Nicht der Minuspreis zählt, sondern die Spanne
Negative Strompreise sind für dynamische Stromtarife nur die halbe Geschichte. Entscheidend ist eine andere Zahl: die Spanne zwischen den günstigsten und den teuersten Stromstunden eines Tages. Genau dieser sogenannte Spread hat im zweiten Quartal 2026 deutlich zugenommen – und macht zeitliche Flexibilität wirtschaftlich wertvoller, unabhängig davon, wie oft der Preis tatsächlich ins Minus rutscht.
Zweites Quartal 2026: Kein Rekord, aber ein deutliches Signal
Als Maßstab betrachten wir den durchschnittlichen Abstand zwischen den teuersten und den günstigsten Viertelstunden eines Tages. Diese Kennzahl zeigt, wie groß der wirtschaftliche Vorteil sein kann, wenn Stromverbrauch gezielt in günstigere Stunden verschoben wird.

Mit einem durchschnittlichen Spread von 21,83 Cent pro Kilowattstunde erreicht das zweite 2026 den zweithöchsten Quartalswert seit Beginn unserer Auswertung im Jahr 2020. Höher lag die Preisspreizung nur im dritten Quartal 2022 auf dem Höhepunkt der Energiekrise. Der entscheidende Unterschied: Während damals der Gaspreisschock die Strompreise bestimmte, entsteht die hohe Spreizung heute zunehmend als Folge eines Stromsystems, das von erneuerbaren Energien geprägt wird.
Photovoltaik verändert den Wert des Verbrauchszeitpunkts
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung dürfte der fortschreitende Ausbau der Photovoltaik sein. An sonnenreichen Tagen sorgt die hohe Solarstromproduktion rund um die Mittagszeit regelmäßig für niedrige Börsenpreise. Morgens und abends dagegen bleibt Strom vergleichsweise teuer, weil die Nachfrage hoch ist und deutlich weniger Solarstrom zur Verfügung steht.
Die Zahlen aus dem zweiten Quartal 2026 zeigen dieses Muster deutlich: Zwischen 11 und 15 Uhr lag der durchschnittliche Börsenpreis bei lediglich 1,61 Cent pro Kilowattstunde (Median: 0,26 Cent pro Kilowattstunde). Im Morgenfenster zwischen 6 und 9 Uhr betrug er durchschnittlich 11,69 Cent pro Kilowattstunde, am Abend zwischen 17 und 20 Uhr 12,11 Cent pro Kilowattstunde. Zwischen Mittags- und Spitzenzeiten ergibt sich damit über das gesamte Quartal hinweg eine durchschnittliche Differenz von rund zehn Cent pro Kilowattstunde. Auch nachts, zwischen 23 und 5 Uhr, blieb der Preis mit durchschnittlich 11,35 Cent pro Kilowattstunde nur unwesentlich niedriger als am Morgen oder Abend. Die Preissenkung beschränkt sich damit fast ausschließlich auf die Sonnenstunden rund um die Mittagszeit, nicht auf verbrauchsarme Stunden allgemein.

Für Verbraucher ist genau diese Entwicklung entscheidend. Strom wird nicht grundsätzlich günstiger oder teurer, vielmehr schwankt sein Preis innerhalb eines Tages zunehmend. Dadurch entstehen regelmäßig wiederkehrende Preisfenster, die sich gezielt nutzen lassen.
Warum dynamische Tarife an Bedeutung gewinnen
Genau hier entfalten dynamische Stromtarife ihren eigentlichen Mehrwert. Sie bilden die Preisentwicklung an der Strombörse unmittelbar ab und machen diese Preisunterschiede für Haushalte unmittelbar wirtschaftlich nutzbar.
Je größer die Spreizung zwischen günstigen und teuren Stunden ausfällt, desto größer wird auch der wirtschaftliche Nutzen zeitlicher Flexibilität. Besonders profitieren flexible Anwendungen wie Elektroautos und Wärmepumpen sowie Batteriespeicher, die günstige Stromstunden gezielt nutzbar machen. Ein Beispiel dafür ist unser Heimspeicher „Rabot Flow“, der die Nutzung günstiger Stromstunden automatisiert und damit die zeitliche Flexibilität im Alltag erleichtert. Und das für jeden Haushalt in Deutschland, der nicht schon über eine Photovoltaik-Anlage verfügt. Solarstrom aus der Steckdose sozusagen. Dadurch lässt sich die Preisspreizung nutzen, ohne den Stromverbrauch im Alltag aktiv steuern zu müssen.
