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Energy Sharing braucht mehr als neue Regeln – Solarcarports bleiben ein unterschätzter Hebel

Der neue Rechtsrahmen für Energy Sharing setzt ein wichtiges Signal für die dezentrale Energieversorgung. In der jetzigen Ausgestaltung dürfte seine Wirkung jedoch begrenzt bleiben, denn der Ausbau lokaler Erzeugungskapazitäten hält nicht Schritt.
Solar-Carport, Pillar, Offenbach, Parplatz-PV
Foto: Pillar GmbH

Seit Juni 2026 ist Energy Sharing in Deutschland gesetzlich verankert. Erneuerbare Erzeugungsanlagen können ihren Strom über das öffentliche Netz mit anderen Verbrauchern teilen. Damit entsteht ein zusätzlicher Baustein für lokale Strommärkte, an dem sich Kommunen, Unternehmen und Bürger beteiligen können. In der Praxis zeigt sich jedoch eine zentrale Lücke: Der regulatorische Fokus liegt stark auf Marktprozessen wie Messung, Abrechnung und Verträgen. Die entscheidende Frage bleibt dabei oft unadressiert: Wo entstehen die zusätzlichen Erzeugungskapazitäten? Dabei ist genau das entscheidend für die Skalierung von Energy Sharing.

Großes Potenzial auf bestehenden Flächen

Eine Studie des Forschungszentrums Jülich und der RWTH Aachen aus dem Jahr 2024 beziffert das technische Potenzial der Parkplatz-Photovoltaik in Deutschland auf 24,6 GWp für bestehende Parkplätze mit mehr als 35 Stellplätzen. Selbst wenn nur Parkplätze mit mehr als 50 oder 100 Stellplätzen berücksichtigt werden, bleibt mit 22,2 GWp beziehungsweise 16,5 GWp ein Potenzial im zweistelligen Gigawattbereich.  Diese Größenordnung zeigt, wie relevant Parkplatz-Photovoltaik für den weiteren Ausbau der Solarenergie sein kann, vor allem in dicht besiedelten Regionen und an gewerblichen Standorten mit hohem Strombedarf. Gleichzeitig werden dafür keine zusätzlichen Flächen benötigt. Dennoch spielt Parkplatz-Photovoltaik im bisherigen Ausbaugeschehen bislang nur eine untergeordnete Rolle.

Wirtschaftlichkeit und Komplexität als Engpass

Die Gründe dafür liegen weniger in der Technik als in der Projektrealität. Solarcarports sind deutlich investitionsintensiver als klassische Dachanlagen, weil die Tragstruktur vollständig neu errichtet werden muss. Eine Machbarkeitsstudie aus Hamburg zeigt Investitionskosten von rund 1.900 bis 2.000 Euro pro Kilowatt Peak gegenüber etwa 850 Euro pro Kilowatt Peak bei gewerblichen Dachanlagen.  Hinzu kommen aufwendige Genehmigungsprozesse und technische Anforderungen. Dazu zählen Statik, Brandschutz, Entwässerung, Verkehrsführung und häufig auch ein nicht gesicherter Netzanschluss. In der Praxis führen solche Faktoren zu langen Entwicklungszeiten und zu erheblicher Planungsunsicherheit.

Lokale Nutzung als wirtschaftlicher Hebel

Für die Wirtschaftlichkeit ist entscheidend, welcher Anteil des erzeugten Stroms vor Ort selbst genutzt werden kann. Bei einem hohen Eigenverbrauch kann ein wirtschaftlicher Betrieb von Solarcarports erreicht werden. Eine Machbarkeitsstudie weist unter diesen Voraussetzungen Amortisationszeiten von 10 bis 15 Jahren sowie Stromgestehungskosten von 13 bis 16 ct/kWh aus.  Energy Sharing kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, weil es den Kreis der Abnehmer erweitert. Strom muss dann nicht nur am eigenen Standort verbraucht werden, sondern kann auch an benachbarte Verbraucher geliefert werden. Das verbessert die Auslastung der Anlagen und macht sie weniger abhängig von einzelnen Lastprofilen. Gleichzeitig steigt die Komplexität, weil sowohl die Messung und Bilanzierung als auch Abrechnung und die vertragliche Gestaltung sauber organisiert werden müssen.

