von Dr. Erich Merkle
Gigantische Gaskraftwerke könnten die Energiewende abwürgen
Gleichzeitig kündigt Frau Reiche unterstützt vom Bundeskanzler den massiven Ausbau der Stromerzeugung durch den Bau von 33 GW Gaskraftwerken an. Die Dimension ist gigantisch und gefährlich. Die Kapazität bei 4.000-5000 Volllastsunden beträgt ca. 132 – 165 TWh p.a. Sofern sie von einer zukünftigen Regierung nicht nur als Reserve betrieben werden, könnten sie den gesamten Strom von PV (2024: 72 TWh) und bis zu knapp 70 % der Windstroms (2024: 136 TWh) ersetzen. Sie könnten praktisch abgeschaltet werden und die für manche unliebsame Energiewende wäre Geschichte. Im Ergebnis würde sich eine radikale Erhöhung der CO2 Emissionen ergeben und ein sehr hoher Strompreis. Die fossile Lobby hätte aber gewonnen.
Warum Absichtserklärungen den Markt sofort treffen
Förderregeln sind in dieser Branche die Finanzierungsgrundlage. Wer Kredite vergibt oder Projekte baut, kalkuliert auf 15–20 Jahre. Wird öffentlich wie von Frau Reiche der Abschied von der Einspeisevergütung skizziert, reagieren Banken, Installateure und Investoren sofort: Finanzierungskonditionen verschärfen sich, Bestellungen werden aufgeschoben, Entscheidungen vertagt. Sichtbar wird die Fragilität besonders dort, wo zusätzliche Risiken hinzukommen – etwa Nichtvergütung bei negativen Strompreisen, die für neue Anlagen bereits gilt bzw. verschärft wurde.
Resilienz ist dezentral – Lehren aus realen Krisen
Die Resilienz würde durch die neuen Gaskraftwerke massiv beeinträchtigt. Ein gezielter Angriff (Sabotage, Drohnen, Cyberattacke) auf ein oder mehrere LNG-Terminals, wichtige Gaspipelines oder große Gaskraftwerke könnte unmittelbar einen beträchtlichen Teil der gesicherten Reserveleistung außer Kraft setzen und so massive Stromausfälle, großflächige Lastabschaltungen oder Brownouts verursachen. Die zentrale Verwundbarkeit des fossilen Systems wird durch die Konzentration auf wenige große Kraftwerke und neue Importterminals noch verschärft – im Unterschied zu einem dezentralen Mix aus Erneuerbaren, Speichern und kleinen flexiblen Kraftwerken, der keine „single points of failure“ bietet. Wie verletzlich zentralisierte Systeme bleiben, zeigte zuletzt der Brandanschlag auf nur zwei Hochspannungsmasten (von 200.000 in D): Im Berliner Südosten waren bis zu 50.000 Haushalte betroffen, die vollständige Wiederherstellung dauerte rund 60 Stunden. Dezentral verteilte PV-Erzeugung mit Speicher und lokaler Notstromfähigkeit stärkt genau hier die gesellschaftliche Krisenrobustheit.
Die Rolle der Politik: Klientelinteressen statt Zukunftsfähigkeit
Der SPIEGEL (Nr. 36, S. 60) analysiert den Kurs von Ministerin Reiche als „reine Klientelpolitik“ – mit dem Ziel, das fossile Geschäftsmodell und die Gewinne der Gasbranche auf Jahre hinaus abzusichern. Neue milliardenschwere Gasnetze und der forcierte Aufbau von Gaskraftwerken blockieren die Nutzung erneuerbarer Energie: Der Markt wird systematisch mit fossiler Erzeugung belegt und die Merit-Order sorgt dafür, dass die höchsten und teuersten Stromerzeugungskosten über die Marktpreise für alle durchschlagen. Die Konsequenzen: Stromkunden zahlen die Zeche über hohe Preise, die fossile Industrie schöpft die Gewinne ab.
Bundeskanzler Merz ließ auf dem Deutschen Maschinenbaugipfel am 16.9.2025 keinen Zweifel daran, dass ein „langsameres Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren“ politisch gewollt ist und zentrale Großkraftwerke künftig die Versorgung sichern sollen. All dies geschieht entgegen der klaren gesellschaftlichen Mehrheit: Über 70 % der Bevölkerung sprechen sich laut Umfragen weiterhin eindeutig für den verstärkten Ausbau Erneuerbarer aus.
