Brüssel prüft Cyberrisiken von Solaranlagen und setzt auf europäische KI
Die Europäische Kommission verschärft ihren Blick auf mögliche Cybersicherheitsrisiken in der Solarbranche. Nachdem sie zuletzt die Verwendung von EU-Fördermitteln für Projekte mit Wechselrichtern aus „Hochrisikoländern“, zu denen auch China zählt, eingeschränkt hatte, kündigt sie nun eine umfassende Risikoprüfung von Solaranlagen in der Europäischen Union an. Dies geht aus der am Dienstag veröffentlichten „Strategic Roadmap for Digitalisation and AI in the Energy Sector“ hervor.
In dem Strategiepapier ordnet die Kommission Solar- und Windkraftanlagen den kritischen Infrastrukturen zu und nennt unter anderem die Manipulation von Stromerzeugungsanlagen, unbefugten Zugriff auf Betriebsdaten, die Kompromittierung von Lieferketten sowie die Möglichkeit, Stromausfälle aus der Ferne auszulösen, als mögliche Risiken. Die angekündigte Risikoprüfung von Solaranlagen soll bereits 2026 erfolgen.
Zudem will die Kommission die ethischen Folgen des KI-Einsatzes im Energiesektor untersuchen lassen. Dazu soll die Europäische Gruppe für Ethik in Wissenschaft und neuen Technologien eine Stellungnahme zur vertrauenswürdigen und verantwortungsvollen Nutzung von KI erarbeiten. Die Kommission erhofft sich davon mehr Transparenz, Nachvollziehbarkeit und menschliche Kontrolle bei KI-Anwendungen in kritischen Energieinfrastrukturen sowie eine höhere Cybersicherheit und Widerstandsfähigkeit des Stromsystems.
Die Kommission führt die Debatte nicht allein unter dem Aspekt der Cybersicherheit und betont die Bedeutung technologischer Souveränität. Europa müsse bei digitalen Technologien und KI-Anwendungen unabhängiger werden, wie es in dem Papier heißt. Die EU solle die Kontrolle über die digitalen Lösungen, Algorithmen und KI-Modelle behalten, von denen das Energiesystem künftig zunehmend abhänge.
„Wir können es uns nicht leisten, bei den Technologien, die den Betrieb unserer Krankenhäuser, die Stabilität unserer Energienetze und die Sicherheit unserer Dienste gewährleisten, von anderen abhängig zu sein“, sagt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. „Es geht darum, unsere Bürgerinnen und Bürger zu schützen, unsere Interessen zu verteidigen und unsere eigenen Entscheidungen zu treffen. Europa hat die Talente, die Exzellenz in der Forschung, die industrielle Basis und den Binnenmarkt. Gemeinsam müssen wir diese Stärken in technologische Souveränität umwandeln.“
Neben den Sicherheitsaspekten hebt die Kommission aber auch die Chancen von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz hervor. Digitale Technologien sollen helfen, Stromnetze effizienter zu betreiben, erneuerbare Energien besser zu integrieren und Flexibilitäten im Stromsystem zu erschließen. Verbraucher könnten ihren Stromverbrauch gezielt in Zeiten niedriger Börsenstrompreise verlagern. Nach Berechnungen der Kommission könnten flexible Stromverbräuche die Energiekosten europäischer Verbraucher um mehr als 71 Milliarden Euro pro Jahr senken. Für die Industrie verspricht sich die Behörde zusätzliche Effizienzgewinne und niedrigere Energiekosten. Durch KI-gestützte Optimierung von Betrieb und Wartung könnten bis 2035 Einsparungen von bis zu 94 Milliarden Euro jährlich erzielt werden.
Angesichts dieser Vorteile zielt die Strategie nicht darauf ab, künstliche Intelligenz im Energiesektor nicht zu nutzen; im Gegenteil, der Einsatz soll ausgeweitet werden. Hierbei sollen aber Risikoprüfung und idealerweise Aspekte der Technologiesouveränität eine entscheidende Rolle spielen.
Die Strategie basiert auf drei Säulen. Erstens soll der steigende Energiebedarf von Rechenzentren nachhaltig in das Energiesystem integriert werden. Zweitens will die Kommission die Digitalisierung des Stromsystems beschleunigen. Dazu gehören unter anderem ein schnellerer Rollout intelligenter Stromzähler, der verstärkte Einsatz digitaler Netztechnologien und die Entwicklung eigener europäischer KI-Anwendungen für Netzbetrieb und Netzplanung. Drittens soll ein europäischer Rahmen für den Austausch von Energiedaten geschaffen werden, um digitale Energiedienstleistungen und KI-Anwendungen grenzüberschreitend zu ermöglichen.
Mit diesem Ziel plant die Kommission, regulatorische Testfelder für KI-Anwendungen im Energiesektor einzurichten, und will zugleich europäische KI-Lösungen zur Erkennung von Cyberrisiken fördern. Zudem sollen Energiedaten künftig leichter zwischen Netzbetreibern und anderen Marktakteuren ausgetauscht werden können, um KI-Anwendungen für Netzbetrieb, Flexibilität und erneuerbare Energien zu trainieren und weiterzuentwickeln.
Um die Umsetzung der Strategie zu begleiten, will die Kommission ab 2026 ein jährliches „Energy Digitalisation Forum“ einrichten. Dort sollen Fortschritte überprüft, Hindernisse identifiziert und bewährte Verfahren zwischen den Mitgliedstaaten ausgetauscht werden.
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