Elektroautos fordern Energiebranche heraus

Wenn im Jahr 2025 rund 4,5 Millionen Autos rein elektrisch betrieben werden, würden die bestehenden sowie geplanten Kapazitäten im Verteilnetz nicht ausreichen und daher größere Investitionen benötigt. Das meinen 67 Prozent der vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) für sein Energiemarktbarometer befragten 168 Energieexperten zu den künftigen Auswirkungen der Elektromobilität. Die Investitionen betreffe vor allem den Ausbau mit zusätzlichen Transformatoren und stärkeren Stromkabeln. Zu einem ähnlichen Ergebnis käme auch eine Befragung in Frankreich, wie es in dem Barometer heißt, das pv magazine vorab zur Verfügung stand. keinen oder nur minimalen zusätzlichen Investitionsbedarf sehen 79 Prozent sowie 73 Prozent der befragten Energieexperten bei der Erzeugungs- und Übertragungsnetzkapazität. Die fehlende Stabilität und Kapazität im Verteilnetz sehen allerdings nur etwa 20 Prozent der Befragten als „sehr wichtiges“ Hemmnis beim Kauf eines Elektroautos, weitere knapp 40 Prozent der Energieexperten sehen es als „wichtiges Hemmnis“.

Die Schwierigkeiten für die Verteilnetze treten dem Bericht zufolge vor allem in Situationen auf, in denen viele Ladevorgänge gleichzeitig stattfinden. Dieser Umstand könne schnell zu einer Überlastung der Netze führen, die bisher nur für den Haushaltsbedarf ausgelegt seien, heißt es. Jedoch: „Bei der Integration der Autobatterien ins Stromnetz und beim Management der Ladevorgänge gäbe es viele Chancen für die Energiebranche, aber auch für IT-Unternehmen und Autohersteller, sich einen neuen Markt zu erschließen“, sagt Wolfgang Habla, wissenschaftlicher Mitarbeiter im ZEW-Forschungsbereich „Umwelt- und Ressourcenökonomik, Umweltmanagement“.

So könnten die Autobatterien selbst als Stromspeicher zur Netzstabilisierung beitragen. Durch ein intelligentes Energiemanagement ließen sich Elektrofahrzeuge für netzstützende Systemdienstleistungen vermarkten. 60 Prozent der befragten Energieexperten gaben an, dass Verteilnetzbetreiber künftig diesen potenziellen Markt prägen werden, 42 Prozent sehen Start-ups in einer führenden Rolle, 34 Prozent die klassischen Energieversorger. Auch Autoherstellern (24 Prozent), großen IT-Unternehmen (21 Prozent) und Stromhändlern (16 Prozent) werden Chancen auf diesem Markt eingeräumt.

Bereits vor einigen Wochen hatte eine Studie von Oliver Wyman für Aufsehen gesorgt, wonach durch Elektroautos bereits in fünf Jahren Blackouts auf Verteilnetzeben drohten. Ob diese Gefahr auch die befragten Energieexperten sehen, sei in der Umfrage nicht abgefragt worden, sagt Mitautor Habla auf Nachfrage von pv magazine.

Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 eine Million und bis 2030 sechs Millionen Elektroautos auf die Straßen zu bringen. Bis Ende 2017 waren nicht einmal 60.000 Elektroautos in Deutschland zugelassen, die Mittel aus dem 1,2 Milliarden Euro schweren Fördertopf wurden bisher weniger als zehn Prozent abgerufen. Die größten Hemmnisse für eine stärkere Nutzung von Elektroautos sind laut Umfrage deren fehlende Reichweite (64 Prozent) sowie die nach wie vor zu hohen Anschaffungskosten (52 Prozent). Derzeit liege die Reichweite von Elektrofahrzeugen bei rund 250 Kilometer, und Elektroautos kosten außerdem bei der Anschaffung immer noch einige Tausend Euro mehr als Autos mit Verbrennungsmotor.

Weitere Hemmnisse beim Kauf eines Elektroautos sind der Studie zufolge die lange Ladezeit der Batterien (das sagen 35 Prozent der Befragten) und eine mangelnde Ladeinfrastruktur (45 Prozent). Fehlendes Vertrauen seitens der Verbraucher in Elektroautos sowie fehlende Normen für Ladestationen seien hingegen nur für etwa 20 Prozent der Befragten sehr wichtige Hemmnisse. „Insgesamt sehen die Energieexperten in Deutschland also vor allem Nachholbedarf bei der E-Auto-Technologie selbst, beim Ausbau der Ladeinfrastruktur und der lokalen Niedrigspannungsnetze“, erklärt Studienautor Habla.

Der Umfrage zufolge halten 40 Prozent Zulassungsverbote für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor ab 2040 für wahrscheinlich; 27 Prozent erwarten dies für ganz Deutschland, 13 Prozent für einzelne Städte. 35 Prozent glauben, dass ein Zulassungsverbot nicht kommen wird.

ADAC-Stiftung plant eigene Studie

Die ADAC-Stiftung plant ebenfalls gemeinsam mit der Ludwig-Bölkow-Stiftung eine Studie zur Leistungsfähigkeit und dem zukünftigen Ausbaubedarf der Stromverteilnetze im Hinblick auf die Elektromobilität. „Das Projekt sei auf 18 Monate angelegt. Danach werden würden konkrete Handlungsempfehlungen für einen wirtschaftlichen und nachhaltigen Infrastrukturaufbau zur bundesweiten Strom- und Wasserstoffversorgung für die Elektromobilität vorweisen können“, erklärt Andrea David, Geschäftsführerin der ADAC-Stiftung.