Netze BW führt Reifegradverfahren für Netzanschluss von Anlagen ab 950 Kilowatt und Stand-alone-Speicher ein
Netze BW will künftig Netzanschlüsse für Großanlagen nicht mehr nach dem Windhundprinzip, sondern auf Basis einer Art Reifegradverfahren vergeben. In Abstimmung mit dem Verband für Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg (VfEW) will der Verteilnetzbetreiber ein stichtagsbezogenes Vergabeverfahren einführen, wie er am Donnerstag veröffentlichte.
Dieses neue Verfahren soll für alle Anlagen ab einer Leistung von 950 Kilowatt gelten. Ausgenommen sind Anlagen für die essenzielle Daseinsvorsorge, etwa Bundeswehr, Feuerwehr, Rettungsdienste, Behörden, aber auch Großwärmepumpen. Sie erhalten weiterhin nach dem bisherigen Verfahren einen Netzanschluss mit Reservierung und gegebenenfalls Wartezeit. Das Windhundprinzip will Netze BW zudem weiterhin für alle Einspeiseanlagen unter 950 Kilowatt Leistung und auch Grünstromspeicher anwenden.
Für alle anderen Großanlagen sowie alle Stand-alone-Speicher wird zum 1. November das erste Mal ein Anmeldefenster geöffnet. Bis zum Jahresende haben Anschlusspententen dann Zeit, ihre Unterlagen einzureichen. Diese werden dann durch Netze BW geprüft und bewertet. Voraussichtlich zum 1. März werde dann Rückmeldung und Vergabe der Netzanschlusskapazitäten erfolgen. Ausschreiben will Netze BW dabei alle verfügbaren Kapazitäten für die drei Folgejahre.
Zentral für das neue Verfahren ist der Ernsthaftigkeitsnachweis. Die Punktevergabe erfolgt dabei nach mehreren Kriterien. Für die Projektreife gibt es insgesamt 50 Punkte maximal. Sie setzen sich aus Nachweisen für die Flächensicherung, den Genehmigungsstand oder Nachweis eines genehmigungsfreien Projekts und den Status an der Übergabestation zusammen. Das zweite Kriterium ist die Ortsgebundenheit, die mit 34 Punkten in das Vergabeverfahren einfließt. Dabei zählen etwa geplante Erweiterungen von Bestandanlagen am selben Standort. Das dritte Kriterium ist die Frühzeitigkeit, was mit bis zu 16 Punkten bewertet wird. Dies ist unter anderem geschaffen worden, um bereits bestehende Anfragen oder auch wiederholte Anfragen, die zunächst nicht berücksichtigt wurden oder in mehr als drei Jahren realisiert werden sollen, in dem neuen Verfahren besserzustellen, wie es von Netze BW hieß.
Mit dem neuen Verfahren will Netze BW dabei nicht nur unlimitierte Netzanschlüsse vergeben, sondern auch etwa 30 flexible Netzanschlussvereinbarungen abschließen. Diese würden aktuell aber noch erarbeitet und sollen dann erprobt werden.
Ergänzend dazu plant Netze BW seine digitale Mittelspannungsauskunft zum 1. September zu erweitern. Sie umfasse künftig auch größere Netzanschlüsse auf der Bezugsseite, also für Anlagen und Standorte, die Strom aus dem Netz beziehen. So könnten mögliche Anschlusspunkte im Mittelspannungsnetz frühzeitig und unverbindlich geprüft werden.
Das Verfahren von Netze BW ist eine „abgespeckte Version“ des Reifegradverfahrens, das die Übertragungsnetzbetreiber in diesem Jahr für Anschlussbegehren eingeführt haben. Es sei bewusst mit dem VfEW entwickelt worden, um eine großflächige Verbreitung in Süddeutschland zu finden.
Netze BW sah sich aufgrund der hohen Zahl an Netzanschlussbegehren zu diesem Schritt gezwungen. So sieht sich der Netzbetreiber offenen Anschlussfragen von mehr als 20 Gigawatt in der Hochspannung und 2,2 Gigawatt in der Mittelspannung gegenüber, wovon mehr als 90 Prozent auf Batteriespeicher entfallen. Die Spitzenlast im Netz von Netze BW liegt dabei bei gerade einmal bei 7,3 Gigawatt. Ab sofort soll daher gelten: „Wer sein Vorhaben gut vorbereitet, vollständige Unterlagen einreicht und ein konkretes Projekt nachweisen kann, bekommt schneller einen Netzanschluss.“ Dies erklärte Jörg Reichert, Vorsitzender der Netze BW-Geschäftsführung. Zugleich betonte er, dass das Unternehmen auch weiterhin massiv in den Netzausbau investiere. Bis 2030 soll so jährlich ein hoher dreistelliger Millionenbetrag in den Ausbau und die Modernisierung der Stromnetzinfrastruktur fließen.
Weitere Informationen zum Verfahren, zu den Kriterien und zur Anmeldung stellt Netze BW online unter www.netze-bw.de/netzanschluss/vergabe zur Verfügung.
Dieser Inhalt ist urheberrechtlich geschützt und darf nicht kopiert werden. Wenn Sie mit uns kooperieren und Inhalte von uns teilweise nutzen wollen, nehmen Sie bitte Kontakt auf: [email protected].
Please login to comment