Die Energiewende ist weit mehr als eine technische Herausforderung; sie ist ein gewaltiges Projekt der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Organisation. Mit dem aktuellen AgNes-Verfahren (Allgemeine Netzentgeltsystematik Strom) hat die Bundesnetzagentur jedoch eine Debatte angestoßen, die das Fundament künftiger Speicherprojekte massiv infrage stellt und ausgerechnet jene Flexibilitäten belastet, die wir für ein stabiles Stromnetz am dringendsten benötigen. Geplant ist eine grundlegende Reform, die die bisherige Netzentgeltbefreiung für Stromspeicher kurzfristig beenden könnte. Besonders kritisch ist dabei die Diskussion, diese regulatorischen Änderungen durch eine sogenannte „unechte Rückwirkung“ auch auf bereits bestehende Projekte anzuwenden. Ein solcher Eingriff in den Vertrauensschutz entzieht laufenden Investitionen nachträglich die wirtschaftliche Grundlage. Das macht mir Sorgen, nicht nur als Unternehmerin, sondern als jemand, der Verantwortung für eine funktionierende Energiezukunft trägt.
Paradox und teuer: Milliarden für Phantomstrom
Ein sonniger, windiger Vormittag, hunderte stillstehende Windräder, das ist das Bild eines zentralen Problems unseres Energienetzes: abgeregelte Anlagen. Laut dem Monitoringbericht 2025 der Bundesnetzagentur haben wir allein im Jahr 2024 rund 9,4 Terawattstunden grünen Strom weggeschaltet. (1) Wir werfen jährlich mehr Energie weg, als alle Privathaushalte in Berlin zusammen verbrauchen. Diese Eingriffe laufen unter dem Begriff „Netzengpassmanagement“, bezahlt von uns allen. Der Stillstand der Anlagen und seine Folgen haben uns im letzten Jahr rund 2,9 Milliarden Euro gekostet. (2) Das sind die Kosten für Entschädigungen nie geernteten Phantomstroms sowie für fossile Reservekraftwerke, um die künstliche Versorgungslücke zu schließen. Wir zahlen doppelt: für Strom, den wir nicht bekommen, und für fossilen Ersatz, den wir nicht wollen. Das ist das eigentliche Paradoxon: Wir zahlen Milliarden für Energie, die wir wegwerfen, und bremsen gleichzeitig die Speicher aus, die sie sinnvoll nutzen könnten.
Technologischer Fortschritt braucht Regulierung
Batteriespeicher sind in Rekordzeit erwachsen geworden: Die Kosten pro installierter Kilowattstunde sind in zehn Jahren auf ein Zehntel gesunken. Was als technologisches Experiment begann, ist heute eine fortschrittliche und sich weiterentwickelnde Infrastruktur mit ausgereiften Monitoring- und Sicherheitskonzepten. Technischer Fortschritt benötigt zeitgemäße regulatorische Leitplanken. Beispielsweise erachte ich es als sinnvoll, das bisherige Windhundprinzip bei Netzanträgen zu überdenken, um die Vorgänge effektiver zu gestalten. Beim bisherigen Verfahren werden Anträge allein nach ihrem zeitlichen Eingang bearbeitet, ohne die reale Baureife eines Projekts zu berücksichtigen. Das setzt falsche Anreize: Da Kapazitäten ohne konkrete Umsetzungspläne reserviert werden können, ist das Geschäft mit Netzanschlusspunkten hochgradig spekulativ. Nicht selten werden Zusagen zu horrenden Beträgen an Meistbietende weiterverkauft. Ich befürworte daher ausdrücklich ein qualitätsbasiertes Genehmigungsverfahren. Die zum 1. April 2026 angekündigte Einführung des verbindlichen Reifegradverfahrens durch die Übertragungsnetzbetreiber ist hier der richtige und notwendige Schritt. Entscheidend ist dabei, dass dieses neue System den Bestandsschutz wahrt. Bereits erteilte Reservierungen bleiben unangetastet.
Loses Rahmenwerk verhindert Investitionen
Während regulatorische Maßnahmen mit Übergangsfristen sinnvoll sind, gefährden kurzfristige Markteingriffe das Vertrauen der Investoren. Ein kritisches Beispiel hierfür ist die Diskussion um eine vorzeitige Streichung der Netzentgeltbefreiungen nach § 118 Abs. 6 EnWG vor dem Jahr 2029. Wer einen 100-Megawatt-Speicher plant, investiert zweistellige Millionenbeträge, die über 15 oder 20 Jahre stabil laufen müssen. Rückwirkende Eingriffe wirken dabei wie ein Risikoaufschlag auf das gesamte System, sie verteuern nicht nur einzelne Projekte, sondern die Energiewende insgesamt. Auch die Banken werden ihr Vertrauen in Speicherprojekte verlieren und damit die Investitionen in eine nachhaltige Technologie unterbinden. Vertrauensschutz und verlässliche Leitplanken sind meiner Meinung nach ein Grundrecht unserer heutigen Energieversorgung.
Im November 2025 berichtete das pv magazine von zugesagten Netzanschlüssen für Großbatteriespeicher mit einer Gesamtleistung von 78 Gigawatt. Sollte die diskutierte AgNes-Reform nun jedoch kurzfristig umgesetzt werden, ist es wahrscheinlich, dass aufgrund mangelnder Rentabilität viele Projekte nicht realisiert und die Anschlusszusagen verfallen werden. Das wäre fatal, da der Ausbau erneuerbarer Energieanlagen dann nicht vom Speicherausbau begleitet wird und uns weiterhin wertvolle Ressourcen durch Abregelung verloren gehen.
