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Agri-PV-Park Tützpatz: Photovoltaik ja, Agri noch nicht ganz

Ein Jahr nach der Eröffnung ist Deutschlands bis dato größtes Agri-Photovoltaik-Projekt noch nicht ins Rollen gekommen. Die Stromproduktion läuft, doch bei der landwirtschaftlichen Nutzung gibt es Verzögerungen und technische Probleme mit den Nachführsystemen.
Vattenfall, Tützpatz, Mecklenburg-Vorpommern, Agri-PV, Eröffnung, September 2025
Erkennbar stolz: Offizielle Eröffnung der Anlage in Tützpatz im September 2025. | Foto: pv magazine/Jochen Siemer

Im September letzten Jahres erfolgte mit erkennbarem Stolz die feierliche Eröffnung der damals größten Agri-Photovoltaik-Anlage Deutschlands. Heiko Geue, Minister für Finanzen und Digitalisierung des Landes Mecklenburg-Vorpommern, war eigens angereist und wurde vom Betreiber Vattenfall mit einem Karton Eier beehrt: Teil des Agri-Photovoltaik-Konzepts in Tützpatz ist die Hühnerhaltung auf rund der Hälfte der Gesamtfläche.

Ein Jahr später läuft das Ganze allerdings noch nicht wie geplant. Zwar liefern die in drei Abschnitten aufgeteilten Solarmodule seit dem vergangenen Sommer mit ihrer vollen Nennleistung von 76 Megawatt Strom, wie Vattenfall auf Anfrage von pv magazinebestätigte. Doch die landwirtschaftliche Nutzung auf der insgesamt rund 93 Hektar großen Fläche ist auch nach einem Jahr nicht recht in Gang gekommen.

Lokale Medien berichteten über die Probleme auf allen drei Teilabschnitten, die Vattenfall auch nicht bestreitet: Die beiden Abschnitte Tützpatz 2 und Tützpatz 3 mit zusammen 45,5 Hektar und 32,7 Megawatt Leistung auf einachsigen Nachführsystemen sind nicht wie geplant nutzbar. Die Tracker können derzeit „nicht bis zu den maximal vorgesehenen Winkeln gekippt werden“, so Vattenfall-Sprecherin Maja Schubert. Damit ist das Durchfahren mit großem Gerät nicht wie vorgesehen möglich.

Anfangs gab es zudem noch die Schwierigkeit, dass Kabel nicht ausreichend tief im Erdreich verlegt wurden. Dies habe man inzwischen behoben, heißt es bei Vattenfall.

„Mehr Zeit als ursprünglich erwartet“

Auf der 47,5 Hektar großen Teilfläche Tützpatz 1 wiederum sind die Schwierigkeiten wohl weniger technischer Art – aber Eier werden dort einstweilen noch nicht gelegt. Die geplante Hühnerhaltung ist weiterhin in Vorbereitung, die konkrete Umsetzung habe „mehr Zeit in Anspruch genommen als ursprünglich erwartet, unter anderem die Auswahl eines geeigneten Kooperationspartners.“

Unter den auf diesen Abschnitten fest aufgeständerten Solarmodulen sollen mobile Hühnerställe Platz finden, und inzwischen ist die Fertigstellung der ersten Einheiten für Ende November vorgesehen. Danach soll dann der Bewirtschafter die Hühner einquartieren. Zu klären wird dann noch sein, ob bei konventioneller Haltung bis zu 2500 Tiere pro Stall unterkommen oder bei einer Bio-Legehennenhaltung bis zu 2000 Tiere. Das hänge auf lange Sicht „unter anderem von den Vermarktungsmöglichkeiten für Eier und später auch für die Tiere ab“, so Schubert. Langfristig soll die Hühnerhaltung laut Konzept jedenfalls „schrittweise und nachhaltig“ auf bis zu 15.000 Tiere ausgebaut werden.

Wesentliche Änderungen

Wie hingegen die technischen Probleme mit den Trackern gelöst werden sollen, ist derzeit noch offen. Es handelt sich um Systeme von Schletter, doch der Lieferant möchte zu technischen oder vertraglichen Details verständlicherweise keine Auskunft geben. Dass er Schuld an den Problemen hat, scheint unwahrscheinlich: Wie bei anderen Herstellern auch, ist der maximale Neigungswinkel von Schletter-Trackern konstruktionsbedingt und stand somit wohl schon bei Projektbeginn fest. Beim aktuellen System 2V/2P sind es plus/minus 70 Grad, und zumindest auf Fotos ist zu erkennen, dass dieser Winkel auch erreicht wird.

