in Gaststätten, eine Gurtpflicht oder Tempo 50 in Ortschaften sind für uns zwar vollkommen akzeptierte und sinnvolle Regeln, aber Vorgaben zum Klimaschutz empfinden wir scheinbar immer noch als Zumutung. Nunja, dabei geht es ja auch „nur“ um den Schutz unserer Lebensgrundlagen und der unserer Kinder. Statt sinnvolle Vorgaben zu machen, verweist die Politik also hier gerne auf den Markt und den CO2-Preis.  Solange die Einführung noch weit weg ist, klappt das prima und wenn es dann soweit ist, kann man ja wieder Ausnahmen beschließen. Ohne Frage belastet ein CO2-Preis beispielsweise schwache Haushalte, aber ein „Klimageld“ könnte genau dieses Ungleichgewicht beheben. Alles schon mal diskutiert und leider nie eingeführt.

Aber zurück zur Wirtschaft: Denn ganz abgesehen von der drohenden Klimakrise wusste man früher in Deutschland sowohl in der Politik als auch in den Führungsebenen der Konzerne, dass man wirtschaftliche Stärke nur durch Innovationen erreichen kann und nicht durch weitere Investitionen in ein stetig schrumpfendes Nischensegment.

Wer sich wirklich sachlich informieren will, ob sich denn der Geisterfahrer Deutschland auf einem Irrweg befindet, der kann dies bei Bruno Burger in den Energy Charts tun. Dort sieht man, dass Deutschland beim Zuwachs der Photovoltaik- und Windstromerzeugung mit 86 Prozent in den letzten zehn Jahren nicht an der Spitze steht, sondern recht genau dem Durschnitt der EU entspricht. Oder er kann bei Christian Stöcker nachlesen, dass China in 2025 so viel erneuerbare Energien zugebaut hat wie der gesamte Rest der Welt. Oder dass 2024 weltweit 92,5 Prozent der weltweiten Investitionen in energetische Infrastrukturen auf elektrische Netze und erneuerbare Energien entfielen.

Deutschland ganz vorne? Ja, das war mal. So wie früher bei manchen Innovationen, waren wir auch bei erneuerbaren Energien mal an der Weltspitze. Leider haben wir diesen Platz inzwischen längst aufgegeben und die Arbeitsplätze abgebaut.

Wenn wir wirtschaftlich weiter eine Rolle spielen wollen, dürfen wir den Fehlinformationen politischer Rattenfänger nicht auf den Leim gehen, denn es war noch nie das beste Rezept, die Zeit zurückdrehen zu wollen!

Vor allem sollten wir aber die Klimakrise ernst nehmen und unsere Wirtschaft, aber auch unsere Gesellschaft und unseren Lebensstil darauf ausrichten. Denn dann haben unsere Kinder noch eine Chance auf die Lebensgrundlagen, die uns geschenkt wurden!

Hans Urban vor Eco Stor— Der Autor Hans Urban ist freier Berater im Bereich erneuerbare Energien und freiberuflich für den Großspeicher-Hersteller Eco Stor GmbH tätig. Seit mehreren Jahren ist er auch Jurymitglied für die pv magazine highlights. —

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