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Nicht der Minuspreis zählt, sondern die Spanne

Warum das zweite Quartal 2026 zeigt, dass Flexibilität zum wirtschaftlichen Faktor wird.
Konrad Schade, Rabot Energy
Konrad Schade ist Chief Commercial Officer (CCO) und Mitglied der Geschäftsführung von Rabot Energy DE GmbH. | Foto: Rabot Energy

Negative Strompreise sind für dynamische Stromtarife nur die halbe Geschichte. Entscheidend ist eine andere Zahl: die Spanne zwischen den günstigsten und den teuersten Stromstunden eines Tages. Genau dieser sogenannte Spread hat im zweiten Quartal 2026 deutlich zugenommen – und macht zeitliche Flexibilität wirtschaftlich wertvoller, unabhängig davon, wie oft der Preis tatsächlich ins Minus rutscht.

Zweites Quartal 2026: Kein Rekord, aber ein deutliches Signal

Als Maßstab betrachten wir den durchschnittlichen Abstand zwischen den teuersten und den günstigsten Viertelstunden eines Tages. Diese Kennzahl zeigt, wie groß der wirtschaftliche Vorteil sein kann, wenn Stromverbrauch gezielt in günstigere Stunden verschoben wird.

Mit einem durchschnittlichen Spread von 21,83 Cent pro Kilowattstunde erreicht das zweite 2026 den zweithöchsten Quartalswert seit Beginn unserer Auswertung im Jahr 2020. Höher lag die Preisspreizung nur im dritten Quartal 2022 auf dem Höhepunkt der Energiekrise. Der entscheidende Unterschied: Während damals der Gaspreisschock die Strompreise bestimmte, entsteht die hohe Spreizung heute zunehmend als Folge eines Stromsystems, das von erneuerbaren Energien geprägt wird.

Photovoltaik verändert den Wert des Verbrauchszeitpunkts

Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung dürfte der fortschreitende Ausbau der Photovoltaik sein. An sonnenreichen Tagen sorgt die hohe Solarstromproduktion rund um die Mittagszeit regelmäßig für niedrige Börsenpreise. Morgens und abends dagegen bleibt Strom vergleichsweise teuer, weil die Nachfrage hoch ist und deutlich weniger Solarstrom zur Verfügung steht.

Die Zahlen aus dem zweiten Quartal 2026 zeigen dieses Muster deutlich: Zwischen 11 und 15 Uhr lag der durchschnittliche Börsenpreis bei lediglich 1,61 Cent pro Kilowattstunde (Median: 0,26 Cent pro Kilowattstunde). Im Morgenfenster zwischen 6 und 9 Uhr betrug er durchschnittlich 11,69 Cent pro Kilowattstunde, am Abend zwischen 17 und 20 Uhr 12,11 Cent pro Kilowattstunde. Zwischen Mittags- und Spitzenzeiten ergibt sich damit über das gesamte Quartal hinweg eine durchschnittliche Differenz von rund zehn Cent pro Kilowattstunde. Auch nachts, zwischen 23 und 5 Uhr, blieb der Preis mit durchschnittlich 11,35 Cent pro Kilowattstunde nur unwesentlich niedriger als am Morgen oder Abend. Die Preissenkung beschränkt sich damit fast ausschließlich auf die Sonnenstunden rund um die Mittagszeit, nicht auf verbrauchsarme Stunden allgemein.

Für Verbraucher ist genau diese Entwicklung entscheidend. Strom wird nicht grundsätzlich günstiger oder teurer, vielmehr schwankt sein Preis innerhalb eines Tages zunehmend. Dadurch entstehen regelmäßig wiederkehrende Preisfenster, die sich gezielt nutzen lassen.

Warum dynamische Tarife an Bedeutung gewinnen

Genau hier entfalten dynamische Stromtarife ihren eigentlichen Mehrwert. Sie bilden die Preisentwicklung an der Strombörse unmittelbar ab und machen diese Preisunterschiede für Haushalte unmittelbar wirtschaftlich nutzbar.

Je größer die Spreizung zwischen günstigen und teuren Stunden ausfällt, desto größer wird auch der wirtschaftliche Nutzen zeitlicher Flexibilität. Besonders profitieren flexible Anwendungen wie Elektroautos und Wärmepumpen sowie Batteriespeicher, die günstige Stromstunden gezielt nutzbar machen. Ein Beispiel dafür ist  unser Heimspeicher „Rabot Flow“, der die Nutzung günstiger Stromstunden automatisiert und damit die zeitliche Flexibilität im Alltag erleichtert. Und das für jeden Haushalt in Deutschland, der nicht schon über eine Photovoltaik-Anlage verfügt. Solarstrom aus der Steckdose sozusagen. Dadurch lässt sich die Preisspreizung nutzen, ohne den Stromverbrauch im Alltag aktiv steuern zu müssen.

