Wo könnte der „Redispatch-Vorbehalt“ künftig greifen?

Windpark, Netzgebiet von Avacon, Eon-Netzgebiet

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Seit dem geleakten Referentenentwurf zum „Netzpaket“ werden Inhalt und Wirkung des „Redispatch-Vorbehalts“ umfangreich diskutiert. Konkret sollen Verteilnetzbetreiber kapazitätslimitierte Netzelemente ausweisen können, an denen die „technisch mögliche Stromeinspeisung der unmittelbar oder mittelbar angeschlossenen Anlagen im vorangegangenen Kalenderjahr um insgesamt mehr als drei Prozent angepasst wurde“ (Redispatch). Sie sind dann dort nur noch zum Anschluss von erneuerbaren Anlagen verpflichtet, wenn diese auf die finanzielle Entschädigung für die abgeregelten Energiemengen verzichten.

Um die Auswirkungen dieser möglichen Neuregelung besser einschätzen zu können, hat das Team von dvlp.energy alle anlagenscharf veröffentlichten Redispatch-Maßnahmen analysiert. Dadurch konnten die Netzelemente identifiziert werden, an denen bereits im letzten Jahr mehr als drei Prozent der erzeugten Strommenge abgeregelt wurde. Die Analyse deckt Maßnahmen von März 2025 bis Februar 2026 mit einer abgeregelten Energiemenge von insgesamt 2,8 Terawattstunden ab. Das ist ungefähr ein Fünftel der gesamten Redispatch-Menge von etwa 13 Terawattstunden. Die Menge beinhaltet Eingriffe in das Dispatchverhalten durch Börsenpreise nicht.

Die Diskrepanz zwischen anlagenscharf veröffentlichten Redispatch-Maßnahmen und Gesamtmenge entsteht dadurch, dass einerseits nicht alle Netzbetreiber Redispatch-Maßnahmen veröffentlichen und andererseits nicht alle veröffentlichten Maßnahmen konkreten Anlagen zugeordnet werden können. Gleichwohl ermöglicht dieser Ansatz eine möglichst granulare Darstellung der vom Redispatch-Vorbehalt betroffenen Netzelemente beziehungsweise deren Einzugsbereiche.

Selbst bei Berücksichtigung von nur einem Fünftel aller Redispatch-Maßnahmen, erstrecken sich die Einzugsbereiche der von mehr als drei Prozent-Redispatch betroffenen Netzelemente auf bereits sieben Prozent der Landesfläche. Besonders betroffen wären der Nordwesten von Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Brandenburg, der Nordosten von Sachsen-Anhalt, und der Norden und Osten von Bayern. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede.

Ganz allgemein ist der Norden vor allem durch hohe Stromeinspeisung von Windparks geprägt. So wird an den Umspannwerken Werdum und Altfunnixsiel in den Gemeinden Esens und Wittmund in Niedersachsen bereits 28 Prozent und 17 Prozent der technisch möglichen Einspeisung abgeregelt. In den Landkreisen Dithmarschen und Nordfriesland in Schleswig-Holstein werden an fast allen Umspannwerken mehr als drei Prozent abgeregelt. In Brandenburg fällt besonders der Landkreis Prignitz auf, wo allein am Umspannwerk Groß Werzin 29 Prozent der technisch möglichen Einspeisung abgeregelt wird.

Deutschland Karte Redispatch verhalten nach Landkreisen

In Bayern wiederum ist die Einspeisung von Solarstrom der kapazitätslimitierende Faktor. Bei der Mehrheit der Gemeinden in den Planungsregionen Landshut und Donau-Wald werden bereits jetzt weit mehr als fünf Prozent der technisch möglichen erneuerbaren Stromeinspeisung abgeregelt – fast alles davon entfällt auf Photovoltaik-Anlagen, da kaum Windparks vorhanden sind. Weiter nördlich, in den Planungsregionen Regensburg, Oberpfalz-Nord und Main-Rhön, machen die Einzugsgebiete von Netzelementen mit mehr als drei Prozent Abregelung bereits zirka 50 Prozent der Fläche aus – hier halten sich Solar und Wind oft die Waage.

In all diesen Regionen könnte der Gesetzesvorschlag dazu führen, dass neue erneuerbare Stromerzeuger nicht finanzierbar sind, aufgrund fehlender Entschädigung für entgangene Erlöse der abgeregelten Energiemengen. Berücksichtigt man Einzugsgebiete von Netzelementen mit bereits über zwei Prozent Redispatch, steigt die betroffene Gesamtfläche in Deutschland von sieben auf elf Prozent, und das bei einer Berücksichtigung von nur einem Fünftel aller Redispatch-Maßnahmen. Der diskutierte „Redispatch-Vorbehalt“ würde somit zu einer signifikanten regionalen Ausbremsung des Erneuerbaren-Ausbaus führen.

So berücksichtigt der Gesetzesentwurf nicht, dass eine neue Windanlage an einem Netzknoten mit Solar-dominiertem Redispatch nicht unbedingt zu einer Verstärkung des lokalen Redispatch führt. Ebenso wird ignoriert, dass die Standortauswahl für Windparks in der Regel von den Planungsregionen über die Ausweisung von Vorranggebieten vorgegeben wird. Projektierer können somit nur bedingt kapazitätslimitierten Bereichen ausweichen.

Die Alternative wäre mehr Flexibilität im Netz durch Netzausbau, Batteriespeicher und Flexibilisierung des Verbrauchs, um überschüssigen Strom nicht-steuerbarer Wind- und Solarparks nutzbar zu machen. In der marktlichen oder vertraglichen Incentivierung/Absicherung dieses Potenzials liegt der eigentliche Schlüssel, um Erneuerbaren-Ausbau und „Netz“-Ausbau in Einklang zu bringen, ohne ersteren auszubremsen. Dieser Schlüssel steckt bereits, denn zahlreiche privat finanzierte Batteriespeicherprojekte sind entwickelt, bekommen aber keinen Netzanschluss. Effektive Maßnahmen, um diesen Schlüssel zu drehen und die Batteriespeicher ans Netz zu bringen, finden sich im aktuellen Gesetzesentwurf (noch) nicht.

In jedem Fall gewinnt mit dem Gesetzesentwurf die konkrete Standortwahl von Solar- oder Windparks für Projektierer, Betreiber und Investoren eine noch größer werdende Rolle. Das dvlp.energy web-GIS hilft dabei mit detaillierten Geodaten zu Redispatch, Netzauslastung, Netzausbau, geplanten erneuerbare Energie-Projekten, und vielem mehr.

 

Mann mit beigem T-shirt. Fabio Oldenburg co gründer von dvpl.EnergyDer Autor Fabio Oldenburg ist Co-Geschäftsführer der dvlp.energy GmbH und dort Teil des Teams für Geschäftsentwicklung und Vertrieb. dvlp.energy entwickelt und betreibt eine Software zur Bewertung und Findung von Standorten für Solar-, Wind- und Batterieparks sowie Rechenzentren. Zuvor war Fabio Oldenburg in der Strategie- und Transaktionsberatung Apricum tätig. Außerdem trägt er einen Doktortitel im Bereich Elektrochemie der ETH Zürich und hat viele Jahre in der Technologieentwicklung für Stromspeicher gearbeitet (Gaia Membranes AG).

Die Analyse wurde durchgeführt von Aleksandra Maliszewska, die als Data Scientist bei dvlp.energy tätig ist.

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