Kritik der aktuellen Förderung von Agri-Photovoltaik

Bauernhof, Pixabay

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Vergangenen Donnerstag (20.06.2024) war ich auf der Intersolar unterwegs und schon bin ich vom naiven Glauben geheilt, die energiewendebewegten Aktiven in Deutschland hätten moralische Bedenken, sich auf Kosten der Allgemeinheit die Taschen voll zu machen.

Goldgräberstimmung herrschte besonders an den Messeständen der Agri-Photovoltaik. Da ich Agri-Photovoltaik sehr kritisch betrachte, sehe ich mich jetzt genötigt, zu dieser aktuellen Entwicklung Stellung zu nehmen, bevor aus einem Nischenprodukt mehr wird und man sich nachher darüber ärgert.

Was ist passiert?

Ohne Ausschreibung eine staatlich garantierte EEG-Festvergütung von 9,5 Cent pro Kilowattstunde für 20 Jahre garantiert zu bekommen, ist offenbar sehr lukrativ. Das gilt nämlich seit dem “Solarpaket 1” für Photovoltaik-Freiflächenanlagen die weniger als ein Megawatt Peak-Leistung haben und zur Kategorie 1 der Agri-Photovoltaik nach DinSpec 91434 gehören. Damit sind senkrechte und/oder hoch aufgeständerte Solaranlagen gemeint. Es gibt Anbieter, die werben gezielt für dieses Segment und stellen Erträge von 110.000 bis 130.000 Euro pro Jahr in Aussicht. Bei 9,5 Cent pro Kilowattstunde Einspeisevergütung sind Agri-Photovoltaik-Anlagen – trotz höherer Bau- und Betriebskosten pro Kilowattpeak als normale Photovoltaik-Freiflächenanlagen – extrem rentabel zu betreiben. Erst recht, wenn sie im sonnenreichen Bayern oder in Baden-Württemberg stehen.

Einfacher wird es zusätzlich dadurch, dass Agri-Photovoltaik-Anlagen als privilegierte Bauvorhaben gelten, wenn sie hofnah oder im 200 Meter-Streifen entlang von Autobahnen und mehrgleisigen Eisenbahnen errichtet werden.

Wie konnte das passieren? Vermutlich ist daran nicht nur die Agrarlobby beteiligt, sondern auch der Umstand, dass sich das “Solarpaket 1” um etliche Monate verzögert hat. Eigentlich für letztes Jahr vorgesehen, ging es erst vor wenigen Wochen final durch das Gesetzgebungsverfahren. Bei der Planung des “Solarpakets 1” im Frühjahr 2023 hatte man höhere Kosten für solche Anlagen angesetzt. Nun sind aber die Preise für Solarmodule von Februar 2023 bis zum Mai 2024 um mehr als 65 Prozent gesunken.

Das wusste der Gesetzgeber in diesem Frühjahr schon und hätte es ändern können. Es kommt mir so vor, als ob die Regierung und auch die Opposition bei der Verabschiedung des “Solarpakets 1” in diesem Jahr kein Lust mehr gehabt hätten, das Interesse der Allgemeinheit an preiswerter Energie zu beachten. Vielleicht war diese Untätigkeit auch eine Folge der Bauernproteste? Der größte Widerstand gegen eine Anpassung soll wohl aus dem Landwirtschaftsministerium gekommen sein.

Wenn also Anlagenentwickler, Projektierer, Investoren und Landwirte jetzt scharf nachdenken würden und neben eigenen betriebswirtschaftlichen Interessen auch das Gemeinwohl in den Blick nähmen, dann könnten sie sich fragen, ob es moralisch einwandfrei ist, sich auf Kosten anderer zu bereichern.

