See all

Reonic: wie KI kleine Installationsbetriebe konkurrenzfähiger macht

Reonic schaltet erste KI-Funktionen für Installateure frei. Im Interview erklärt Geschäftsführer Manuel Schneider, welche Aufgaben künftig automatisiert werden sollen, wie ein WhatsApp-Assistent auf der Baustelle helfen kann und warum allgemeine Sprachmodelle dafür nicht ausreichen.
Computerbildschirm
Die künstliche Intelligenz kommt auf dem Computerbildschirm sehr nüchtern rüber. | Illustration: Reonic

Reonic bietet Planungs- und Unternehmenssoftware an. Bald schaltet ihr KI-Funktionen frei. Wozu dienen diese?

Manuel Schneider: Wir glauben, dass der Installateur der Zukunft die Zeit beim Kunden, egal ob bei der Beratung oder Installation, maximieren wird und Reonic das Werkzeug dafür bietet. Ab sofort wird die Reonic-KI massiv Zeit in Planungs- und Organisationsprozessen einsparen und selbstständig Aufgaben im Hintergrund übernehmen. Da hat sich für uns eine Kehrtwende ergeben.

Warum spart das dem Nutzer Arbeit?

Viele unserer Kunden verbringen viel Zeit damit, Daten zu prüfen, Prozesse zu kontrollieren und Fehler zu vermeiden – alles nicht direkt wertschöpfend. Jeder Schritt, an dem wir mit unserer Lösung dafür sorgen, dass Prozesse schneller und reibungsloser ablaufen, ist aus unserer Sicht ein Gewinn. Das machen wir, indem der Nutzer weniger tippen und klicken muss und stattdessen seine Fragen einfach stellt, anstatt sich Informationen selbst zusammenzusuchen. Beispielsweise fassen wir automatisch Projekte zusammen, so dass der Nutzer auf einen Blick sehen kann, was der nächste Schritt bei einem Kunden wäre.

Manuel Schneider, Geschäftsführer von Reonic.
Foto: Reonic

Wie viel Zeit sparen die KI-basierten Tools zusätzlich?

Manche machen es immer noch mit Stift und Papier, manche nutzen mehrere Tools, um die Prozesskette abzubilden. Pro Projekt lassen sich durch die schnellere Erstellung von Angeboten und effizientere Gestaltung von Vertrieb und Installation mehrere Stunden einsparen. Das Schöne bei unserer Lösung ist, dass es eine durchgehende Lösung in einem System ist ohne Absprünge.

Gibt es auch gezielt Anwendungen für die Installation?

Installateure nutzen aktuell WhatsApp, um untereinander und mit dem Chef zu kommunizieren. Wir haben dafür einen Assistenten entwickelt. Der Installateur kann entweder per Chat oder per Audio-Message Aufgaben, Bilder, Erinnerungen und Notizen eingeben. Mit dem Assistenten werden die Daten gleich im Reonic-System hinterlegt. Wenn man auf der Baustelle merkt, wir haben noch zwei Module zu wenig, dann kann man das mit Bitte an den Innendienst reinsprechen. Daraufhin erstellt sich daraus automatisiert eine Aufgabe für den Innendienst. Man kann den Chat auch zu Themen befragen, zum Beispiel zu Installationsanleitungen und technischen Daten.

Wie gut kann man sich darauf verlassen, dass das alles stimmt? Habt Ihr einen Test gemacht?

Der Output ist natürlich nur so gut wie die Daten im Hintergrund. Dafür haben wir uns über die Jahre eine Datenbasis aus Datenblättern und Installationshandbüchern, Anleitungen und Zusatzwissen angeeignet. Im Zweifelsfall sind unsere Produkte immer so entwickelt, den Nutzer zu fragen oder zu sagen, dass für eine Antwort nicht genügend Informationen vorliegen. Uns geht es nicht darum mit allgemeinen Sprachmodellen zu konkurrieren, sondern die beste Expertenlösung für alle Installateure erneuerbarer Energiesysteme zu sein.

Was sind eure Erfahrungen, wie gut solche Lösungen angenommen werden? Manchmal gibt es ja auch eine Abwehrhaltung gegenüber KI-Systemen?

Es ist genauso wie im Querschnitt der Gesellschaft. Es gibt Fachleute, die sind begeistert, und andere sind sehr skeptisch. Das Photovoltaik-Handwerk ist im Vergleich zu anderen Gewerken aber extrem modern, innovativ und dynamisch. Teilweise haben uns unsere Kunden in die KI-Richtung geschubst. Der erste Kunde hat bereits vor eineinhalb Jahren KI-Telefonie genutzt. Viele nutzen auch ChatGPT oder eine andere KI. Unser Ansatz ist, KI dort einzubinden, wo sie nahtlos in die Prozesse eines Installateurs passt und den meisten Kontext hat über Zugriff auf möglichst viele Datenpunkte. Um den Einstieg noch einfacher zu machen, stellen wir bereits einen WhatsApp-Assistenten zur Verfügung, da aktuell viele Abstimmungs- und Dokumentationsprozesse über WhatsApp laufen.

Wie funktionieren die KI-Tools, nutzt ihr die großen Sprachmodelle?