Standardisierung als Voraussetzung für Skalierung

Gerade für Kommunen und mittelständische Unternehmen ist das eine Hürde. Viele Akteure verfügen weder über die personellen Ressourcen noch über die notwendigen Systeme, um solche Modelle eigenständig umzusetzen. Für eine breitere Marktentwicklung braucht es deshalb standardisierte Lösungen, etwa in Form von Contracting- oder Pachtmodellen. Diese Modelle bündeln die Prozesse von der Planung über die Finanzierung bis hin zum Betrieb. Sie lassen sich zugleich in Energy-Sharing-Strukturen integrieren. Ohne solche Angebote bleibt Energy Sharing in vielen Fällen ein theoretisches Modell.

Uneinheitliche Vorgaben bremsen zusätzlich

Auch die regulatorischen Rahmenbedingungen für Parkplatz-Photovoltaik sind derzeit fragmentiert. Solarpflichten existieren in mehreren Bundesländern, unterscheiden sich jedoch in Schwellenwerten und Anwendungsbereichen. Zudem beziehen sich die Regelungen überwiegend auf Neubauten. Das größere Potenzial liegt jedoch im Bestand. Dort fehlen häufig klare Anreize und vereinfachte Verfahren. Für Investoren und Projektentwickler entsteht dadurch zusätzliche Unsicherheit, die sich direkt auf die Umsetzungsgeschwindigkeit auswirkt.

Ausbau und Marktmodell zusammen denken

Deutschland steht vor der Aufgabe, seine Photovoltaikleistung bis 2030 deutlich auszubauen. Dafür werden zusätzliche, schnell aktivierbare Flächen benötigt. Parkplätze können hier einen relevanten Beitrag leisten, besonders in Kombination mit Energy Sharing. So lässt sich der erzeugte Strom flexibler nutzen und lokal verteilen. Damit dieses Zusammenspiel funktioniert, müssen regulatorische Entwicklung und realer Ausbau stärker miteinander verzahnt werden. Neue Marktmodelle allein reichen nicht aus, wenn die zugrunde liegende Erzeugungsbasis nicht im gleichen Maße wächst. Energy Sharing ist ein sinnvoller Baustein für die Energiewende. Seine Wirkung wird sich aber erst dann voll entfalten, wenn auch die entsprechenden Erzeugungskapazitäten vor Ort entstehen.

— Der Autor Vasyl Betsa ist Gründer und Geschäftsführer von der PILLAR GmbH. Seit mehreren Jahren verantwortet er Entwicklung, Produktion und Realisierung von Solarcarport-Systemen. Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Energiewende auf Unternehmen, Kommunen sowie bestehende Infrastrukturen. —

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Kommentare

Ralf Schnitzler
Aug 21, 2026

„…Investitionskosten von rund 1.900 bis 2.000 Euro pro Kilowatt Peak gegenüber etwa 850 Euro pro Kilowatt Peak bei gewerblichen Dachanlagen.“
Da hat der Autor aber schon seine Antwort, warum das ein sehr zähes Geschäft mit Solarcarports wird. Das ist ja noch ineffizienter als Dachanlagen und hier die Zahl, gegen die verglichen werden muss: Investitionskosten Freiflächen-Photovoltaik unter 400 Euro pro Kilowattpeak.
Ganz nüchtern betrachtet: Wenn es um eine sichere, preiswerte, belastbare, einfache Energieversorgung für die nächsten 50, 100 oder sogar 200 Jahre geht, dann ist – neben Windparks und Energiespeicherung – im Bereich der Photovoltaik die Freiflächenanlage das beste Pferd im Stall.
Vorteile: Die Fläche bleibt dauerhaft verfügbar („Boden und Baugenehmigung verschleißen nicht.“), Module, Wechselrichter und Verkabelung können entweder im laufenden Betrieb oder auf einen Streich (wenn es sich rechnet) unkompliziert ausgetauscht werden und der Betrieb ist unabhängig von Sanierungszyklen, Eigentümerwechseln oder Nutzungsänderungen von Gebäuden.
Zum Totschlagargument „Flächenknappheit“ die Gegenargumente:
In Deutschland werden aktuell ca. 2,3 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche für Energiepflanzen wie z.B. Mais zur Biogasproduktion ver(sch)wendet. Verglichen damit erzeugen Solarparks ein Vielfaches (Faktor 50-100) an Energie pro Hektar und können bei entsprechender Gestaltung sogar einen Beitrag zur Biodiversität leisten. Der Klimawandel wird recht bald dafür sorgen, dass noch viel mehr Hektar Agrarland zu Solarparks mutieren wollen.