Bei der Aussicht auf nahezu risikofreie, sehr hohe Erträge verstehe ich jeden, der darüber nachdenkt, diese Gelegenheit eiskalt zu nutzen. Da ich mich jedoch mehr dem Gemeinwohl verpflichtet fühle, finde ich es ein Unding, wenn die Ökostrom-Förderung unnötig teuer gemacht wird. Dazu passend gibt es bereits Diskussionen über den zusätzlichen Finanzierungsbedarf des EEG-Kontos. Höhere Strompreise belasten eher ärmere Haushalte, denen höhere Energiekosten mehr weh tun. Energieintensive Industrien werden bei höheren Energiepreisen tendenziell noch schneller aus Deutschland abwandern und damit gehen gute Arbeitsplätze verloren. Das kann ich nicht wollen, weil es darüber hinaus die Akzeptanz der Energiewende torpediert.

Also erlaube ich mir hier massive Kritik zum einen an der Regierungspolitik in Berlin und zum anderen appelliere ich vorauseilend an die Nutznießer dieser politischen Untätigkeit/Unfähigkeit, ihre absehbaren Übergewinne für gemeinwohlorientierte, soziale Zwecke zu spenden: Kindergärten, Schulen, überhaupt Bildung, Umweltschutz, Integration von Migranten, freiwillige Feuerwehr und ähnliches fallen mir direkt ein.

Wir hatten in der Solarbranche schon einmal einen Vorwurf einer massiven Überförderung mit Folgen, die nicht witzig waren. Ältere Semester werden sich erinnern, was in 2011 bis 2012 geschah: Infolge schneller sinkender Modulpreise als für möglich gehalten, wurde die Investition in eine Photovoltaik-Freiflächenanlage zur Gelddruckmaschine und Photovoltaik-Freiflächenanlagen boomten ungemein. Die EEG-Vergütung wurde darum im Mai 2012 radikal um bis zu 29 Prozent gekürzt. Das Segment der Photovoltaik-Freiflächenanlagen brach zusammen. Mehr als 100.000 hoch motivierte Menschen konnten sich neue Arbeitsplätze suchen. Die Solarindustrie ist in den darauffolgenden Jahren auch noch den Bach runter gegangen.

Zum Abschluss wünsche ich mir viele Antworten auf diese Fragen:

Was ist wirklich in Berlin passiert, dass Regierung und Parlament vor dem Inkrafttreten des “Solarpakets 1” den EEG-Tarif für Agri-Photovoltaik-Anlagen nicht an die gesunkenen Modulpreise angepasst haben?

Wer hat ein Interesse an einer unter Gemeinwohlaspekten und auch aus Gründen der Lebensmittelsicherheit eigentlich nicht notwendigen Agri-Photovoltaik?

Wie sollen Agri-Photovoltaik-Anlagen in einer ausgeräumten Agrarlandschaft eine gute Basis für mehr Biodiversität bieten, wenn sie intensiv bewirtschaftet werden müssen, um die notwendigen Referenzerträge zu erwirtschaften?

Warum werden überhaupt noch Photovoltaik-Anlagen gefördert, die viel teurer sind als “normale” Solarparks? Damit meine ich nicht nur Agri-Photovoltaik, sondern auch Dach-Photovoltaik, Moor-Photovoltaik, Parkplatz-Photovoltaik.

Ralf Schnitzler— Der Autor Ralf Schnitzler ist studierter Landwirt und war von 2009 bis 2012 bei Juwi Solar Teamleiter Deutschland für das EPC-Business im Segment der Freifläche. Von 2019 bis 2021 war er Projektentwickler für Solarparks bei der Bejulo GmbH in Mainz. Dabei lernte er die von Bejulo errichteten Biodiv-Solarparks in der Nähe von Cottbus kennen und bekam die Idee zum bundesweiten Biotopverbundnetz aus Biodiv-Solarparks. Seit April 2021 entwickelt er als freier Berater diese Idee weiter und berät Energieversorger, Stadtwerke, Kommunen, Landeigentümer, Landwirte, Bürger und Verbände. Mehr über seine Arbeit und Biodiv-Solarparks finden Sie unter www.gemeinsameinfachmachen.de.

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