Der Systemwechsel: Von der Einspeisevergütung zu CfD – nur Versprechen, keine Lösung
CfD – Funktionsweise, Chancen, Grenzen: Frau Reiche verspricht, dass mit CfD ein neues Fördersystem eingeführt wird: Ein zweiseitiger Differenzvertrag (CfD) fixiert einen Strike-Preis. Liegt der Marktpreis darunter, gleicht der Staat (oder eine öffentliche Stelle) die Differenz aus; liegt er darüber, zahlt der Betreiber zurück. Die EU-Strommarktreform 2024 sieht CfDs als neuen Standard für Preisstützungen vor. In Ländern wie dem Vereinigten Königreich sind CfDs für große Solar- und Windparks etabliert.
Was bedeutet das für Deutschland? Deutschland nutzt CfDs bislang nicht als Standardförderung für neue PV-Anlagen, sondern plant lediglich deren Einführung. Die Implementierung eines CfD-Systems inklusive Ausschreibungen benötigt laut Experten rund drei Jahre vom politischen Beschluss bis zum ersten Zuschlag. Für kleine Anlagen, die bislang das Rückgrat der Energiewende darstellen, sind CfDs jedoch gänzlich ungeeignet: Die Teilnahme an komplexen Ausschreibungen ist administrativ und finanziell nicht realisierbar, praxisbewährte Lösungen fehlen, Banken verlangen für kleine, privat betriebene Projekte weiterhin klare, einfache Einkommens- und Finanzierungsgrundlagen – die der CfD nicht bietet. Anders als das EEG, das eine fest kalkulierbare, langfristige Einnahme sichert, bringt der CfD für kleine Projekte genau die Unsicherheit, die die Akteure scheuen und die zu Marktverwerfungen führt.
Internationale Perspektive und Alternativen
Trotz Trend zu Auktionen und CfD setzen weltweit viele Länder auf einfache Einspeisemodelle – gerade für Dach- und Kleinanlagen. Nach REN21 nutzen 2024 noch 44 Länder Einspeisetarife; parallel wachsen Net-Metering/-Billing-Modelle. Der CfD ist – wie UK zeigt – hervorragend für große Parks, aber kein Instrument, um Bürgerförderung zu ersetzen. Während Deutschland Batteriespeicher und innovative Resilienzlösungen bislang nicht einmal diskutiert, haben Länder wie USA (insbesondere Kalifornien und Texas), Australien, China, Japan, Südkorea, Großbritannien, Spanien und Italien bereits großskalige Batteriespeicher installiert und sichern damit Versorgung und Netzstabilität.
Gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen
Schon die Ankündigung der Abkehr vom EEG-Modell und der fehlgeleitete CfD-Ansatz führen bereits jetzt zu Einbrüchen bei Aufträgen im Handwerk, Projektstopps im Mittelstand und Abwanderung von Fachkräften. Die Akzeptanz der Energiewende, bislang Garant für Innovation und Resilienz, wird durch Klientelpolitik und einen engen Fokus auf zentrale fossile Strukturen massiv gefährdet. Fachverbände gehen von einem Rückgang der bisher EEG geförderten Anlagen von bis zu 80 % aus.
Was politisch wirklich nötig wäre
- Eine CfD-Schiene für Großprojekte, bankfähig, mit klaren Rückzahlungspflichten bei Preisspitzen und abgestimmt auf Netz- und Standortbedingungen.
- Eine einfache, kalkulierbare Förderung (Einspeisevergütung oder Äquivalent) für Anlagen ≤1 MW – ohne komplexe Auktionen und mit Bestandsschutz.
- Ein stärkerer Fokus auf Technik- und Resilienzboni für Schwarzstart- und Notstromfähigkeit an kritischer Infrastruktur.
- Kommunale Resilienzziele und praktikable Änderungen bei der Negativpreislogik, damit Bürgerprojekte wirtschaftlich bleiben.
- Frühzeitige, klare und überlappende Kommunikation von Reformen ohne Förderlücken – nur so bleibt die breite Beteiligung sichergestellt.
Deutschland kann Effizienz bei Großprojekten und Teilhabe für breite Bevölkerungsschichten gleichzeitig erreichen. Die angekündigte Politik, das EEG für neue Anlagen abzuschaffen und CfDs als Allheilmittel zu verkaufen, ist kurzsichtig und gefährdet eine der größten Stärken der Energiewende: Partizipation, Innovationskraft und Versorgungssicherheit für alle.





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