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Die Illusion vom Kupfer: Warum der virtuelle Summenzähler für Mieterstrom unverzichtbar ist

Dies ist eine Replik von Green Planet Energy auf den Beitrag „Die Illusion vom virtuellen Zähler: Warum Kupfer in der Praxis derzeit Software schlägt“.
Green Planet Energy, Mieterstrom, Ossendorfer Gartenhöfe
435 Wohnungen in 55 Gebäuden werden bei dem Projekt in Köln über 42 Photovoltaik-Anlagen versorgt. | Foto: Green Planet Energy

Mehr als drei Jahre nach seiner gesetzlichen Einführung hat der virtuelle Summenzähler noch immer mit operativen Umsetzungshürden zu kämpfen. Daraus abzuleiten, der physische Summenzähler sei deshalb derzeit die wirtschaftlichere Wahl, wie im Gastbeitrag ‚Die Illusion vom virtuellem Summenzähler‘, greift zu kurz.

Denn die heutigen Schwierigkeiten bei der Umsetzung des virtuellen Summenzählers sagen vor allem etwas über die Prozessreife bei Netz- und Messstellenbetreibern aus und nichts über die grundsätzliche Eignung und strukturelle Wirtschaftlichkeit eines digitalen Messkonzepts.

Wir bei Green Planet Energy haben mehr als 150 Mieterstromprojekte realisiert, darunter mittelgroße Mieterstromprojekte aber auch größere Quartierslösungen mit mehreren hundert Wohneinheiten. Aus der Umsetzungserfahrung dieser Projekte wissen wir: Wer Mieterstrom kostengünstig skalieren will, braucht digitale Messkonzepte. In unseren Projekten setzen wir deshalb konsequent auf den virtuellen Summenzähler.

Der virtuelle Summenzähler ist keine technische Spielerei

Der Gesetzgeber hat den virtuellen Summenzähler nicht eingeführt, weil Software moderner klingt als Kupfer, sondern um Messkonzepte in Mehrparteienliegenschaften zu vereinfachen und kostengünstiger zu gestalten. So steht es in der Gesetzesbegründung.

Und tatsächlich: Die Möglichkeit, einen physischen Summenzähler, der mehrere tausend Euro kostet, durch eine rechnerische Aggregation von Messwerten zu ersetzen, ergibt sowohl ökonomisch als auch technisch Sinn. Das Prinzip ist einfach: Statt einen zusätzlichen Summenzähler einzubauen, der voraussichtlich eine Wandlermessung (ab etwa vier bis sechs Wohneinheiten), zusätzliche Verkabelung und eigenen Zählerschrank benötigt, werden die Messwerte intelligenter Zähler in den Wohnungen zur Summenbildung herangezogen. Das spart den physischen Summenzähler am Netzanschlusspunkt.

Aber im Bestand ist Geld nicht das einzige Problem. In vielen Mehrfamilienhäusern fehlt schlicht der Platz für zusätzliche Zählertechnik im Keller.

Verliert der virtuelle Summenzähler seinen Kostenvorteil durch lange Wartezeiten?

Im Gastbeitrag „Die Illusion vom virtuellen Zähler“ wird folgende Rechnung aufgemacht: Ein zusätzlicher Wandlerschrank beziehungsweise physischer Summenzähler kostet rund 3000 bis 7000 Euro. Verzögert sich dagegen ein 30-Kilowatt-Mieterstromprojekt um sechs Monate, gingen mehr als 3000 Euro Stromeinnahmen verloren. Damit sei der Kostenvorteil des virtuellen Modells bereits vor dem Start aufgezehrt.  Diese Rechnung klingt zunächst plausibel. Die Rechnung berücksichtigt jedoch lediglich den Projektstart und blendet die Kosten über den gesamten Lebenszyklus aus.

Zum einen sieht die Rechnung in größeren Mieterstromprojekten anders aus. Dort gibt es häufig mehrere Gebäude, Hauseingänge und demzufolge auch mehrere Netzanschlüsse. In solchen Projekten müssen dann viele zusätzliche Summenzähler eingebaut werden. Das Mieterstromprojekt Ossendorfer Gartenhöfe in Köln zeigt, um welche Dimensionen es dann gehen kann: Dort werden 435 Wohnungen in 55 Gebäuden über 42 Photovoltaik-Anlagen versorgt. Hier müsste für alle 42 Kundenanlagen ein physischer Summenzähler installiert werden. In solchen Quartieren kommen dann schnell zusätzliche Hardwarekosten in sechsstelliger Höhe zusammen. Das beeinträchtigt die Wirtschaftlichkeit von Mieterstrom signifikant.

Zum anderen verkennt die Rechnung oben, dass Verzögerungen bei der Realisierung des virtuellen Messkonzepts nicht zwingend dazu führen, dass die Anlage keinen Strom verkaufen und Erlöse erzielen kann. Denn auch wenn Mieter nicht versorgt werden können aufgrund einer Verzögerung beim Messkonzept, ist es durchaus denkbar, dass die Anlage ins Netz einspeisen kann. Außerdem ist es denkbar, Mieterstrombelieferung rückwirkend zu berechnen beziehungsweise bilanzieren.

