Scheer: Mit öffentlicher Finanzierung der Netze den Strompreis senken
An der Energiepolitik scheiden sich die Geister innerhalb der Bundesregierung. Zuletzt haben CDU und SPD lange um Kompromisse für die Entwürfe zum EEG 2027 und Netzpaket gerungen, die kürzlich vom Bundeskabinett verabschiedet wurden. Während die SPD auf einen weiteren Ausbau von Photovoltaik und Windkraft dringt, stellt das CDU-geführte Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche gern die Kosteneffizienz bei der Energiewende in den Vordergrund, auch und vor allem um drastische Einschnitte zu begründen.
Der hohe Strompreis in Deutschland wird dabei auch gern dem Ausbau der erneuerbaren Energien angelastet. Auch hier gehen die Perspektiven zwischen Union und SPD deutlich auseinander. Reiche hatte in dieser Woche in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa erklärt, dass sie erst mittelfristig mit sinkenden Strompreisen in Deutschland rechne. „Spürbare Entlastungen werden wir erst in den 2030er Jahren sehen“, wird die Ministerin zitiert.
Die energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion Nina Scheer sieht dabei kurzfristiges Potenzial, die Strompreise zu senken. „Der sicherste Weg zu dauerhaft niedrigen Strompreisen verlangt einen beschleunigten Umstieg auf Erneuerbare Energien und eine öffentliche Finanzierung des Netzausbaus statt über die Netzentgelte“, erklärte Scheer am Freitag. Die auf Netzentgelten basierende Finanzierung für den Ausbau des Stromnetzes trage zu 20 bis 30 Prozent der Stromkosten bei. Dies sei „vermeidbar“, so Scheer weiter.
Sie plädiert dafür, die Kosten für den Netzausbau aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren, ähnlich wie es bei Straßen und Brücken der Fall sei. „Die über die letzten Jahre erhöhten staatlichen Anteile an Übertragungsnetzen weisen bereits den Weg in diese Richtung. Ein so zu erreichender niedriger Strompreis käme auch der Elektromobilität, dem Wasserstoffhochlauf, der Wärmewende und heimischer Wertschöpfung zugute“, erklärte Scheer. Daher dürften die Netzentgeltzuschüsse auch nicht zurückgeschraubt werden. Sie hätten bereits zu einer Entlastung bei den Strompreisen geführt. „Deswegen muss nun das Kapitel der Finanzierung des Stromnetzausbaus auf den Tisch. Wenn die Verstaatlichung von Rüstungsunternehmen erwogen wird, gibt es für Strominfrastruktur mindestens gleichermaßen Anlässe. Schließlich wird der Stromsektor mit der Digitalisierung, mit hochlaufender Elektromobilität und Wärmepumpen, für alle Lebensbereiche immer bedeutsamer — auch sicherheitspolitisch“, so Scheer weiter.
Erst in dieser Woche entschied die Bundesregierung, dass der Zuschuss zu den Übertragungsnetzkosten zwischen 2027 und 2029 auf jährlich 5,5 Milliarden Euro begrenzt werden soll. Dies sind etwa 15 Prozent weniger als noch in diesem Jahr. Die notwendigen Mittel kommen dabei auf dem Klima- und Transformationsfonds (KTF).
Täuschung der Öffentlichkeit
Die SPD-Politikerin sprach von einer Täuschung der Öffentlichkeit, wenn bei der Kostendiskussion über die Energiewende immer nur die Förderkosten der Erneuerbaren beziffert würden, während weder die massiven Entlastungswirkungen durch Erneuerbare noch die weiterhin geleisteten Subventionen für fossile Energiegewinnung, wie die geplanten Ausschreibungen für den Bau neuer Gaskraftwerke, und auch die fossil bedingten Klimafolgeschäden nicht gegengerechnet würden.
