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Die Industrie ist kein Heimspeicher, aber ein Systemhelfer: Was sie fürs Netz leisten kann

Die Debatte über Industrienetzentgelte kreist noch immer um die falsche Frage. Es geht nicht darum, ob die Industrie entlastet wird, sondern wofür. Ein Kommentar von Alexander Kulesa, Head of Sales bei Neustrom – powered by Frequenz.
Neustrom Powershift-Treffen in Berlin, Mai 2026
Vertreterinnen und Vertreter aus Baustoff-, Agrar-, Lebensmittel-, Metall-, Papier-, und Glasindustrie sowie Verbänden beim Neustrom PowerShift | Leadership Circle im Frankfurter Tor, Berlin (21.05.2026). | Foto: Neustrom

Die Reform der Industrienetzentgelte wird zu oft auf die falsche Frage reduziert: Soll die Industrie entlastet werden oder nicht? Entscheidend ist nicht, ob entlastet wird. Entscheidend ist, welche Entlastung dem Stromsystem messbar nützt und gleichzeitig in der industriellen Realität abbildbar ist. Auf der einen Seite steht die berechtigte Sorge vor weiter steigenden Stromkosten. Auf der anderen Seite die ebenso berechtigte Forderung der Regulierung, Netzentgelte nicht länger nach historischen Privilegien zu vergeben, sondern nach dem, was ein volatiles, erneuerbares Stromsystem tatsächlich braucht.

Beide Seiten müssen berücksichtigt werden. Genau deshalb reicht die bisherige Zuspitzung nicht.


Die bessere Frage lautet daher: Welche Entlastung nützt dem Gesamtsystem nachweisbar? Wer Engpässe entschärft, Lasten verschiebt oder verlässlich flexible Kapazität bereitstellt, sollte dafür fair entlastet werden. Das ist kein industriepolitischer Wunschzettel, sondern eine systemische Notwendigkeit.

Die alte Logik passt nicht mehr

Heute werden Netze oft so geplant und bezahlt, als könne nur zusätzliche Infrastruktur seltene Belastungsspitzen absichern. Dass auch flexible Kapazität diese Aufgabe übernehmen kann, spielt in der heutigen Logik kaum eine Rolle. Industrielle Verbraucher erscheinen darin vor allem als Kostenfaktor. Das trifft die Realität vieler Standorte nicht mehr. Längst gibt es dort Speicher, Kraft-Wärme-Kopplung, Eigenerzeugung, elektrische Wärme, Prozesspuffer, zunehmend auch datenbasierte Steuerung. Nicht alles davon ist beliebig verschiebbar, die Industrie ist kein Heimspeicher. Aber Flexibilität ist vorhanden, und mehr könnte entstehen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Das heutige System unterscheidet zu wenig zwischen Verhalten, das dem Netz hilft, und Verhalten, das es nur historisch gewohnt ist, zu privilegieren. Schlimmer noch: Wer in Photovoltaik, Speicher oder effizientere Prozesse investiert und dadurch weniger Netzstrom bezieht, kann dabei bestehende Entlastungen verlieren. Wer sich transformiert, riskiert wirtschaftliche Nachteile. So gewinnt man weder Industriewende noch Energiewende.

Pauschale Entlastung reicht nicht mehr

Die energieintensive Industrie braucht Entlastung, keine Frage. Deutschland kann es sich nicht leisten, Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu verlieren, nur weil Strom anderswo günstiger ist. Eine pauschale Entlastung ohne Gegenleistung ist aufgrund des neuen EU-Beihilferechts schlicht nicht mehr möglich. Wenn die Industrie entlastet wird, werden diese Kosten auf andere umgelegt; vor allem auf Haushalte und kleinere Unternehmen. Ist es fair, Haushalte und kleinere Unternehmen zugunsten der Industrie zu belasten? Jede Ausnahme wird erklärungsbedürftig.