Wie sich dieser Effekt im Alltag auswirken kann, zeigt ein anonymisiertes Beispiel aus unserer Kundenbasis: Bei einem Verbrauch von 530 Kilowattstunden im zweiten Quartal 2026 sank der durchschnittliche Preis je Kilowattstunde durch Lastverschiebung von 32,8 auf 29,6 Cent, eine Reduktion um rund 10 Prozent und eine Ersparnis von etwa 17 Euro innerhalb von drei Monaten, bei einem für seinen Jahresverbrauch (rund 2.000 Kilowattstunden) vergleichsweise kleinen Haushalt. Ein einzelnes Praxisbeispiel ersetzt keine statistische Auswertung, verdeutlicht aber anschaulich, wie sich größere Preisspreizungen auf die tatsächlichen Stromkosten auswirken können.

Negative Börsenpreise bleiben dabei die Ausnahme und erreichen aufgrund von Netzentgelten, Umlagen und Steuern nur selten den Endkunden. Für Verbraucher sind deshalb nicht einzelne Minuspreise entscheidend, sondern die deutlich häufigeren Stunden mit unterdurchschnittlichen Strompreisen. Sie machen den größten Teil des realen Einsparpotenzials dynamischer Tarife aus.

Mit dem fortschreitenden Rollout intelligenter Messsysteme erhalten in den kommenden Jahren immer mehr Haushalte die technische Grundlage, ihren Stromverbrauch automatisiert an Preissignale anzupassen.

Ein struktureller Trend

Vieles spricht dafür, dass diese Preisunterschiede in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Mit dem Ausbau von Photovoltaik und Windkraft wächst das Angebot günstiger Stunden, während die fortschreitende Elektrifizierung von Mobilität und Wärme, mehr Elektroautos, mehr Wärmepumpen, die Nachfrage gerade in den ohnehin teuren Morgen- und Abendstunden zusätzlich erhöhen dürfte. Flexibilitätsoptionen wie Batteriespeicher nehmen zwar ebenfalls zu, bewegen sich aber, gemessen an der Größenordnung des Gesamtsystems, bislang auf einem vergleichsweise geringen Niveau.

Fazit

Das zweite Quartal 2026 zeigt exemplarisch, wie sich der Strommarkt verändert. Nicht einzelne Negativpreise sind die entscheidende Entwicklung, sondern die wachsende Spreizung zwischen günstigen und teuren Stromstunden. Sie erhöht den wirtschaftlichen Wert zeitlicher Flexibilität – und damit auch die Relevanz dynamischer Stromtarife.

Mit jedem zusätzlichen Gigawatt Photovoltaik verändert sich nicht nur die Art der Stromerzeugung, sondern zunehmend auch der Zeitpunkt, zu dem Strom besonders wertvoll ist. Je stärker sich das Energiesystem auf wetterabhängige Erzeugung stützt, desto wichtiger wird die Fähigkeit, Stromverbrauch zeitlich flexibel zu gestalten. Dynamische Tarife machen diese Flexibilität erstmals unmittelbar wirtschaftlich nutzbar – und dürften damit zu einem zentralen Baustein eines zunehmend erneuerbaren Stromsystems werden.

— Der Autor Konrad Schade ist Chief Commercial Officer (CCO) und Mitglied der Geschäftsführung von Rabot Energy DE GmbH, einem deutschen Anbieter dynamischer Stromtarife mit Sitz in Hamburg. Der promovierte Physiker (Universität Heidelberg, Promotion in theoretischer und mathematischer Physik) war zuvor bei McKinsey & Company sowie beim E-Commerce-Unternehmen Wayfair tätig, dort zuletzt als Global Head of Retail Enablement & Solutions. Seit 2023 verantwortet er bei Rabot Energy die Bereiche Marketing, Vertrieb und Geschäftsentwicklung und beschäftigt sich mit der Frage, wie Haushalte von den zunehmenden Preisschwankungen am Strommarkt profitieren können. Mehr Informationen zum im Beitrag erwähnten Heimspeicher Rabot Flow finden Sie auf unserer Website. —

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Kommentare

darwin-c
Jul 28, 2026

Negative Strompreise entstehen weil es immernoch „wirtschaftlich“ ist bei Überangebot einzuspeisen. Subvention sei dank.

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Detlef K
Jul 30, 2026

… und trotzdem gäbe es auch mit 4 Cent Marktpreisen ausreichend spread für Speicher. Und sie stabilieren die Kosten aber auf ein niedrigeres Niveau, da nach und nach das teuerste im System für die tägliche Spitzenlast damit wegfällt… Gas. Das dauert noch 10-15 Jahre bis das mal wirklich eliminiert ist… es bleibt noch lange ein sehr lukratives Geschäftsmodell für Speicher… von Jahr zu Jahr deutlicher bei immer günstigeren Speicherkosten, das kommt dem Steuerzahler und Stromkunden zu Gute. Außerdem mehr Effizienz im System, weniger Netzausbau und weniger EEG-Kosten beim Steuerzahler durch die Glättung. Negative Strompreise sind nicht so negativ, sie reizen an, den Verbrauch über die Sektoren zu dynamisieren… auch genau das, was wir für weniger negative Preise und die schnelle Elektrifizierung der Sektoren brauchen… wenn das nur endlich Frau Reiche realisieren und unterstützen würde.