Wie sich dieser Effekt im Alltag auswirken kann, zeigt ein anonymisiertes Beispiel aus unserer Kundenbasis: Bei einem Verbrauch von 530 Kilowattstunden im zweiten Quartal 2026 sank der durchschnittliche Preis je Kilowattstunde durch Lastverschiebung von 32,8 auf 29,6 Cent, eine Reduktion um rund 10 Prozent und eine Ersparnis von etwa 17 Euro innerhalb von drei Monaten, bei einem für seinen Jahresverbrauch (rund 2.000 Kilowattstunden) vergleichsweise kleinen Haushalt. Ein einzelnes Praxisbeispiel ersetzt keine statistische Auswertung, verdeutlicht aber anschaulich, wie sich größere Preisspreizungen auf die tatsächlichen Stromkosten auswirken können.
Negative Börsenpreise bleiben dabei die Ausnahme und erreichen aufgrund von Netzentgelten, Umlagen und Steuern nur selten den Endkunden. Für Verbraucher sind deshalb nicht einzelne Minuspreise entscheidend, sondern die deutlich häufigeren Stunden mit unterdurchschnittlichen Strompreisen. Sie machen den größten Teil des realen Einsparpotenzials dynamischer Tarife aus.
Mit dem fortschreitenden Rollout intelligenter Messsysteme erhalten in den kommenden Jahren immer mehr Haushalte die technische Grundlage, ihren Stromverbrauch automatisiert an Preissignale anzupassen.
Ein struktureller Trend
Vieles spricht dafür, dass diese Preisunterschiede in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Mit dem Ausbau von Photovoltaik und Windkraft wächst das Angebot günstiger Stunden, während die fortschreitende Elektrifizierung von Mobilität und Wärme, mehr Elektroautos, mehr Wärmepumpen, die Nachfrage gerade in den ohnehin teuren Morgen- und Abendstunden zusätzlich erhöhen dürfte. Flexibilitätsoptionen wie Batteriespeicher nehmen zwar ebenfalls zu, bewegen sich aber, gemessen an der Größenordnung des Gesamtsystems, bislang auf einem vergleichsweise geringen Niveau.
Fazit
Das zweite Quartal 2026 zeigt exemplarisch, wie sich der Strommarkt verändert. Nicht einzelne Negativpreise sind die entscheidende Entwicklung, sondern die wachsende Spreizung zwischen günstigen und teuren Stromstunden. Sie erhöht den wirtschaftlichen Wert zeitlicher Flexibilität – und damit auch die Relevanz dynamischer Stromtarife.
Mit jedem zusätzlichen Gigawatt Photovoltaik verändert sich nicht nur die Art der Stromerzeugung, sondern zunehmend auch der Zeitpunkt, zu dem Strom besonders wertvoll ist. Je stärker sich das Energiesystem auf wetterabhängige Erzeugung stützt, desto wichtiger wird die Fähigkeit, Stromverbrauch zeitlich flexibel zu gestalten. Dynamische Tarife machen diese Flexibilität erstmals unmittelbar wirtschaftlich nutzbar – und dürften damit zu einem zentralen Baustein eines zunehmend erneuerbaren Stromsystems werden.
— Der Autor Konrad Schade ist Chief Commercial Officer (CCO) und Mitglied der Geschäftsführung von Rabot Energy DE GmbH, einem deutschen Anbieter dynamischer Stromtarife mit Sitz in Hamburg. Der promovierte Physiker (Universität Heidelberg, Promotion in theoretischer und mathematischer Physik) war zuvor bei McKinsey & Company sowie beim E-Commerce-Unternehmen Wayfair tätig, dort zuletzt als Global Head of Retail Enablement & Solutions. Seit 2023 verantwortet er bei Rabot Energy die Bereiche Marketing, Vertrieb und Geschäftsentwicklung und beschäftigt sich mit der Frage, wie Haushalte von den zunehmenden Preisschwankungen am Strommarkt profitieren können. Mehr Informationen zum im Beitrag erwähnten Heimspeicher Rabot Flow finden Sie auf unserer Website. —
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Eigentlich ein Elfmeter für die Politik, diese Wertschöpfung gewinnbringend und umfassend mit Aufbruchsstimmung zu nutzen und vor allem…. zu pushen. Aber nein, wir bekommen noch Gaskraftwerrke, die Biotreppe und das Festhalten am Verbrenner. Es ist einfach nicht zu fassen, wie offensichtlich fossil lobbyiert dieses Land ist.
Wertschöpfung gewinnbringend und umfassend mit Aufbruchsstimmung
Gut wäre wenn sich PV und Wind sich mal dem Wettbewerb stellen würde!
Noch viel besser wäre es, wenn die Wirtschaftsministerin die marktwirtschaftlichen und kommunikativen Voraussetzungen für Wettbewerb schaffen würde. Zu allerest Digitalisierung, dann dyn. Netzentgelte und nicht zuletzt eine wirklich simple Direktvermarktung.
Dann steht dem nichts mehr im Wege, das bläst „ohne“ jegliche Förderung alles Fossile weg.