Scheer verwies weiterhin darauf, dass ohne den aktuellen Anteil von rund 60 Prozent Erneuerbarer am Stromverbrauch der Preis noch höher und nicht niedriger wäre. „Der heutige Anteil der Erneuerbaren lässt uns jährlich bereits über 80 Milliarden für fossile Energieressourcen einsparen“, sagte die SPD-Politikerin. Kriegsbedingte Energiekrisen trieben dabei die Kosten für den fossilen Anteil in die Höhe, der sich letztendlich auch beim Börsenstrompreis niederschlage. Eine fortgesetzte Abhängigkeit von fossilen Energieträgern stelle daher auch ein enormes Preisrisiko dar.
„Je länger die zuletzt benötigten Kraftwerke fossil sind, desto länger tragen wir unermessliche Preisrisiken, ganz abgesehen von den Klimafolgeschäden. Eine anhaltende Förderung der Erneuerbaren inklusive eines strukturellen Umstiegs auf diese durch Einbindung von Speichern und weiteren Flexibilitäten ist unerlässlich wie gleichermaßen kosteneffizient“, sagte Scheer.
Sie bezeichnete es als „Fake news“, dass der Strom in Deutschland durch die Erneuerbaren so hoch sei. Auch bei den Redispatchkosten verwies Scheer darauf, dass nur etwa ein Sechstel der Gesamtsumme durch Erneuerbare verursacht werden.
Die Neugestaltung der Netzentgelte befindet sich auch gerade in der heißen Phase. In dieser Woche hatte die Bundesnetzagentur die finale Konsultation der AgNes-Festlegung gestartet. Sie soll möglichst bis zum Jahresende in der endgültigen Version veröffentlicht werden und dann ab 2029 gelten.
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Man könnte sagen: „Wir finanzieren anders.”
Nur die Bürger für dumm zu verkaufen und die Kosten zu verschweigen, ist keine Lösung.
Die Bürger haben es satt, mit Begriffen wie Schulden und Sondervermögen konfrontiert zu werden.
Man kann doch selbst in der PV-Blase sehen, dass man sich belügt: Die Strompreise sind gesunken, aber die EEG-Vergütung wurde gestrichen.
Ja, Atomstrom und Strom aus Frankreich sind subventioniert, aber die 6,5 Mrd. Förderungen für deutsche Netze aus dem Staatshaushalt werden wieder verschwiegen.
HÖHRT AUF DIE BÜRGER FÜR DUMM ZU HALTEN!
Kosten verschweigen – der richtige Punkt: bitte rechnen Sie mal die Subventionen in fossile und AKW vor und legen dar, wo die Strompreise denn heite ihne Erneuerbaren wären. Irgendwie wirkt es, als hätten Sie vor lauter Beis-Reflex den Artikel nicht gelesen oder verstanden. Mich stört zudem ihre hetzterische „die Bürger“-Parolen. Das wirkt, als wollten Sie spalten – Sie sollten etwas Abstand von Youtube nehmen, das bekommt Ihrer Argumentation nicht. „Die Bürger“ haben in der Großzahl längst verstanden, welche Energieversorgung langfristig sinnvoll und bezahlbar ist – auch wenn der Markt aktuell noch instransparent ist und das Geld „nach oben“ verteilt wird.
„Wenn die Verstaatlichung von Rüstungsunternehmen erwogen wird, gibt es für Strominfrastruktur mindestens gleichermaßen Anlässe.“ Hut ab – das ist der wesentliche Satz für mich im Artikel. Die Strominfrastruktur zu vergesellschaften (verstaatlichen) tut not und andere EU-Staaten haben und machen das ja auch so. Als Hintergrundinfo bitte das Buch von Dr. Peter Becker: „Aufstieg und Krise der deutschen Stromkonzerne – Zugleich ein Beitrag zur Entwicklung des Energierechts“ lesen und dann mal machen. Das natürliche Monopol des Stromnetzes (vergleichbar wichtig wie das Netz der Wasserleitungen) sollte ohne jede Gewinnerzielungsabsicht im Sinne des Gemeinwohls betrieben werden. Dafür braucht es keine 4 Übertragungsnetzbetreiber und 866 Verteilnetzbetreiber mit je eigenen Strukturen für Geschäftsführung, Personal, Marketings, Recht, etc.. Da ließen sich viel Overheadkosten sparen und gut ist.
