Mitarbeiterbindung im Elektrobetrieb stärken: So schützen sich Betriebe vor Fluktuation
Im Elektrohandwerk spitzt sich eine Lage zu, die viele Inhaber schon seit Jahren kennen, aber selten offen ansprechen: Die Fachkräfte, die gehen, hinterlassen eine Lücke, die sich in diesem Markt kaum noch schließen lässt.
Anfang 2026 waren bundesweit rund 65.000 Stellen im E-Handwerk offen. Gleichzeitig bleibt laut Institut der deutschen Wirtschaft rechnerisch mehr als jede zweite freie Stelle in Elektroberufen unbesetzbar.
Wer heute einen erfahrenen Gesellen verliert, wartet im Schnitt 173 Tage, bis eine neue Fachkraft anfangen kann, und zahlt dafür oft einen fünfstelligen Betrag.
Was mich in meiner Arbeit mit Handwerksbetrieben immer wieder beschäftigt: Die meisten dieser Verluste wären vermeidbar, weil die Betriebe an falschen Stellen ansetzen.
Was kostet ein Abgang den Elektrobetrieb finanziell?
Die meisten Inhaber, mit denen ich spreche, schätzen die Kosten einer Kündigung deutlich zu niedrig ein. Man sieht die Stellenanzeige, vielleicht eine Vermittlungsprovision, und denkt: überschaubar. Was man nicht sieht, ist der Schaden, der sich über Monate verteilt.
Eine Fachkraft, die nach zwei bis drei Jahren geht, kostet den Betrieb nach gängigen Berechnungen zwischen 33.000 und 43.000 Euro netto. Aufgeteilt ergibt sich folgendes Bild:
- Direkte Kosten: rund 18.000 Euro für Personalvermittlung, Einarbeitung und Verwaltung
- Indirekte Kosten: bis zu 25.000 Euro durch Produktivitätsverluste während der Vakanz, höhere Fehlerquoten im Team und Wissensabfluss
Für einen Betrieb mit 20 Fachkräften und 4 Abgängen pro Jahr bedeutet das einen jährlichen Schaden von rund 132.000 Euro. Sinkt die Fluktuation auf zwei Abgänge, halbiert sich der Schaden. Betriebe, die gezielt in Bindung investieren, können die Fluktuation laut Branchenerhebungen um 40 bis 50 Prozent senken, was einer Einsparung von 50.000 bis 100.000 Euro im Jahr entspricht.
Das ist keine Marketingaussage. Das ist eine einfache Gegenrechnung.
Woran scheitert Mitarbeiterbindung im Elektrohandwerk?
Ich habe in den letzten Jahren viele Inhaber getroffen, die verstanden haben, dass Bindung wichtig ist. Und trotzdem verlieren sie Leute. Drei Muster begegnen mir dabei immer wieder.
Das erste Muster: Man reagiert zu spät. Wenn jemand die Kündigung auf dem Tisch legt, ist das Gespräch meistens schon geführt worden, innerlich, bei jedem Montagmorgen, der schlechter war als der vorherige. Wer erst dann handelt, handelt zu spät.
Das zweite Muster: Man investiert in Maßnahmen, die an der Zielgruppe vorbeigehen. Obstkörbe, Yoga-Apps, allgemeine Wellness-Pakete. Ein Elektriker, der nach einem langen Tag auf der Baustelle mit Kniebeschwerden nach Hause kommt, wird dadurch nicht gehalten. Was ihn hält, ist das Gefühl, dass der Betrieb seine spezifische Situation kennt und ernst nimmt.
Das dritte Muster: Man rechnet die Kosten der Fluktuation nicht durch. Die 33.000 bis 43.000 Euro pro Abgang tauchen auf keiner Monatsrechnung auf. Sie verteilen sich unsichtbar über Monate. Deshalb fühlt sich Bindungsinvestition oft wie ein Luxus an, obwohl sie in der Realität die günstigere Alternative ist.
Wie belastet körperliche Arbeit Elektromonteure über die Jahre?
Bevor man über Maßnahmen spricht, lohnt ein Blick auf die körperliche Realität. Elektromonteure arbeiten täglich mit Überkopfarbeiten, Knien auf harten Böden und schweren Kabeltrommeln. Das schlägt sich in den Zahlen nieder: Muskel- und Skeletterkrankungen verursachen im Handwerk 30,9 Prozent aller Krankheitstage. Bei über 60-jährigen Handwerkern liegt der Krankenstand bei 13,7 Prozent, deutlich über dem Branchendurchschnitt.
Das ist die Personengruppe, deren Wissen und Erfahrung für jeden Betrieb am schwierigsten zu ersetzen ist. Und es ist genau die Gruppe, bei der die gesetzliche Krankenversicherung ab 2027 spürbar weniger leistet.
Welche Gesundheitsmaßnahmen zahlen sich für Handwerksbetriebe aus?
