Speicherausbau als Schlüssel zur Energiewende
Deutschland treibt den Ausbau erneuerbarer Energien mit hohem Tempo voran. Damit steigt der Bedarf an Flexibilitätsoptionen, die die wetterabhängige Stromerzeugung ausgleichen können. Batteriespeicher spielen dabei eine entscheidende Rolle. Nach Expertenschätzungen werden bis 2030 etwa 100 GW Speicherkapazität benötigt – aktuell sind erst etwa weniger 5% davon realisiert.
Die Übertragungsnetzbetreiber verzeichnen bereits über 650 Anschlussanfragen für große Batteriespeicher mit einer Gesamtleistung von 226 GW. Allein den Eon-Verteilnetzbetreibern liegen mehr als 2.000 Anfragen für knapp 100 GW vor. Doch längst nicht alle diese Projekte werden auch realisiert werden können.
Der Grund: Genehmigungsverfahren und Netzanschluss entwickeln sich zunehmend zum Flaschenhals. Hier könnte ein alternativer Ansatz Abhilfe schaffen: dezentrale Schwarmspeicher, die am Niederspannungsnetz angeschlossen werden.
Was sind Schwarmspeicher?
Bei Schwarmspeichern werden viele kleine Batteriespeichereinheiten mit Leistungen bis zu 250 kW über verschiedene Standorte verteilt und intelligent vernetzt. Als Gesamtsystem bilden sie einen virtuellen Großspeicher, der zentral gesteuert und optimiert wird.
Die einzelnen Einheiten werden typischerweise am Niederspannungsnetz angeschlossen und auf bestehenden Gewerbeflächen installiert. Sie können flexibel dort platziert werden, wo sie tatsächlich benötigt werden – etwa in Regionen mit hoher PV-Einspeisung oder an neuralgischen Punkten des Stromnetzes.
Vorteile dezentraler Speicherlösungen
Schnellere Genehmigungsverfahren
Ein entscheidender Vorteil dezentraler Speicherlösungen liegt in den deutlich vereinfachten Genehmigungsverfahren:
Kleine Speichereinheiten bis 250 kW können auf Gewerbegrundstücken in der Regel ohne Bebauungsplanverfahren errichtet werden. Sie fallen in vielen Bundesländern unter das vereinfachte Baugenehmigungsverfahren oder sind sogar genehmigungsfrei. Komplexe Umweltverträglichkeitsprüfungen entfallen meist.
Diese regulatorischen Erleichterungen ermöglichen eine deutlich schnellere Projektrealisierung. Eine Umfrage von Clean Horizon Consulting unter deutschen Stadtwerken ergab, dass 46% der Befragten in den komplizierten regulatorischen Rahmenbedingungen den Hauptgrund für den schleppenden Ausbau von Großspeichern sehen.
Einfacherer und schnellerer Netzanschluss
Der Netzanschluss entwickelt sich zunehmend zum kritischen Engpass für die Energiewende:
Während für Großspeicher oft neue Hochspannungsanschlüsse mit langen Vorlaufzeiten erforderlich sind, können Schwarmspeicher über vorhandene Netzanschlüsse im Niederspannungsbereich integriert werden. Die Anschlusskapazitäten im Hochspannungsnetz sind begrenzt und die Wartezeiten werden immer länger.
Dezentrale Speicherlösungen entlasten das Netz genau dort, wo es nötig ist – an lokalen Engpassstellen. Sie reduzieren den Bedarf an teurem Netzausbau und können Netzengpässe gezielt adressieren.
Beschleunigte Implementierung und flexible Skalierung
Zeit ist ein kritischer Faktor in der Energiewende. Hier bieten Schwarmspeicher entscheidende Vorteile:
Während Großspeicherprojekte oft mehrere Jahre von der Planung bis zur Inbetriebnahme benötigen, können dezentrale Speichereinheiten innerhalb weniger Monate installiert und aktiviert werden. Die modulare Struktur ermöglicht zudem eine schrittweise Skalierung – das System kann kontinuierlich wachsen, ohne dass von Anfang an massive Investitionen erforderlich sind.
Die flexible Standortwahl erlaubt die Platzierung genau dort, wo die Speicher gebraucht werden oder wo günstige Rahmenbedingungen herrschen. Dies ermöglicht eine bedarfsgerechte Entwicklung der Speicherkapazitäten.