Die Industrie sollte selbst ein Interesse daran haben, die Debatte weiterzudenken. Nicht als Verteidigung des Status quo, sondern als Angebot: Wir können Teil der Lösung sein, wenn Flexibilität als Systemressource anerkannt wird.

Der industriegetragene Vorschlag: Option 4

Genau hier setzt der Vorschlag an, den wir beim Neustrom PowerShift | Leadership Circle, ein Industriekreis zur Netzentgeltreform, gemeinsam mit energieintensiven Unternehmen und Verbänden entwickelt haben: „Option 4 – Industrielle Flexibilität als Systemressource“. Wir haben ihn der Bundesnetzagentur im laufenden AgNes (Allgemeine Netzentgeltsystematik Strom) -Verfahren zur Weiterentwicklung der Netzentgeltsystematik übermittelt; als konstruktiven Beitrag, nicht als fertiges Modell und schon gar nicht als Besitzstandswahrung.

Der Grundgedanke: Netzentlastung sollte künftig an belastbare, überprüfbare Systembeiträge gekoppelt sein, nicht pauschal gewährt werden. Weil sich ein Glaswerk, ein Lebensmittelhersteller oder ein Metallrecycler kaum über einen Kamm scheren lassen, setzen wir auf zwei Säulen.

Erstens ein Flex-Audit für große Standorte mit relevanter Flexibilitätsfähigkeit. Entscheidend ist dabei nicht, dass ständig Flexibilität abgerufen wird, sondern dass ein Unternehmen nachweisbar in der Lage ist, sie im Bedarfsfall bereitzustellen. Im Grunde genommen so, wie eine Feuerwehr nicht nutzlos ist, nur weil sie an einem ruhigen Tag nicht ausrückt.

Zweitens zeitvariable, dynamische Netzentgelte für einen breiteren Kreis leistungsgemessener industrieller Kunden, die auf orts- und zeitbezogene Netzsignale reagieren können. Das würde die heutige, enge Logik der atypischen Netznutzung zu einem Instrument weiterentwickeln, das reale Netzsituationen besser abbildet. Die Bundesnetzagentur plant dynamische Netzentgelte zuerst für stationäre Batteriespeicher. Wir sind der Meinung: Die Industrie braucht sie dringender!

Flexibilität heißt nicht nur Abschalten

Ein verbreiteter Denkfehler: Flexibilität bedeute, bei Bedarf weniger Strom zu verbrauchen. In einem erneuerbaren System kann sie auch das Gegenteil bedeuten. Bei viel Wind- oder Solarstrom kann zusätzliche Last systemdienlich sein: eine elektrische Wärmeanlage zuschalten, einen Speicher laden, einen Prozess vorziehen. Genauso kann industrielle Flexibilität helfen, die Einspeisung von Überschusserzeugern zu reduzieren, also Abregelung zu vermeiden, indem vorhandene Erzeugung sinnvoll genutzt statt verworfen wird. Flexibilität muss deshalb konsequent in beide Richtungen gedacht werden: als Lastreduktion und als Lastaufnahme.

Besonders groß ist das Potenzial bei industrieller Prozesswärme. Viele Betriebe setzen hier noch vollständig auf fossile Energieträger, obwohl elektrische oder hybride Lösungen technisch möglich sind. Wer Wärmeprozesse flexibel zwischen Gas und Strom verschieben kann, schafft steuerbare Last in erheblichem Umfang, und das oft schneller, als sich der eigentliche Produktionsprozess verändern lässt. Das verbindet Flexibilität, Dekarbonisierung und Resilienz in einem mächtigen Hebel.

Zur Einordnung des Hebels – industriell, volkswirtschaftlich und klimatisch: Der deutsche Gasverbrauch lag 2025 bei rund 864 Terawattstunden. Eine Reduktion um nur 5 Prozent entspräche rund 43 Terawattstunden eingespartem Erdgas – und, gerechnet mit dem Emissionsfaktor des Umweltbundesamts von 0,201 Kilogramm CO₂ pro Kilowattstunde, einer CO₂-Einsparung von etwa 8,7 Millionen Tonnen pro Jahr.