Digitale Messkonzepte sind zukunftssicher

Ein Zählerschrank und eine Hauptverteilung werden für Jahrzehnte geplant und eingebaut. Marktkommunikations- und IT-Prozesse können sich dagegen innerhalb weniger Jahre grundlegend verändern und automatisieren. Wer eine Infrastrukturentscheidung für 20 oder 30 Jahre fällt, sollte bei dieser Entscheidung zukünftige Entwicklungen berücksichtigen, und nicht nur an einige Monate Projekt-Verzögerungen denken.

Die relevante Frage lautet nicht: Welches Messkonzept bekomme ich heute schneller vom Netzbetreiber?

Sondern: Welche Architektur verursacht über die gesamte Lebensdauer des Gebäudes die geringsten Investitions-, Umbau- und Betriebskosten bzw. welches System kann morgen ohne großen Aufwand Wärmepumpen oder Ladesäulen integrieren?

Wer in veraltete Hardware investiert riskiert am Ende vermeidbare Kosten. Denn Gebäude werden energiewirtschaftlich immer komplexer und diese Komplexität können physische Systeme oft nicht ohne Weiteres bewältigen. Digitale Messkonzepte sind hingegen zukunftssicher.

Auch der physische Summenzähler entkommt der Marktkommunikation nicht

Im Gastbeitrag ‚Die Illusion vom virtuellen Summenzähler‘ wird zu Recht beschrieben, dass beim Mieterstrom einzelne Wohnungs-Marktlokationen energiewirtschaftlich ruhend gestellt und beim Austritt aus dem Mieterstrommodell wieder aktiviert werden müssen.

Diese Prozesse entstehen aber nicht dadurch, dass der Summenzähler virtuell ist. Auch beim physischen Summenzähler müssen Netzbetreiber ruhende Marktlokationen in ihren Systemen abbilden. Insbesondere auch beim Messkonzept ‘doppelte Sammelschiene’. Bei Eintritt in das Mieterstrommodell wird eine Marktlokation entsprechend behandelt, bei einem späteren Austritt infolge eines Lieferanten- oder Mieterwechsels wird sie wieder aktiviert. Beim Messkonzept ‘doppelte Sammelschiene’ fallen zusätzlich Anfahrten und Arbeitszeit vor Ort an.

Damit ist die Marktkommunikation kein exklusives Problem des virtuellen Summenzählers.

Der Smart-Meter-Rollout ist ein Engpass, aber kein Argument für analoge Dauerlösungen

Zum 30. Juni 2026 waren erst 5,9 Prozent aller gemeldeten Messlokationen mit intelligenten Messsystemen ausgestattet. Bei bestimmten Pflichteinbaufällen lag die Quote immerhin bereits bei 26,1 Prozent. Das sind Durchschnittszahlen, die nicht darüber hinwegtäuschen können, dass einige grundzuständige Messtellenbetreiber ihre Ziele überdurchschnittlich und andere unterdurchschnittlich erfüllen. Die Schlussfolgerung hieraus kann aber nicht sein, deshalb dauerhaft zusätzliche physische Messinfrastruktur einzubauen.

Denn eins ist klar: Der Smart-Meter-Rollout muss und wird voranschreiten. Anstatt auf analoge Summenzähler zu setzen, wäre es daher sinnvoller, darüber nachzudenken, Mieterstromprojekte, Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung und Energy Sharing explizit in den Pflichtrollout aufzunehmen. Das würde die notwendige Digitalisierung beschleunigen und Dezentrale Versorgungslösungen besserstellen.

Wer hundert oder tausend Gebäude betrachtet, braucht standardisierbare Prozesse. Jede zusätzliche Hardwarevariante, jede Ortsbegehung, jede Sonderlösung in der Hauptverteilung und jeder individuelle Umbau erschweren die Skalierung. Digitalisierung ist das Mittel gegen den Wirrwarr an vielen Zählerschränken. Genau an diesem Punkt gewinnt Software gegen Kupfer.

Prozesse müssen standardisiert werden, nicht Messkonzepte wieder analoger

Der virtuelle Summenzähler funktioniert heute noch nicht überall so reibungslos, wie er sollte. Das muss man nicht schönreden. Aber aus schlecht digitalisierten Marktprozessen folgt nicht, dass die digitale Messarchitektur falsch ist. In zahlreichen gemeinsamen Projekten mit der Immobilienbranche und Netzbetreibern, haben wir gelernt, dass der virtuelle Summenzähler möglich ist, wenn gemeinsam alle an einem Strang ziehen. Die richtige Schlussfolgerung lautet daher nicht, digitale Messkonzepte wieder durch zusätzliche Hardware zu ersetzen. Die Aufgabe besteht vielmehr darin, Prozesse zu standardisieren und die Digitalisierung konsequent umzusetzen.

Wenn das gelingt, profitieren am Ende alle: Immobilieneigentümer, Mieterstrombetreiber, Netzbetreiber, Mieter und Quartiere.

Über die Autoren:

Mathias Hein von Green Planet Energy

Mathias Hein studierte Physik an der Universität Oldenburg mit Schwerpunkt Erneuerbare Energien und promovierte im Bereich Photovoltaik. Seit 2021 ist er bei Green Planet Energy eG als Produktmanager Energiedienstleistungen tätig und verantwortet Mieterstrom sowie weitere Photovoltaik-Angebote für Gewerbekunden. Auf der kommenden Solarcity-Konferenz in Berlin am 3. November 2026 wird er zum Thema sprechen.

Miriam Piecuch von Green Planet Energy

Miriam Simone Piecuch ist Pressesprecherin bei Green Planet Energy und dort zuständig für das Thema Mieterstrom.

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