Frau Scheer überrascht immer wieder mit positiven Artikeln und dem Willen, sich mit der Materie zu beschäftigen. Es wäre schön, wenn sich das unter ihren Kollegen ausbreiten würde und zu entsprechenden Resultaten führen könnte.
Aber selbst grüne Politiker haben die Gasbeschleunigungsgesetze (mit) aus der Taufe gehoben … etwas zu wissen und danach zu handeln sind eben doch teils sehr weit auseinander. Nach den Gasbeschleunigungsgesetzen ist eben nur noch sehr wenig Spielraum für Frau Reiche geblieben, um sich noch politisch nach rechts absetzen zu können.
Kann Frau Scheer einen positiven Unterschied machen? Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, sie versucht es wenigstens.
Ich wünsche der Frau Scheer viel Erfolg beim Durchsetzen ihrer grundsätzlich richtigen Argumentationen. Ich fürchte aber, dass es genauso ausgehen wird wie beim Gebäudemodernisierungsgesetz. Nachdem Frau Scheer vehement gegen die Zulassung von neuen Gas- und Ölheizungen gekämpft hat, hat sie schließlich doch zugestimmt, mit der Begründung des Koalitionsfriedens, wofür sie sich anschließend mit einer mehrseitigen Veröffentlichung entschuldigt hat. So wird das nix mit der Klima- und Energiewende!
Stimme zu, aber gerade öffentlich finanzierte Netzinfrastruktur bedarf auch einer kritischen Betrachtung des Gesamtsystems: Stromüberschüsse, die nicht direkt verbraucht werden, müssen aus Kostengründen unmittelbar vor Ort an den Solar- und Windparks in Batterien gespeichert werden oder in Wasserstoff gewandelt ins Wasserstoffkernnetz eingespeist werden. Gasnetze sind hinsichtlich Transportkosten fünffach günstiger als Stromnetze und können bzw. werden aktuell durch Umnutzung auf Wasserstoff auch viel schneller aufgebaut, so daß der angeblich zu schlechte Wirkungsgrad weit überkompensiert wird. Ein Stromnetzausbau aber, der alle Erzeugungsspitzen einfängt, um sie dem Markt verfügbar zu machen, und nicht mehr dem tatsächlichen nachgefragten Maximalverbrauch folgt, ist dann wegen der um Faktor drei schlechteren Stromnetzauslastung eben auch um Faktor drei teuerer je kWh- für uns alle, egal ob als Netzentgelt oder steuerfinanziert. Wobei dessen Ausbau auch weiterhin unkalkulierbar langsam vorangehen wird, nur um final doch nicht gebraucht zu werden. Diese ökonomische Fehleinschätzung wird uns kein Land der Welt abkaufen.
Die einfache Alternative sind Anreize für co-lokalisierten Speicherausbau und Wasserstoffeinspeisung für alle, um dem Anschlußproblem beim Stromnetz entgegenzuwirken und die dessen Auslastung nach oben zu treiben. So kann der dringend erforderliche Ausbau von Wind und Photovoltak in nachhaltige Bahnen gelenkt werden, d.h. konkret übergangsweise in Batterien und schließlich in versorgungssichernden Wasserstoff. Erst dessen Einsammlung und Transport über die gesamte Republik mittels Umnutzung vorhandener Gasnetze bringt den entscheidenden Kostenvorteil im Gesamtsystem, s. hier:
https://www.pv-magazine.de/2026/05/18/dezentraler-wasserstoff-halbiert-stromkosten-im-gesamtsystem/VG
Und erspart uns nebenbei die langwierige und teure Digitalisierung der vulnerablen Stromnetzinfrastruktur. Digitalisierung immer nur autonom vor Ort, d.h. am intelligent einspeisenden Wechselrichter selbst, der den Netzzustand ohnehin besser kennt.
Paul Grunow, Berlin