Großspeicher: Wichtig, aber mit Hürden
Großspeicher werden zweifelsohne eine wichtige Rolle im Energiesystem der Zukunft spielen. Sie bieten Vorteile wie Skaleneffekte bei Anschaffung und Betrieb sowie geringere relative Kosten für Leistungselektronik und Steuerungstechnik.
Eine Fraunhofer-Studie zeigt, dass die Installation von Großspeichern an ehemaligen Kraftwerksstandorten sinnvoll sein kann, da dort die Netzinfrastruktur bereits vorhanden ist. Theoretisch könnten bis zu 65% des bis 2030 in Deutschland benötigten Speicherbedarfs durch Anlagen an ehemaligen Kraftwerksstandorten gedeckt werden.
Dennoch bleiben die praktischen Hürden hinsichtlich Genehmigung, Finanzierung und Implementierungsgeschwindigkeit bestehen. Großspeicherprojekte erfordern umfangreiche Planungs- und Genehmigungsverfahren, lange Lieferzeiten für Komponenten und komplexe Netzanschlussverfahren.
Erste Erfolge mit Schwarmspeichern
Erste Schwarmspeicher-Projekte haben bereits gezeigt, dass das Konzept technisch und wirtschaftlich funktioniert:
In der Schweiz hat ein Schwarmspeicher-Projekt erfolgreich am Regelleistungsmarkt teilgenommen. Dafür wurden zahlreiche kleine Hausspeicher zu einem virtuellen Großspeicher zusammengefasst, der sekundenschnell Schwankungen im Stromnetz ausgleichen konnte.
In Deutschland haben Unternehmen wie AURIVOLT begonnen, Schwarmspeicher-Konzepte zu entwickeln und umzusetzen. Diese dezentralen Speicherlösungen werden auf bestehenden Gewerbeflächen installiert und können schnell skaliert werden.
Geschäftsmodelle rund um Schwarmspeicher
Durch die dezentrale Struktur eröffnen sich neue Geschäftsmodelle:
Investoren können in eigenständige Speichereinheiten investieren und von stabilen Erträgen durch den Arbitrage-Handel am Strommarkt profitieren. Dabei werden Preisunterschiede genutzt: Der Speicher wird geladen, wenn der Strompreis niedrig ist, und entladen, wenn die Preise hoch sind.
Unternehmen mit ungenutzten Flächen wie Parkplätzen oder Lagerflächen können diese für die Installation von Schwarmspeichern zur Verfügung stellen und dadurch zusätzliche Einnahmen generieren, ohne selbst investieren zu müssen.
Die virtuellen Großspeicher können am Regelenergiemarkt teilnehmen und zur Netzstabilisierung beitragen, was zusätzliche Erlösquellen erschließt.
Fazit: Hybride Ansätze für eine erfolgreiche Energiewende
Die Energiewende benötigt verschiedene Speicherlösungen auf allen Ebenen. Während Großspeicher eine wichtige Rolle spielen werden, bieten dezentrale Schwarmspeicher entscheidende Vorteile bei der Implementierungsgeschwindigkeit, Genehmigung und Netzanbindung.
Für eine erfolgreiche Energiewende sind beide Konzepte notwendig. Doch angesichts der Dringlichkeit des Speicherausbaus könnten Schwarmspeicher einen entscheidenden Beitrag leisten, um die benötigten Kapazitäten schneller zu realisieren.
Die Energiewende braucht pragmatische, schnell umsetzbare Lösungen. Schwarmspeicher leisten hier einen entscheidenden Beitrag und ergänzen traditionelle Speicherkonzepte in idealer Weise.
Fußnote: Neben den genannten Vorteilen bei Genehmigungsverfahren und Netzanschluss können dezentrale Speicherlösungen auch steuerliche Vorteile bieten. Insbesondere die Nutzung des Investitionsabzugsbetrags (IAB) nach § 7g EStG kann bei klar abgrenzbaren Einheiten einfacher sein als bei komplexen Großspeichern, bei denen die Anerkennung als bewegliches Wirtschaftsgut in Einzelfällen problematisch sein kann. Dieses Thema wird später in einem separaten Fachartikel detailliert behandelt.





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