Stephan
Jul 29, 2026

für Kohlekraftwerke und Gaskraftwerke

double-x1
Jul 27, 2026

Ganze 17€ Ersparnis. Das heißt wenn man die Smartmeter Gebühr und Kosten für den Tarif bzw. Optimierung abzieht, hat man sogar Minus gemacht. Das ganze mit dem Risiko, dass Preise zum eigenen Verbrauchsprofil gar nicht passen und man sogar mehr zahlt. Aktuell ohne EV und Wärmepumpe erschließt sich mir nicht, warum man dynamische Tarife an einfache Haushalte vertreiben möchte.

andre-9409
Jul 26, 2026

Es ist einfach unfair, dass Stromspeicher weder beim Laden noch beim Entladen ins Netz Netzentgelte oder irgendeine Art von Steuer zahlen müssen. Es wird darauf hinauslaufen, dass Strom noch wesentlich teurer wird. Die Börsenstrompreise liegen aktuell tagsüber unter der Woche sehr hoch. Wenn alles beantragten Stromspeicherparks am Netz sind, dann werden die Strompreise extremst volatil und die Speicher die eigentlich das Netz mit Regelenergie versorgen werden dann zum Problem selbst

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Stephan
Jul 26, 2026

Ich verstehe Ihr Problem vermutlich nicht… Pumpspeicherkraftwerke zahlen auch keine Netzentgelte, oder?
Die Börsenstrompreise sind aktuell vor allem dann hoch, wenn abends nach Sonnenuntergang zu wenig Erneuerbare da sind: da gleichzeitig konventionelle fossile Kraftwerke (und in Frankreich und der Schweiz auch AKW) ihre Produktion drosseln oder ganz abgeschaltet werden müssen (Kühlwasser-Problematik in Hitzesommern), fehlt es also an den Speichern, um mittägliche Überschüsse in den Abend zu verschieben und damit den Abendpreis zu reduzieren.

Gruenstrom
Jul 24, 2026

Wertschöpfung gewinnbringend und umfassend mit Aufbruchsstimmung
Gut wäre wenn sich PV und Wind sich mal dem Wettbewerb stellen würde!

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Detlef K
Jul 24, 2026

Noch viel besser wäre es, wenn die Wirtschaftsministerin die marktwirtschaftlichen und kommunikativen Voraussetzungen für Wettbewerb schaffen würde. Zu allerest Digitalisierung, dann dyn. Netzentgelte und nicht zuletzt eine wirklich simple Direktvermarktung.

Dann steht dem nichts mehr im Wege, das bläst „ohne“ jegliche Förderung alles Fossile weg.

Detlef K
Jul 24, 2026

Eigentlich ein Elfmeter für die Politik, diese Wertschöpfung gewinnbringend und umfassend mit Aufbruchsstimmung zu nutzen und vor allem…. zu pushen. Aber nein, wir bekommen noch Gaskraftwerrke, die Biotreppe und das Festhalten am Verbrenner. Es ist einfach nicht zu fassen, wie offensichtlich fossil lobbyiert dieses Land ist.

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darwin-c
Jul 28, 2026

Das ist keine Wertschöpfung – es ist einfach ein Systemfehler weil man wertlosen Strom subventioniert.

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Detlef K
Jul 31, 2026

Er ist keineswegs wertlos, da wir noch sehr umfassend davon brauchen… nur zu einer anderen Zeit, als geliefert wird. Aber statt daraus großen Popanz zu machen, kann und sollte man unbedingt das ganz simpel marktwirtschaftlich auflösen und moderne Methoden nutzen, statt wiedermal alles abzureißen. Für die Verschiebung sind aktuell Speicher und das Magnagement inkl. Preissignalen ganz hervorragend geeignet… extrem wirtschaftlich für alle Seiten, „weil“ er so günstig einzufangen ist und weil auf der anderen Seite sehr teures Gas damit ersetzt werden kann.
Die Subventionen für „aktuelle“ Anlagen sind auf sehr niedrigem Niveau. Damit nun den Speichermarkt anzureizen, lohnt sich mehrfach und kommt in wenigen Jahren überkompensiert zurück. Auf Dauer, unabhängig und sicher… für alle Beteiligten, bis auf die fossile Unternehmerschaft.

uwe dyroff
Jul 28, 2026

„Das ist keine Wertschöpfung – es ist einfach ein Systemfehler weil man wertlosen Strom subventioniert.“

Der Systemfehler liegt wo ganz anders.
Man „schmeißt“ ihn (den erneuerbaren Strom) lieber weg.
https://www.pv-magazine.de/2026/07/27/montel-kommerzielle-erneuerbare-abregelung-erreicht-hoechststand/?unapproved=60131&moderation-hash=e336834793d5c02bcfcad10b0c8a0cd3#comment-60131