ESMC fordert von EU wirksamen Marktschutz für europäische Photovoltaik- und Speicherunternehmen
Mehr als 35 europäische Unternehmen haben sich in einem gemeinsamen Positionspapier an das Europäische Parlament, den Rat und die EU-Mitgliedsstaaten gewandt. Se fordern, den Industrial Accelerator Act (IAA) zu nutzen, um die gesamte Photovoltaik-Wertschöpfungskette in Europa wieder aufzubauen, wie die Vereinigung European Solar Manufacturing Council (ESMC) am Montag mitteilte.
Dabei stellen die Unternehmen drei zentrale Forderungen auf. Sie verlangen eine strenge Definition von „Made in Europe“, die in einem starken IAA, der auch zügig umgesetzt werden sollte, verankert wird. Es gehe dabei um eine frühzeitige Anwendung, die Einbeziehung der gesamten Photovoltaik-Wertschöpfungskette innerhalb von fünf Jahren nach Inkrafttreten sowie der Einbeziehung von in Europa hergestellten Produktionsanlagen. Die zweite Forderung bezieht sich auf einen angemessen Marktschutz vor systemischen Überkapazitäten sowie ausländische Subventionen und Dumping. Diese sollte mit dem neuen Instrument der EU zur Bekämpfung von Überkapazitäten und zur Diversifizierung verankert werden. Die dritte Forderung bezieht sich auf Investitions- und Betriebsunterstützung seitens der EU, um privates Kapital anzuziehen und die Wertschöpfungskette wieder aufbauen zu können. Dabei gehe es auch um gezielte und zeitlich begrenzte Unterstützung für Betriebskosten, da die Photovoltaik-Fertigung eine Opex-getriebene Branche sei, argumentieren die Unternehmen.
Ihrem Schreiben haben die Unternehmen ein 13-seitiges Positionspapier beigefügt. Darin wird aufgezeigt, wo aktuell europäische Produktionskapazitäten bestehen und fehlen. Zudem werden Kosten für den Wiederaufbau einer vollständigen Photovoltaik-Wertschöpfungskette dargelegt. Ebenso geht es um den wirtschaftlichen Nutzen, etwa durch neue Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Resilienz. Beide Dokumente seien an mehrere Ausschüsse des Europäischen Parlaments geschickt worden.
Demnach gibt es in der EU mehr als 100 Produktionsstandorte. Etwa Dreiviertel sind Kapazitäten zur Modulherstellung. Demgegenüber würden aber nur eine Handvoll Standorte existieren, wo Solarzellen produziert würden oder Zellproduktion im Gigawatt-Maßstab aufgebaut werden sollen. Zur Ingot- und Waferproduktion gebe es lediglich ein Projekt und mit Wacker Chemie nur einen Polysilizium-Hersteller in der EU. „Die Modulmontage allein schafft keine Widerstandsfähigkeit. Wenn Europa technologische Souveränität will, braucht es die gesamte Wertschöpfungskette“, heißt es in dem Schreiben der Unternehmen.
Investoren und Technologie für einen Wiederaufbau der Wertschöpfungskette seien vorhanden. „Was fehlt, ist ein Markt, der die europäische Produktion wertschätzt. Die IAA kann diesen Markt schaffen – aber nur, wenn ‚Made in Europe‘ auch wirklich ‚Made in Europe‘ bedeutet, und nur, wenn sie die gesamte Kette innerhalb eines klaren Zeitrahmens abdeckt“, sagte ESMC-Generalsekretär Christoph Podewils.
Während es in der Fertigungskette an vielen Stellen an Unternehmen fehlt, ist die EU bei der Herstellung von Produktionsanlagen gut aufgestellt. In dem Positionspapier werden 38 spezialisierte europäische Maschinenbauer identifiziert, die fast jeden Prozessschritt abdecken könnten. Viele von ihnen beliefern auch die Halbleiterindustrie. Um diese europäische Technologiekompetenz, die Voraussetzung für den Wiederaufbau der Photovoltaik-Wertschöpfungskette sei, zu erhalten, sollte ein festgelegter Anteil der Fördermittel für die Fertigung an den Einsatz europäischer Anlagen geknüpft werden, wie die Unterzeichner fordern.

Bezüglich des Kostenarguments wird im Positionspapier dargelegt, dass eine europäische Produktion von jährlich 30 Gigawatt Solarmodule, etwa 80.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze sichern würde. Zudem würde das BIP der EU um etwa vier Milliarden Euro jährlich gesteigert und dazu noch rund zwei Milliarden Euro an Steuern und Sozialabgaben einbringen. Die vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE verfasste Studie geht ferner davon aus, dass sich die Mehrkosten für in Europa hergestellte Komponenten auf etwa 0,25 Cent pro Kilowattstunde des durchschnittlichen EU-Großhandelsstrompreises belaufen werden. Sie lägen damit innerhalb der Resilienzmarge, die der Net-Zero Industry Act (NZIA) bereits bei Ausschreibungen in den EU-Mitgliedsstaaten zulässt.
Der größte Einzelposten dieses Aufschlags sei nicht die europäische Fertigung, argumentiert ESMC. Die Maßnahmen würden vielmehr das Ende der unter den Selbstkosten liegenden Preise aus China bedeuten, die unabhängig davon verschwinden werden, ob Europa handelt oder nicht. „Gemessen an den Hunderten von Milliarden Euro Schaden, die durch die jüngsten Versorgungsschocks verursacht wurden, handelt es sich hierbei um eine Versicherungsprämie, nicht um eine Subvention“, heißt es in dem Schreiben der Unternehmen.
ESMC drängt die EU dabei auch zur Eile. „Investoren warten nicht auf Subventionen, sie warten auf einen Markt. Europäische Projekte, Standorte und Technologien sind bereit. Gebt in Europa hergestelltem Polysilizium, Wafern und Zellen einen garantierten Platz in der europäischen Nachfrage, und das Kapital wird fließen – andernfalls wird es anderswohin fließen“, sagte Carsten Rohr, Co-Vorsitzender der ESMC und Vertreter von Resilicon.
Aktuell arbeiten die zuständigen Ausschüsse des Europäischen Parlaments an ihrem Standpunkt zum IAA. Es wird erwartet, dass der europäische Rat in den kommenden Wochen seinen allgemeinen Ansatz festlegen wird.
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