Vattenfall, Tützpatz, Mecklenburg-Vorpommern, Agri-PV, Eröffnung, September 2025
Bewegungsbereich erweitern? Schletter-Nachführsysteme in Tützpatz. | pv magazine/Jochen Siemer

Genaue Auskünfte zu der Frage, warum dies nicht der eigentlich vorgesehene, also mit dem die Fläche nutzenden Landwirt vereinbarte Winkel ist, möchte in der aktuellen Situation niemand geben. Die landwirtschaftliche Nutzung jedenfalls, heißt es bei Vattenfall, sei nicht vollständig verhindert, aber die Situation führe „zu wesentlichen Änderungen“. Man prüfe „Möglichkeiten, den Bewegungsbereich der Tracker zu erweitern“. Wie das allerdings bei vertretbarem Aufwand bewerkstelligt werden soll, scheint fraglich.

Gleichzeitig stehe man „in engem Austausch mit dem Flächeneigentümer, um alternative und langfristig tragfähige Lösungen für die landwirtschaftliche Nutzung zu entwickeln“. Eine Lösung muss auf jeden Fall gefunden werden, das betont auch Vattenfall, denn „angesichts einer Betriebsdauer der Anlage von zwei Jahrzehnten und mehr ist uns eine partnerschaftliche Zusammenarbeit besonders wichtig“.

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Kommentare

Merlin
Sep 16, 2026

Schletter-Tracker machen sehr viele Probleme. Was sich in der Branche langsam herumgesprochen hat, nun steht’s auch in der Presse. Da scheinen alle üblichen Wege der Kommunikation mit dem Hersteller wohl auch in diesem Fall nicht gefruchtet zu haben. Auch das ist in der Branche leider nichts neues. Schade Schletter. Was man so hört, scheinen inzwischen diverse Schletter-Kunden den Rechtsweg zu bestreiten. Die Regressforderungen werden es in sich haben. Man mag gespannt sein, ob Schletter das überlebt. Als Entwickler muss man sich mehr als zwei mal überlegen mit Schletter-Trackern zu planen. Technisch unzuverlässig, Service nicht zufriedenstellend und potenziell ein Lieferant der durch Regressforderungen in die Insolvenz rutschen kann.

Wenn man noch ein paar Fotos von typischen Schletter-Problemen ansehen möchte: Man gehe auf google maps, suche nach Schletter und wirft einen Blick in die Rezessionen.

Ralf Schnitzler
Sep 16, 2026

Gratulation: In Tützpatz funktioniert nach einem Jahr immerhin die Hälfte des Konzepts. Der Solarpark produziert zuverlässig Strom. Nur die Landwirtschaft ist in diesem angeblichen Agri-PV-Projekt bislang eher eine unverbindliche Zukunftsoption.

Um etwas Wind in die Diskussion zu bringen, nehme ich mir diesmal etwas mehr Zeit für einen bitterbösen Kommentar. Vielleicht reagiert ja diesmal jemand. Wäre doch nett, sich wieder einmal richtig zu streiten, oder?

Also: Auf zwei Teilflächen können die Tracker nicht so ausgerichtet werden, dass große Landmaschinen wie vorgesehen hindurchfahren können. Auf der dritten Fläche sucht man noch nach einem geeigneten Kooperationspartner und wartet auf mobile Hühnerställe. Selbst die Entscheidung, ob dort einmal konventionell oder biologisch gehaltene Hühner einziehen sollen, hängt noch von den Vermarktungsmöglichkeiten ab.

Mit anderen Worten: Die 76 Megawatt waren offenbar präzise geplant. Beim „Agri“ wollte man sich die störenden Details wohl für später aufheben.

Besonders erstaunlich ist, dass der konstruktionsbedingte Neigungswinkel der Tracker bereits bei Projektbeginn bekannt gewesen sein musste. Trotzdem passt er offenbar nicht zur vorgesehenen landwirtschaftlichen Nutzung. Das ist ungefähr so, als würde man eine Brücke feierlich eröffnen und erst ein Jahr später feststellen, dass die vorgesehenen Fahrzeuge nicht hindurchpassen.

Hinzu kommt die Frage, wie lange solche mechanisch aufwendigen Anlagen überhaupt zuverlässig funktionieren. Solarparks sollten schließlich nicht nur eine Eröffnungsfeier oder die nächste Förderperiode überstehen, sondern jahrzehntelang Strom erzeugen. Tracker, Antriebe, Lager und Gelenke sind dauerhaft Wind, Regen, Frost, Hitze, Staub und Sand ausgesetzt. Gerade in zunehmend trockenen Regionen dürfte feiner Bodenstaub die Mechanik kaum langlebiger und wartungsärmer machen.