Die Finanzierung des Netzausbaus neu denken
Der Investitionsbedarf in unsere Netze ist immens: Die Verteilernetzbetreiber kalkulieren bis 2045 mit Kosten von rund 207 Milliarden Euro. (3) Es ist nachvollziehbar, dass die Bundesnetzagentur nach Refinanzierungsmodellen sucht. Wenn wir diese Last jedoch allein auf die Stromkunden und Speicherbetreiber, zudem rückwirkend, abwälzen, ersticken wir essenzielle Teile der Energiewende. Es wäre konsequent, Einnahmen aus der CO₂-Bepreisung direkt für die Entlastung der Netze einzusetzen. Tun wir das nicht, wird es am Ende für uns alle teurer. Unter anderem könnten dann Emissionsziele verfehlt werden, was zu Ausgleichszahlungen innerhalb der EU führen würde. Die Agora-Jahresauswertung 2025 beziffert das Haushaltsrisiko durch verfehlte EU-Klimaziele in den Sektoren Verkehr und Wärme auf bis zu 34 Milliarden Euro bis zum Ende des Jahrzehnts. (4)
Speicher allein lösen das Problem nicht, aber ohne sie ist die Dekarbonisierung kaum umsetzbar, da erneuerbare Energie ohne Speicher nicht systemisch nutzbar ist. Es ist paradox: Wir nehmen lieber Milliarden an Strafzahlungen in Kauf, während wir gleichzeitig genau die Technologien blockieren, die uns aus dieser Kostenfalle befreien könnten.
Wege zu einer stabilen Reform
Für eine wirksame Neugestaltung müssen wir die richtigen Weichen stellen. Dazu gehören ein echter Vertrauensschutz über 15 bis 20 Jahre für getroffene Investitionen sowie ein verbindlicher Stichtag bereits zum Zeitpunkt der finalen Investitionsentscheidung. Zudem ist eine klare Differenzierung zwischen netzdienlicher Infrastruktur und reinen Verbrauchsanwendungen nötig. Flankiert werden muss dieser Prozess durch eine kontinuierliche Refinanzierung der Netzkosten aus CO₂-Einnahmen, um den Investitionsstau aufzulösen.
Ich weiß, dass unsere Branche bereit ist, ihren Beitrag zu leisten. Viele Unternehmen, Stadtwerke und Verbände setzen sich bereits entschlossen für einen alternativen Weg zur AgNes-Reform ein. Auch wir haben in unserem Positionspapier Stellung zur Debatte bezogen und wichtige Handlungsempfehlungen formuliert.
Autoren-Bio: Mandy Schipke leitet seit 2014 die von ihr mitgegründete NOVUM engineering GmbH. Unter ihrer Führung entwickelte sich das Unternehmen zu einem Innovationsführer für KI-basierte Batteriediagnose. Gemeinsam mit ihrem Team setzt sie neue Standards für das Batteriemonitoring sowie präzise Kapazitäts- und Lebensdauerprognosen. Die studierte Soziologin nutzt ihren Hintergrund gezielt, um technische Lösungen und politische Rahmenbedingungen systemisch zusammenzudenken. Neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit engagiert sie sich als Vorstandsvorsitzende von Energy Saxony für eine starke und innovative Energiebranche in Ostdeutschland.
Verweise:
(1) Monitoringbericht 2025 S. 22 “Das gesamte Maßnahmenvolumen für Netzengpassmanagement (Redispatchmaßnahmen mit Markt- und Reservekraftwerken sowie Countertrading) lag im Jahr 2024 bei rund 30.320 GWh und ist im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent gesunken (2023: 34.298 GWh).”
(2) Monitoringbericht 2025 S.21 “Kosten der Systemdienstleistungen, Die saldierten Kosten für Systemdienstleistungen, die auf Letztverbraucher umgelegt werden, lagen im Jahr 2024 bei rund 5,2 Mrd. Euro und damit auf dem Niveau des Vorjahres. Die größten Kostenblöcke entfielen auf: Netzengpassmanagement (Redispatch mit Markt- und Reservekraftwerken sowie Countertrading) mit rund 2,9 Mrd. Euro (2023: 3,3 Mrd. Euro)”
(3) Monitoringbericht 2025 S. 19 “Bis 2045 erhöht sich der Bedarf an netzdimensionierendem Ausbau auf ca. 207 Mrd. Euro.”
(4) Agora Energiewende Rückblick 2025
„Der Expertenrat erwartet eine kumulierte Verfehlung der europäischen Ziele gemäß EU-Klimaschutzverordnung (ESR) um 224 Mio. t CO₂-Äq bis 2030. Das führt – je nach Zertifikatspreis – zu Zahlungen für den Erwerb zusätzlicher Emissionsrechte in Höhe von bis zu 34 Milliarden Euro – ohne dass damit ein Beitrag zur strukturellen Transformation oder zu zusätzlichen Wachstumsimpulsen in der deutschen Volkswirtschaft verbunden wäre (Agora Energiewende 2025c/g). Besser könnte das Geld zur Emissionsminderung mit langfristiger Wirkung eingesetzt werden: zum Beispiel in den Ausbau erneuerbarer Energien sowie die Elektrifizierung der Nachfragesektoren, was Deutschland gleichzeitig unabhängiger von fossilen Importen und damit widerstandsfähiger gegenüber Handelskonflikten und fossilen Preiskrisen macht.“
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