Diskussion um Photovoltaik-Zubau: „Der Solarstrom versickert im Ortsnetz“
In der Physik gelten Elektronen gemeinhin als ununterscheidbar. Man kann also nicht direkt sehen, ob der Strom von einer Hausdachanlage, von einem Freiflächen-Kraftwerk oder einem Gaskraftwerk stammt. Allerdings gibt es im Stromnetz Spannungsgefälle, und aus diesen lassen sich dann doch Rückschlüsse ziehen zum Beispiel in Bezug auf die Energieflüsse. E3/DC nutzt diesen Effekt, um in einem Whitepaper zu begründen, warum es nicht richtig ist, Engpässe im Stromnetz den Photovoltaik-Dachanlagen in die Schuhe zu schieben. Es ist bekannt, dass die meisten Abregelungen von Photovoltaik-Anlagen im Verteilnetz Überlastungen sind, die in höheren Spannungsebenen auftreten. Die Energie, die zur Überlastung führt, stamme nicht aus den Ortsnetzen, sagt E3/DC-Geschäftsführer Andreas Piepenbrink im Interview mit pv magazine.
Stimmt diese Aussage, würde das Netz weniger ausgelastet, regelte man anstelle von Kleinanlagen nur Großanlagen ab. Man bekomme eine Art Energy Sharing zum Nulltarif. Piepenbrink ärgert sich über die politische Diskussion zu den Engpässen, denn die Überlastung von Stromnetzen wird als ein Grund angeführt, die Bedingungen für die Photovoltaik-Speicher-Anlagen auf Wohngebäuden zu verschlechtern. In das nun in Kraft getretene offizielle Energy Sharing setzt er dagegen große Hoffnungen. Lesen Sie das vollständige Interview mit Andreas Piepenbrink.
Zumindest ein Teil der Bundesregierung plant, die Einspeisevergütung abzuschaffen und auch neue Kleinanlagen in die Direktvermarktung zu bringen. Ein Argument ist, dass die Netze die Einspeisung nicht aufnehmen können. Sie sehen das anders?
Andreas Piepenbrink: Ich ärgere mich sehr über die Pläne, die Einspeisevergütung abzuschaffen. Daher habe ich mir überlegt, wie man physikalisch-sachlich diese Argumente widerlegen kann.
Wie sind Sie vorgegangen?
Wir haben bei größeren Anlagen, die unsere Kunden besitzen, am Pfingstwochenende die Spannungen am Netzanschlusspunkt beobachtet, die unsere Systeme kontinuierlich aufzeichnen. Es handelt sich um 110.000 Anlagen, die gleichmäßig über Deutschland verteilt sind, in ungefähr 80 Prozent der Ortsnetze. Dadurch ergibt sich ein repräsentatives Bild. Wenn die Solaranlagen einspeisen, steigt die Spannung. Das ist ganz normal. Die Spannung gibt einen Hinweis, wie kritisch die Netzsituation ist. Denn wenn die Spannung über einen Schwellenwert steigt, bedeutet das: Der Strom wird im Ortsnetz nicht abgenommen, sondern in die Mittelspannungsebene transportiert. Das Ergebnis der Studie ist, dass die Anlagen nur im Promillebereich abgeregelt wurden, und die Kritikalität lag selbst an einem solchen sonnigen Pfingstwochenende, an dem wenig Strom verbraucht wird, zwischen 10 und 20 Prozent.
Was bedeutet das?
Man kann sagen, dass der Strom zu 80 bis 90 Prozent im Ortsnetz verblieben ist. Über das Jahr betrachtet dürfte das zu 95 Prozent der Fall sein. Das ist genau die Antwort auf meine Frage, wie weit die Ortsnetze überlastet sind und wo der Photovoltaik-Strom hingeht.
Man kann bei den Energy Charts nachsehen, dass an Pfingsten mittags die Verbraucher 41 Gigawatt benötigt haben, die Photovoltaik-Anlagen aber fast 46 Gigawatt produziert haben. Trotzdem ist nicht zu viel Solarstrom in den Netzen?
Die Schlussfolgerung unserer Untersuchung ist, dass der Strom der Kleinanlagen trotzdem genau dafür gebraucht wird, wofür er geplant wurde, nämlich für den Nachbarn. Dabei gibt es mehr Nicht-Besitzer von Photovoltaik-Anlagen als Besitzer, Mieter besitzen zum Beispiel keine eigene Anlage. Daher versickert der Solarstrom im Ortsnetz. Wir haben quasi eine Art Energy-Sharing, ohne dass es geplant ist, und kostenlos.
Nicht ganz kostenlos, weil die Betreiber der Photovoltaik-Anlagen ja die Einspeisevergütung bekommen.
Ich finde das mehr als gerechtfertigt. Der Betreiber bekommt ungefähr sieben Cent, der Versorger berechnet ungefähr 30 Cent pro Kilowattstunde. Der Rest sind Abgaben und Netzentgelte. Ich würde, vorsichtig formuliert, sagen, dass der Photovoltaik-Anlagenbesitzer sogar weniger als den Marktwert bekommt, wenn der Marktwert das ist, was der Versorger in Rechnung stellt, aber de facto physikalisch gar nicht liefert. Der Strom kommt ja sowieso aus der Nachbarschaft.
In Zukunft wird es vielleicht – und das dürfte ja viele aus der Branche freuen –mehr Photovoltaik-Anlagenbesitzer geben als heute. Dann gibt es noch mehr Erzeugung im Vergleich zur Last. Wie wollen Sie dann die Netze stabil halten und den Anreiz geben, dass die Anlagen es nicht überlasten?