Wenn bereits im ersten Betriebsjahr der Bewegungsbereich der Tracker nicht zur vorgesehenen Bewirtschaftung passt, darf man gespannt sein, welche Überraschungen nach zehn, zwanzig oder dreißig Jahren warten. Vielleicht bekommt das Projekt dann neben Landwirtschaft und Stromerzeugung noch ein drittes Standbein: die dauerhafte Reparatur und Anpassung seiner eigenen Technik.

Dazu kommt ein Widerspruch, über den bei Eröffnungsfeiern offenbar weniger gern gesprochen wird: Ein Solarpark ist eine elektrische Betriebsanlage mit Kabeln, Wechselrichtern, Unterkonstruktionen und beweglichen Modulen. Wenn dort regelmäßig große Landmaschinen rangieren, Böden bearbeiten, ernten und Material transportieren, steigt zwangsläufig das Risiko von Beschädigungen. Die anfangs zu flach verlegten Kabel in Tützpatz zeigen, dass solche Sorgen keineswegs theoretisch sind.

Landwirtschaft bedeutet eben nicht nur idyllische Hühner unter glänzenden Modulen. Sie bedeutet große Maschinen, Metallteile, Erdarbeiten, Staub und Vibrationen in unmittelbarer Nähe elektrischer Betriebsmittel. Dort möglichst viel landwirtschaftlichen Verkehr zu organisieren, klingt weniger nach genialer Doppelnutzung als nach einer fest eingebauten Konfliktzone.

Nun spricht man von „wesentlichen Änderungen“, „alternativen Lösungen“ und „partnerschaftlicher Zusammenarbeit“. Das klingt angenehmer als die nüchterne Erkenntnis:

Wir haben einen Agri-PV-Park gebaut, bevor abschließend geklärt war, ob der Agri-Teil technisch, praktisch und wirtschaftlich überhaupt funktioniert.

Besonders pikant wird das im Vergleich mit dem wenige Tage zuvor eröffneten Agri-PV-Projekt in Schönefeld. Dort sollen 3,50 Meter hohe, einachsig nachgeführte Module, breite Fahrgassen, ökologischer Ackerbau, Wildblumenstreifen, Biodiversität, Klimaanpassung und wissenschaftliche Begleitung ein nahezu perfektes Zukunftsmodell ergeben:

https://www.pv-magazine.de/2026/09/09/agri-photovoltaik-anlage-mit-48-megawatt-in-betrieb-genommen/

Nur wenige Tage später liefert Tützpatz unfreiwillig die passende Warnung: Zwischen Hochglanzkonzept und landwirtschaftlicher Praxis passen manchmal nicht einmal die vorgesehenen Maschinen hindurch.

Ceterum censeo: Vielleicht wäre ein einfacher Biodiv-Solarpark mit fester, langlebiger Technik und konsequentem Naturschutz ehrlicher, robuster und vermutlich auch preiswerter. Dort könnte man sich auf das konzentrieren, was ein Solarpark besonders gut kann: jahrzehntelang möglichst zuverlässig und sicher Strom erzeugen.

Extensives Grünland, regionale Blühmischungen und geeignete Habitatstrukturen könnten zugleich Lebensräume für Insekten, Kleintiere und Feldvögel schaffen, ohne dass ständig tonnenschwere Maschinen zwischen empfindlicher Elektrotechnik und beweglichen Modulen verkehren.

Natürlich klingt ein „Biodiv-Solarpark mit Zaun“ auf der politischen Bühne weniger spektakulär als die „innovative Mehrfachnutzung aus Landwirtschaft, Energieerzeugung, Klimaanpassung und Biodiversität“. Dafür hätte er einen unschätzbaren Vorteil: Er müsste nicht erst nach seiner feierlichen Eröffnung herausfinden, was er eigentlich sein will.

Vielleicht sollte man solche Anlagen zunächst schlicht als Solarparks bezeichnen. Das werbewirksame Zusatzetikett „Agri“ gibt es erst, wenn die landwirtschaftliche Nutzung unter realen Bedingungen mehrere Jahre nachweislich funktioniert.

Nicht, wenn irgendwann Hühnerställe geliefert werden könnten.
Nicht, wenn Maschinen theoretisch zwischen den Trackerreihen fahren sollen.
Und schon gar nicht, wenn eine ungelöste technische Nutzungsfrage nachträglich als Innovationsprozess verkauft wird.

Fazit

Photovoltaik auf dem Land kann funktionieren. Agri-PV bleibt vorerst eine PowerPoint-Präsentation mit Hühneroption, Reparaturbedarf und ungewissem Ausgang.