Betriebliche Gesundheitsförderung gilt in vielen Handwerksbetrieben als etwas, das sich große Unternehmen leisten. Das ist ein Irrtum, den Zahlen widerlegen.
Meta-Analysen über mehrere Jahrzehnte zeigen konsistent: Ein gut aufgesetztes betriebliches Gesundheitsprogramm bringt einen Return on Investment von 1:2,3 bis 1:5,6. Der Krankenstand sinkt in dokumentierten Fällen um 25 Prozent. Das bedeutet für einen Betrieb mit 15 Elektrikern und einem Krankenstand von 7,7 Prozent eine messbare Entlastung, die sich in mehr verfügbaren Arbeitstagen, weniger Terminverschiebungen und weniger Mehrarbeit für das restliche Team niederschlägt.
Entscheidend ist dabei die Auswahl der richtigen Maßnahmen. Was bei Bürobelegschaften funktioniert, funktioniert im Handwerk nicht automatisch. Für Elektriker mit Rückenbelastung bedeutet das:
- Zugang zu Physiotherapie und Osteopathie ohne lange Wartezeiten
- Facharzttermine in fünf bis zehn Tagen statt mehreren Wochen
- Chefarztbehandlung und Einzelzimmer im Krankenhaus, wenn es operativ wird
Genau das lässt sich über eine betriebliche Krankenversicherung abdecken. Als Sachbezug bleibt sie bis zu 50 Euro monatlich je Mitarbeiter steuer- und sozialabgabenfrei. Ab fünf Mitarbeitenden ist sie in vielen Fällen ohne Gesundheitsprüfung nutzbar. Der Betrieb trägt den Beitrag, die Mitarbeiter erhalten den Schutz.
Für Betriebe, die ab 2027 die GKV-Verschlechterungen ausgleichen wollen, ist das der direkteste Weg. Die Botschaft an die Belegschaft ist dabei ebenso wichtig wie die Leistung selbst: Euer Betrieb sieht, womit ihr täglich arbeitet, und handelt danach.
Funktioniert die Vier-Tage-Woche im Elektrohandwerk?
Ein weiterer Bereich, der zunehmend diskutiert wird: die Vier-Tage-Woche. In einer Umfrage unter Handwerkern wünschen sich 82 Prozent ein solches Modell. Mehrere Betriebe arbeiten bereits damit, zum Beispiel mit 9,5 Stunden Montag bis Donnerstag, ergänzt durch Freitagsbereitschaft für Notfälle.
Das lässt sich nicht für jeden Betrieb und jeden Auftragstyp umsetzen. Aber es lohnt, die Frage offen zu stellen: Welche Schichten oder Aufgaben könnten auf vier Tage verdichtet werden, ohne Kundenverpflichtungen zu gefährden? Einige Betriebe lösen das mit rollierenden Gruppen, die abwechselnd Montag bis Donnerstag und Dienstag bis Freitag arbeiten, sodass der Betrieb durchgehend erreichbar bleibt.
Die Wirkung auf die Mitarbeiterzufriedenheit ist in allen dokumentierten Fällen positiv. Und ein Betrieb, der als guter Arbeitgeber bekannt ist, spart an anderer Stelle, nämlich bei der Personalgewinnung.
Womit fangen Inhaber eines Elektrobetriebs sinnvoll an?
Nicht jeder Betrieb kann alle Maßnahmen gleichzeitig umsetzen. Aus meiner Erfahrung empfehlen sich drei Schritte als Einstieg:
- Fluktuation durchrechnen: Die Abgänge der letzten drei Jahre auswerten und berechnen, was sie tatsächlich gekostet haben. Wer die Zahl einmal kennt, trifft andere Entscheidungen.
- Betriebliche Krankenversicherung einrichten: Für viele Betriebe ist das die schnellste Maßnahme mit messbarer Wirkung für die Belegschaft. Der steuerfreie Rahmen ist da, die Hürde für den Start ist gering.
- Offenes Gespräch mit dem Team führen: Nicht als Befragungsaktion, sondern als echtes Gespräch. Was fehlt? Was nervt? Was würde den Unterschied machen? Die Antworten sind oft konkreter als erwartet.
Bindung ist kein Projekt mit Startdatum und Abschlusspräsentation. Sie entsteht in hundert kleinen Entscheidungen im Alltag. Aber sie beginnt damit, dass man anfängt.
— Der Autor Patrick Steeger ist Experte für die betriebliche Krankenversicherung und öffentlich bestellter Sachverständiger für betriebliche Krankenversicherung sowie Mitglied im Bundesverband Deutscher Sachverständiger und Fachgutachter (BDSF). Mit über zwölf Jahren Erfahrung in der betrieblichen Krankenversicherung berät er Handwerksbetriebe und mittelständische Unternehmen dabei, Gesundheitsleistungen als gezieltes Instrument zur Mitarbeiterbindung einzusetzen. Mehr Informationen unter bkvfirmenservice.de. —
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