Nur noch im Schritttempo

Ein am Galgen aufgehängtes Solarmodul schwebte über den Demonstranten. Mit Trillerpfeifen und Tröten gingen mehrere hundert Solarteure im Februar in Paris auf die Straße und protestierten gegen die geplanten Kürzungen. Die Initiative „Touche pas à mon panneau solaire“ (TPAMPS), zu Deutsch „Hände weg von meinem Solarmodul“, hatte die Branche aufgerufen, ihren Unmut über die Pläne der Regierung zu zeigen. Genutzt hat dieser Protest wenig. Anfang März gab die Regierung die neuen drastisch reduzierten Förderbedingungen für Solarstrom bekannt.

Noch vor einem Jahr galt der französiche Markt als große Hoffnung. Seit 2009 galten attraktive Vergütungssätze, die einen regelrechten Photovoltaikboom im Land auslösten. Dann kam letzten Dezember ein dreimonatiges Moratorium. Während dieser Zeit wurden nur Anlagen bis drei Kilowatt genehmigt. Alle anderen Projekte lagen derweil auf Eis.

Mit der Neuregelung stellt sich nun für viele Firmen die Frage, ob sich einEngagement in Frankreich weiterhin lohnt. Eine pauschale Antwort gibt nicht, da die verschiedenen Segmente nicht gleichermaßen von den Kürzungen betroffen sind (siehe Tabelle Seite 66).

Für kleine Dachanlagen gibt es, verglichen mit Deutschland, immer noch attraktive Vergütungssätze. Die Einspeisetarife für Anlagen bis 100 Kilowatt werden je nach Gebäudeart zwar um bis zu 20 Prozent gekürzt, dennoch erhalten Betreiber weiterhin zwischen 28,83 und 46 Cent je Kilowattstunde für ihren eingespeisten Solarstrom. Dies gilt allerdings nur für die Monate April bis Juni. Der Zubau wird künftig vierteljährlich überprüft. Bei einem starken Zuwachs könnte im nächsten Quartal eine weitere Kürzung um bis zu 9,5 Prozent folgen.

Die Anbieter von dachintegrierten Photovoltaiklösungen können allerdings gelassen in die Zukunft sehen. Dieser Markt kam überhaupt erst mit dem französischen Fördersystem richtig in Fahrt, von Anfang an gab es für Indachanlagen die höchsten Fördersätze. Das führte dazu, dass viele neue Produkte eigens fürden französischen Markt entwickelt worden sind. Zumindest in dieser Hinsicht lässt sich von stabilen Rahmenbedingungen sprechen, denn weiterhin werden solche Lösungen begünstigt. Für Renusol bleibt Frankreich daher ein wichtiger Markt. „Die neuen Tarife für kleinere Indachanlagen sind immer noch auf einem interessanten Niveau“, sagt Florence Fougerouze aus dem Produktmarketing von Renusol. „Wir haben uns auf Indachanlagen spezialisiert und sind optimistisch, in diesem Marktsegment trotz der Kürzungen weiter erfolgreich agieren zu können.“ Der Konkurrent Mounting Systems, seit September 2010 mit einer eigenen Niederlassung bei Lyon vor Ort, rechnet ebenfalls mit ähnlichen Umsätzen wie im vergangenen Jahr.

Großprojekte werden schwierig

Die Lage für Unternehmen, die sich auf Großanlagen spezialisiert haben, sieht hingegen ganz anders aus. Solarstrom aus Anlagen über 100 Kilowatt Leistung wird zukünftig nur noch mit zwölf Cent pro Kilowattstunde vergütet. Dabei istes egal, ob die Module auf einem Dach oder einer Freifläche installiert sind. Dies bedeutet eine Kürzung um bis zu 65 Prozent. Ob sich mit dem neuen Vergütungssatz Großprojekte überhaupt noch lohnen, darf zu Recht bezweifelt werden.

Deckel bei 500 Megawatt

Die Novelle enthält einen weiteren heiß diskutierten Punkt: Der Zubau neuer Anlagen für das laufende Jahr wird auf 500 Megawatt begrenzt. Dies dürfte die französischen Modulhersteller am härtesten treffen. Mittlerweile haben sie Produktionskapazitäten von rund 900 Megawatt aufgebaut. Ob sie die Überkapazität durch Exporte wettmachen können, ist mehr als fraglich. Außerdem werden sie jetzt auch im eigen Land die Konkurrenz stärker spüren. Mit den jetzigen Vergütungssätzen für Großanlagen steigt der Druck, Anlagen mit preiswerten Komponenten zu bauen. Diese kommen bekannterweise zum größten Teil aus Fernost.