Deshalb meine ich, dass besser (effizienter) ist, in Sachen Photovoltaik auf Freiflächenanlagen zu setzen.

Dennoch kann es sich rechnen, Parkplatz-PV zu machen. Vermutlich aber weniger mit Energysharing sondern eher mit reinem Eigenverbrauch ohne Umweg über das öffentliche Netz.

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Detlef K
Aug 24, 2026

Nicht zu vergessen schaffen solche schattigen Flächen Entlastung in Sachen Hitze und Regenschutz in den Städten, auch das ist also volkswirtschaftlich sehr positiv im Sinne des Bürgers. Und noch ein Punkt… die Netzsicherheit wird nicht nur durch weniger Belastung von Fernleitungen gesteigert, mit netzbildenden Wechselrichtern sind auch autark versorgte Stadtbezirke in Notfällen möglich. Resilienz und ortsnahe (schnelle) Redundanz gegen allgemeine Netzausfälle sind ein weiterer volkswirtschaftlicher langfristiger Nutzen… dezentral ist das Stichwort, das Frau Reiche gerade überhaupt nicht sieht und offenbar auch nicht sehen will… wenn sie sogar umfangreiche Studien zu all den aufgezeigten auch wirtsch. Vorteilen ignoriert.

Detlef K
Aug 24, 2026

Fläche ist weitestgehend irrelevant, da haben Sie rein betriebswirtschaftlich betrachtet völlig recht. Betrachtet man es aber volkswirtschaftlich, stehen ja noch andere Gewinne den Freiflächen gegenüber. Dann wird Fläche doch wiederum relevant, wenn man die kurzen Weg bei großer Nachfrage in dicht besiedelten Gebieten als volkswirtschaftlichen Benefit berücksichtigt. Solche urbanen Parkplätze schaffen einen Direktverbrauch, der den Transport über lange Leitungen vermeidet. Noch viel sinniger wird es, wenn man neben dem Großparkplatz auch Batteriespeicher als Hub hinstellen würde. Der kann dann nicht nur die Autos netzdienlich versorgen, er kann auch lokal im Viertel gewinnbringend rückspeisen mit Abritage. Das erweitert dann die Finanzierung erheblich, wenn der Batteriespeicher neben dem Parkplatz auch in „Stillstandszeiten“ noch ordentlich Gewinne durch die Nutzung der spreads am Stromhandel teilnehmen kann. Weiteres Potenzial bietet die Bidirektionalität mit E-Autos (z.B. auf Park & Ride Parkplätzen)… und wie erwähnt, das spart unmittelbar teure Leitungen ein.

Dafür braucht es allerdings vor allem passende Regeln und ggf. auch einmalige Investitionsanreize, die dieses Thema interessant bzw. lukrativ werden lassen… z.B. mit einem Investitionzuschuss, wenn netzdienlicher Stromhandel im dicht besiedelten Ort stattfindet und die Netze entlastet, aber noch viel wichtiger: die Netzentgelbefreiung bzw. Reduzierung beim Sharing, je näher (wie in Österreich so geregelt) die Wege und kürzer die Leitungen sind. Es erscheint schon strange… geradezu fahrlässig, dass dieses wirtsch. Potenzial dieser dezentralen völlig offensichtlichen Effizienzen von einer „Wirtschaftsministerin“ ignoriert werden. Lobby macht offensichtlich sinnvolle Politik wirklich schwierig…