Hans-Josef Fell


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Kohleausstieg - Bewertung des Vorschlags von Agora Energiewende

14. Januar 2016 | Meinung

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Der Ausstieg aus der Kohleenergie ist unausweichlich, lediglich die Frage nach dem „Wie?“ ist noch nicht geklärt. Der Think Tank Agora Energiewende stellte Anfang dieser Woche in seinem Konzept zur schrittweisen Dekarbonisierung des deutschen Stromsektors ein Konsensverfahren zum Kohleausstieg vor (http://www.agora-energiewende.de/fileadmin/Projekte/2015/Kohlekonsens/Agora_Kohlekonsens_LF_WEB.pdf). Es ist richtig, dass der Konsens mit den Betreibern gesucht wird. Ein gesetzlicher Zwang zum Ausstieg würde nur zu entsprechenden Gegenreaktionen führen.

Die Zielvorgaben von Agora bedürfen aber zwingend einer Überarbeitung. Ein Kohleausstieg bis 2040 kommt zu spät. Der Klimaschutz verlangt ein schnelleres Ende der Kohlewirtschaft. Erneuerbare Energien können und müssen schon früher Ersatz für die fossilen Brennstoffe sein, um selbst das schwache in Paris aufgestellte Klimaziel von 2°C zu erreichen.

Die Restlaufzeit sollte für die Betreiber der Kohlekraftwerke lediglich eine Erlaubnis darstellen und darf auf keinen Fall mit einer ökonomischen Unterstützung, z.B. Subventionen verbunden sein. Die immer günstiger werdenden Erneuerbaren Energien dürfen nicht von subventionierter Kohleenergie gebremst werden. Eine Betriebsbeihilfe kann aus diesem Grund nicht Teil des Konsensausstieges sein. Des Weiteren sollte endlich eine Umlegung externer Schadenskosten festgeschrieben werden. Die Kosten, z.B. für Gesundheitsschäden, die durch den Betrieb der Kohlekraftwerke und ihre giftigen Emissionen hervorgerufen werden, müssen endlich durch die Unternehmen getragen werden. Außerdem sollten keine übertragbaren Restlaufzeiten vereinbart werden, weil ansonsten der Kohleausstieg noch weit über 2040 hinausgezögert werden könnte.

Weltweit befindet sich die Kohlewirtschaft sowieso im Niedergang. Zwei Drittel aller Kohleminenbetreiber schreiben aktuell tiefrote Zahlen (http://www.smh.com.au/business/mining-and-resources/wood-mackenzie-estimates-that-65pc-of-world-coal-output-is-lossmaking-20151209-gljxj4.html). Der sinkende Kohlepreis macht Investitionen in neue Projekte immer unrentabler und gefährdet sogar bestehende Kohleminen. Investitionen in fossile Technologien sind daher ein ökonomisches Auslaufmodell.

Es ist also richtig, jetzt den Ausstieg aus der Kohlewirtschaft zu wagen und diesen Schritt im Konsens mit der Industrie und den Gewerkschaften zu gehen. Nur so kann ein staatlich gestützter Strukturwandel in den Regionen gesichert werden. Insbesondere die Gewerkschaft IGBCE ist gut beraten, den Kohleausstieg mit einem gut unterlegten Programm zum Strukturwandel zu unterstützen. Auch ohne derartige Programme würden Insolvenzen einfach die Jobs der Kohlekumpel vernichten, und die Gewerkschaften wären selbst mitverantwortlich, dass es dann keine alternativen Arbeitsplätze gibt.

--- Der Autor Hans-Josef Fell saß für die Grünen von 1998 bis 2013 im Deutschen Bundestag. Der Energieexperte war im Jahr 2000 Mitautor des EEG. Nun ist er Präsident der Energy Watch Group (EWG). Mehr zu seiner Arbeit finden Sie unter www.hans-josef-fell.de. ---

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wilfried limbach aus großkrotzenburg

Samstag, 16.01.2016 17:19

Vor Inangriffnahme des Projektes Energiewende hat die Bundesregierung versäumt,die elementare Frage zu klären: Wie soll die Stromversorgung in einem Industrieland wie Deutschland mit 80/100 Prozent erneuerbarer [...]

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Kommentare 1 - 1 von 1

wilfried limbach aus großkrotzenburg

Samstag, 16.01.2016 17:19

Vor Inangriffnahme des Projektes Energiewende hat die Bundesregierung versäumt,die elementare Frage zu klären: Wie soll die Stromversorgung in einem Industrieland wie Deutschland mit 80/100 Prozent erneuerbarer Energien funktionieren,wie es der Bund bzw. die Länderparlamente propagieren.
Das Stromversorgungsnetz ist ein sensibles physikalisches System, dem man nicht mit grünen Phantastereien, kaufmännischen Gesichtspunkten und einer möglichst großen Anzahl von Solar- und Windkraftanlagen gerecht wird, da gehört mehr dazu. Erzeugungsanlagen auf Basis erneuerbarer Energien können die physikalischen und elektrotechnischen Anforderungen an die Systemsicherheit des Verbundnetzes nur unzureichend erfüllen. Ich nenne hiezu einige Stichworte, ohne sie an dieser Stelle weiter auszuführen: Kurzschlussleistung, Schwarzstartfähigkeit, Momentanreserve, statische und transiente Stabilität, Frequenzregelung, Inselbetrieb, Blindleistung usw. In seiner Abschiedsvorlesung am 14.12.15 in der LMU München führte Ökonom Hans Werner Sinn aus: Die Energiepolitik ist ausschließlich gesinnungsethisch zu begründen, denn sie kann nun einmal keinen Beitrag zur Verringerung der Erderwärmung leisten. Der Unterschied zwischen der Gesinnungsethik und Verantwortungsethik liegt darin, dass man für Erstere keinen Sachverstand braucht.Man kann munter drauflos moralisieren und dann zu einer politisch rationalen, wenn auch ökonomisch unvernünftigen und klimapolitisch wirkungslosen Entscheidung gelangen.
Die deutsche Vorreiterrolle bei der Ökostromförderung ist eine politisch bedingte Wahrnehmungsstörung. Die Bundesregierung schafft es, dass irrwitzige Einspeisesubventionen für Ökostrom inzwischen sogar die modernsten Gaskraftwerke der Welt zum Stillstand zwingen. Offensichtlich sind wir nicht intelligent genug, um zu wissen, was mit einer Wirtschaft passiert, wenn sie von einer Ideologie geleitet wird.
Vielen Dank.
Mit freundlichen Grüßen Wilfried Limbach

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