Bruno Cassin vom Modulhersteller Sillia Énergie bringt dieses Szenario in Rage. „So geht es nicht“, sagt er. Er will weiter mit der Regierung im Gespräch bleiben und Veränderungen herbeiführen. Sillia Énergie engagiert sich in der Industrievereinigung der französischen Photovoltaikhersteller AIPF. Dieser Verband wurde erst im September 2010 gegründet, als die Regierung die Tarife überraschend um zwölf Prozent kürzte. Schon damals zeichnete sich ab, dass die vollmundigen Versprechungen von Präsident Nicolas Sarkozy, in Frankreich dauerhaft hohe Einspeisevergütungen zu garantieren, wohl nicht eingelöst würden.

Warum weicht die französische Regierung immer mehr von ihrem Ziel ab, die Photovoltaikindustrie zu fördern? Sie begründet ihren drastischen Schritt damit, dass die Ziele des Umweltabkommens (Grenelle environnement) Priorität hätten. Für die Photovoltaik sieht dieser Plan bis 2020 eine Gesamtkapazität installierter Anlagen von 5,4 Gigawatt vor.

Aktuell befinden sich Projekte mit 6,4 Gigawatt im Genehmigungsverfahren, so die Schätzungen der Koordinierungsstelle Erneuerbare Energien. Deshalb sah sich die französische Regierung zum Handeln gezwungen. Allein mit diesen in der Warteschlange befindlichen Projekten könnte das Ziel des Umweltabkommens schon bald weit überschritten werden. Doch ein großer Teil dieser Projekte wird wahrscheinlich nicht realisiert. Mit den neuen Förderbestimmungen tritt auch eine Frist in Kraft. Die vor dem Moratorium beantragten Projekte müssen innerhalb von 18 Monaten realisiert sein, ansonsten verlieren sie ihren Anspruch auf die alte Förderung. Mitte 2012 wird es eine Revision geben. Dann soll der bis dahin erfolgte Zubau geprüft und der Deckel eventuell auf 800 Megawatt angehoben werden. Die Ingenieure von Valeco, einer kleineren Projektgesellschaft aus Südfrankreich, sehen dennoch optimistisch in die Zukunft. „Natürlich müssen wir uns auf die Veränderungen einstellen. Aber wir wollen unsere Projekte weiterverfolgen und uns auch an den geplanten Ausschreibungen beteiligen.“ Zudem dürfe nicht vergessen werden, dass mit der Begrenzung auf 500 Megawatt zumindest der Status quo beibehalten werde. Ungefähr in dieser Größenordnung sind 2010 in Frankreich neue Anlagen installiert worden.

Die enormen bürokratischen Hürden werden schon jetzt von allen Firmen gleichermaßen beklagt. Nirgendwo in Europa sind die Laufzeiten für Planung, Projektierung und Genehmigung großer Solarprojekte so lang wie in Frankreich. Hinzu kommt ein langwieriges und teures System der Zertifizierung. Für diesen Prozess brauchen die Hersteller einen langen Atem und viel Geld. Zeiträume von anderthalb Jahren sind keine Seltenheit. Deshalb war auch eine der Forderungen der Unternehmen und Investoren, die bürokratischen Hindernisse endlich abzubauen. Doch in dieser Hinsicht hat sich nichts geändert, eher das Gegenteil ist der Fall. Die Gesetzesnovelle beinhaltet nämlich noch eine neue Komponente. Für Anlagen über 100 Kilowatt Leistung soll es zukünftig Ausschreibungen geben. Das genaue Regelwerk dafür steht allerdings noch aus. Sicher ist nur, dass die Ausschreibungen für Dachanlagen einfacher gestaltet werden sollen als für Solarparks. So sind sich viele Branchenvertreter in einer Frage einig: Das System ist kompliziert, intransparent und nur wenig innovationsfreundlich.

Die neuen Einspeisevergütungen in Frankreich auf einen Blick
DachanlagenInstallationstypAnlagengrößeCent/kWh
auf Wohngebäudenvollintegriertbis 9 kW46,00
9 – 36 kW40,25
einfach integriertbis 36 kW30,35
36 – 100 kW28,83
auf Schulen und Krankenhäusernvollintegriertbis 9 kW40,60
9 – 36 kW40,60
einfach integriertbis 36 kW30,35
36 – 100 kW28,85
auf anderen Gebäudenvollintegriertbis 9 kW35,20
einfach integriertbis 36 kW30,35
36 – 100 kW28,85
alle Dachanlagen >100 kW/Freiflächebis 12 MW12,00
Quelle: Französisches Umweltministerium