Selbstverständlich bauen wir auch auf LLMs. Allerdings muss der Kontext stimmen. Der kommt über die Daten, die wir haben und mit denen wir das System trainieren. Die Reonic-KI kann man sich vorstellen wie ChatGPT, allerdings mit dem Fokus auf Handwerker im Photovoltaik- und Wärmepumpen-Bereich mit direktem Zugang zu allen historischen Daten für sämtliche Geschäftsprozesse.

Wenn man als Endkunde eines der Sprachmodelle nutzt, fängt man in jedem Chat von vorne an. Habt ihr eine Version, die sich trainieren lässt?

Genau, dadurch, dass die Reonic-KI direkt in jeden Kunden-Account integriert ist, haben wir eine spezialisierte Version für jeden Nutzer. Der KI stehen jeweils Informationen zu bereits geplanten Projekten, Materiallisten, Kundenkommunikation und technisches Wissen zur Planung zur Verfügung. Das macht die Ergebnisse deutlich präziser, als es mit allgemeinen Sprachmodellen möglich wäre.

Wann werden eure KI-Tools freigeschaltet?

Die ersten Funktionen stehen bereits zur Verfügung, wie beispielsweise unser WhatsApp-Assistent oder unsere KI-Projektzusammenfassungen. Die weiteren Bereiche werden sukzessive ausgerollt. Die Testphase für die weiteren Funktionen ist bereits voll im Gange. 15 Prozent unserer Kunden testen bereits die in Zukunft verfügbaren KI-Tools. Bis zur Intersolar sollten alle wesentlichen Funktionen bereits live und nutzbar sein. Unser gesamtes Tech-Team von über 40 Entwicklern in Augsburg und Berlin arbeitet auf Hochtouren, um diesen riesigen Mehrwert möglichst schnell unseren Installateuren zur Verfügung zu stellen.

Wir stehen erst am Anfang der KI. Wo wird die Reise weiter hingehen und die Welt in zehn Jahren aussehen?

Keiner kann genau abschätzen, wie die KI-Entwicklungen hier weitergehen und was wirklich möglich sein wird. Es kann auch sein, dass die Innovationskurve wieder abflacht oder neue Anwendungen zu teuer werden. Momentan wird ja extrem viel Geld in das System gepumpt. Soviel ist aber sicher: KI ist für unsere Installateure ein großer Hebel, den man nutzen muss. Daher gehen wir von einem klaren Wettbewerbsvorteil aus und rechnen damit, dass perspektivisch alle hochprofitablen oder skalierten Betriebe nicht mehr am Einsatz von KI herumkommen.

Warum ist die KI für kleine Betriebe noch wichtiger als für große?

Für große Unternehmen bedeutet der Einsatz von KI eine Effizienzsteigerung, für den kleinen Betrieb kann es existenziell sein. Je weniger Mitarbeiter, desto wichtiger ist jeder einzelne. Als Geschäftsführer von einem Betrieb mit zehn Mitarbeitern ist man meistens selbst das größte Problem, wenn es um Geschwindigkeit und Umsetzung geht. Mit KI kommt man zumindest bei allem, was Admin und Organisation betrifft, so nah dran, sich selbst zu klonen wie nie zuvor. In diesem Sinne macht KI kleine Betriebe deutlich konkurrenzfähiger mit großen Unternehmen. Was dort in großen Teams mit vielen Mitarbeitern bearbeitet wird, wird nun im kleinen Betrieb durch eine fähige KI mit genug Kontext gelöst. Schon heute haben die Installateure, die am effizientesten arbeiten, kein riesiges Backoffice, in dem manuelle Arbeit gemacht wird. Das sind Betriebe mit einem schlanken Innendienst, der Leads generiert, diese zuweist und steuert. Ansonsten liegt der Fokus auf direktem Kundenkontakt im Außendienst und als Monteur.

Ihr habt einen langen Weg zurückgelegt. Ursprünglich kommt ihr aus der Optimierung von Energiesystemen. Wie war und ist eure Strategie?

Multienergetische Simulation und Optimierung, um die Sektorenkopplung zu motivieren, waren lange unsere Kernprodukte und die technische Grundlage, auf der heute andere Module aufbauen. Wir bieten Software für Installateure im Privat- und im Gewerbekundengeschäft, inklusive Wärmepumpen und Speicher. Über 50 Prozent unserer deutschen Kunden machen auch Wärmepumpen, 15 Prozent machen damit inzwischen mehr Umsatz als mit Photovoltaik.

Wann habt ihr entschieden, auch allgemeine Unternehmenssoftware für das Handwerk zu entwickeln?

Das war ein weiter Weg. Reonic ist aus dem Fraunhofer-Institut in Augsburg heraus entstanden und zu dem Zeitpunkt wollten wir zunächst Simulation und Optimierung an Energieversorger und Stadtwerke verkaufen. Die haben leider etwas länger gebraucht, um mit diesen Themen zu starten. Das war, als politisch die Elektromobilität einen Push bekommen hat. Wir dachten, jetzt fokussieren wir uns auf die Autoindustrie. Leider war auch die Automobilindustrie langsamer, was das Thema E-Mobilität angeht. Dann haben wir uns überlegt, wer kann am meisten von unseren Entwicklungen profitieren? Es hat eine Weile gedauert, bis wir gemerkt haben, dass die Lösung für Installateure und Handwerker interessant ist. Mittlerweile nutzen über 3.000 Betriebe in mehr als 10 Ländern Reonic sowohl als Planungs- als auch als Unternehmenssoftware.

Kommentare