Der Stromverbrauch wird sich durch Elektroautos und Wärmepumpen drastisch erhöhen. Der Solarzubau im Verteilnetz muss mindestens mit dem Zubau von Elektroautos und Wärmepumpen korrelieren. Ich sehe da kein Stabilitätsproblem. Außerdem gibt es andere mögliche Maßnahmen. Man muss regelbare Ortsnetztrafos einbauen. Heute gibt es diese in ungefähr 2 Prozent der Ortsnetze. Da, wo wir die kritischen Situationen gesehen haben, gab es sie nicht. Und wenn man ein Problem in der Mittelspannungsebene hat, dann muss man die Großanlagen runterregeln, nicht die Kleinanlagen. Solange man für den Strom aus den Großanlagen keine Abnehmer findet, sollte man sie nicht weiterbauen. Großanlagen sind für mich nicht das Ziel der Energiewende.
Sie plädieren also dafür, dass der Nachbar den Strom vom Nachbarn und nicht von der Großanlage bekommen soll?
Ja, das halte ich für effizient. Das trägt zur Dekarbonisierung der Gebäude ohne große Transportwege bei. Ich bin auch der Meinung, dass jede Großanlage Co-Location mit einem Speicher haben muss.
Sie haben davon gesprochen, dass man im Ortsnetz quasi schon ein Energy-Sharing hat. Seit dem 1. Juni gibt es auch das offizielle Energy Sharing. Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten ein?
Ich bin ein sehr großer Fan von diesem Prinzip. Nicht weil ich Sharing oder Teilen oder Community grundsätzlich toll finden würde, sondern weil das ein großes Problem der Energiewende löst. Das große Problem ist, dass Mieter sonst nicht partizipieren und ihre Stromkosten nicht mit Solarstromausbau reduzieren können. Im Energy Sharing realisiert der Mieter eine Art Eigenverbrauch. In Deutschland wird er gegen EU-Recht mit Netzentgelten belegt. Trotzdem sehe ich großes Potenzial. Anders als beim Modul 3 für die zeitvariablen Stromtarife, benötigt man keine Marktkommunikation. Das ist der Teil, der nicht funktioniert. Wir stellen auf der The smarter E eine Lösung mit einem schönen Dashboard dafür vor. Mieter können direkt ihren Solarstrom optimieren. Das Thema wird fliegen.
Mehr zur politischen Entwicklung, zu Energiemanagement, Eigenverbrauch und Marktbetrieb
Ob die Einspeisevergütung wirklich abgeschafft werden soll, wissen wir nicht. Aber auf dem pv magazine Focus am Mittwoch, den 24. Juni auf der The smarter E in München, werfen wir von 15:15 bis 17:00 Uhr einen Blick auf zukünftige Möglichkeiten, Photovoltaikanlagen auf Wohngebäuden sinnvoll zu betreiben. Thomas Seltmann vom Bundesverband Solarwirtschaft wird berichten, was über die politischen Entscheidungen bekannt ist. Mit Moritz Breuer vom Unternehmen Spotmyenergy, das die Vermarktung von Solarstrom anbietet, Johannes Weniger von Aquu und Klaus Schiller vom Solarunternehmen Kütro diskutieren wir unter anderem über die Erfolgsaussichten der Vermarktung des Solarstroms.
Mit Heimenergiemanagement-Anbietern und den Machern des HEMS-Finders schauen wir auf die Trends in dem Segment und wie es für die Veränderungen in den Bedingungen eingestellt ist. Außerdem diskutieren wir die Schlussfolgerungen aus der ersten pv magazine Übersicht zum Gewerbeenergiemanagement, die Wirtschaftlichkeit von bidirektionalem Laden und der Wärmepumpe unter den Veränderungen im Gebäudemodernisierungsgesetz.
Obwohl der Strom in Deutschland anders als in Österreich mit vollen Netzentgelten belastet wird?
Das kann gehen. Der Photovoltaik-Anlagenbesitzer kann ungefähr 10 Cent pro Kilowattstunde gelieferten Stroms erwarten, der Mieter wird ungefähr zwischen 26 und 28 Cent zahlen. Das ist unter den Kosten der Grundversorgungs-Tarife. Es ist allerdings nicht massenhaft skalierbar, weil der Smart-Meter-Rollout blockiert wird und weil es mit erheblichen Verwaltungsaufwänden verbunden ist.
Die Smart Meter benötigt man ja auch für die dynamischen Stromtarife. Wieviel Prozent der Endkunden mit Ihren Systemen aus dem letzten Jahr warten immer noch?
Ich denke über 80 Prozent. Das liegt an den Netzbetreibern. Jeder Netzbetreiber hat seine eigenen Prozesse und auch die Energievertriebe haben kein maßgebliches Interesse daran. Wenn Sie einen Smart Meter haben, ist der Wechsel vorprogrammiert. Sie sparen Netzentgelte und wechseln zu einem anderen Stromtarif.
Sie sagen, dass wegen des fehlenden Smart-Meter-Rollouts auch die Idee mancher, unter anderem der Bundesregierung, alle neuen Kleinanlagen in die Direktvermarktung zu bringen, gar nicht gehen kann. Wieso?
Wenn wir im Jahr 400.000 Photovoltaik-Speicheranlagen in Deutschland bauen und nur 20.000 davon einen Smart-Meter bekommen, dann gibt es 380.000 Betreiber, die nicht an der Direktvermarktung teilnehmen können. Übrigens, unabhängig davon, können auch die Direktvermarkter nicht so viele neue Anlagen auf einmal in die Vermarktung bekommen. Die bekommen das im Volumen auch nicht hin. Aber noch einmal: Ich halte das auch für nicht sinnvoll. Unsere Studie zeigt, dass der Strom der Anlagen auf den Wohngebäuden bei den Nachbarn im Ortsnetz versickert. Da braucht man keine verpflichtende Direktvermarktung.
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