Damit das funktioniert, braucht es Industrietauglichkeit: ausreichende Vorlaufzeiten, klare Maximaldauern, planbare Abruffrequenzen, Kaskadierung statt gleichzeitiger Belastung aller Standorte, und echtzeitfähige, maschinenlesbare Signale statt starrer Fahrpläne. Ein Finanzchef wird nicht in Elektrifizierung, Speicher oder flexible Prozesssteuerung investieren, wenn der regulatorische Rahmen unberechenbar bleibt – egal wie attraktiv das einzelne Flexibilitätsangebot auf dem Papier aussieht.

Die Industrie darf nicht nur Objekt der Reform sein

Deutschland steht an einem Entscheidungspunkt. Die Reform der Industrienetzentgelte kommt. Die Frage ist, ob die Industrie sie nur erklärt bekommt oder aktiv mitgestaltet. Blockiert die Industrie nur, verliert sie an Glaubwürdigkeit. Setzt die Regierung nur auf pauschale Deregulierung, torpediert sie die industrielle Transformation. Beides wäre falsch.

Wir brauchen Differenzierung statt Pauschale, Privileg als Belohnung für Systemdienlichkeit, Planbarkeit trotz Dynamik. Eine Entlastung, die nur als Sondervorteil erscheint, bleibt politisch angreifbar. Eine Entlastung, die nachweislich Redispatchkosten senkt, Engpässe entschärft und industrielle Transformation ermöglicht, hat eine klare Legitimation.

Der Vorschlag wird heute von zwölf Unternehmen und Verbänden getragen:

  • ABC Klinkergruppe GmbH & Co. KG (Recke, Baustoffe/Klinker)
  • Agravis Ost GmbH & Co. KG (Hannover, Agrarwirtschaft)
  • Buss Fertiggerichte GmbH (Ottersberg, Lebensmittelindustrie)
  • Heidemark GmbH (Ahlhorn, Lebensmittelindustrie)
  • OVID Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland e. V. (Berlin)
  • Balthasar Papp Internationale Lebensmittellogistik KG (Gochsheim, Logistik)
  • Badische Staatsbrauerei Rothaus AG (Schwarzwald, Brauindustrie)
  • Siegfried Jacob Metallwerke GmbH & Co. KG (Ennepetal, Metallrecycling)
  • UPM GmbH (Augsburg, Papierindustrie)
  • Verein der Zuckerindustrie e. V. (Berlin)
  • Wernsing Feinkost GmbH (Addrup-Essen/Oldb., Lebensmittelindustrie)
  • Wiegand-Glas Holding GmbH (Steinbach am Wald, Glasindustrie)

Das ist ein Anfang. Weitere Unternehmen, Verbände und Marktakteure sind ausdrücklich eingeladen, sich dem fachlichen Austausch anzuschließen und das Eckpunktepapier zu unterstützen.

Denn im Kern ist diese Reform mehr als ein technisches Regulierungsverfahren. Sie zeigt, ob Deutschland die Energiewende als reines Infrastrukturproblem versteht oder als Systemumbau, an dem Verbraucher, Erzeuger, Speicher und Industrie gemeinsam arbeiten. Die Industrie ist im Stromsystem keine Last, die man verwaltet. Sie kann ein Hebel sein. Dafür braucht es den Mut, Entlastung neu zu denken: nicht pauschal, nicht historisch. Sondern messbar, fair und systemdienlich.

— Der Autor Alexander Kulesa ist Head of Sales bei Neustrom – powered by Frequenz. Er beschäftigt sich mit industriellen Energielösungen, Flexibilität und der Integration industrieller Energieanlagen in Strommärkte und moderne Energiesysteme. —

Alexander Kulesa, Head of Sales bei Neustrom

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