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Der gläserne Speicher

Was wir aus einem Jahr Batteriegroßspeicher Bollingstedt über das Stromsystem von morgen lernen.
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Mit dem Dashboard macht Eco Stor das tatsächliche Betriebsverhalten des Speichers in Bollingstedt tagesaktuell sichtbar. Seit rund einem Jahr ist die Anlage jetzt am Netz. | Foto: Eco Stor

Moderne Batteriespeicher müssen viele Erwartungen erfüllen. Sie sollen erneuerbare Energien besser integrieren, grundsätzlich wirtschaftlich arbeiten, allgemein die Versorgungssicherheit stärken und zugleich die Netze entlasten – mehr noch: idealerweise sollen sie den Bedarf an zusätzlichem Netzausbau verringern. Mit jeder regulatorischen Initiative und jedem neuen Speicherprojekt wächst der Anspruch, all diese Aufgaben gleichzeitig zu erfüllen. Die entscheidende Frage lautet deshalb längst nicht mehr, ob Batteriespeicher Teil des Energiesystems werden. Es geht vielmehr darum, wie sie diese Rolle künftig ausfüllen.

Fanden die dazu notwendigen Diskussionen bisher vor allem auf Basis von Szenarien, Simulationen und Prognosen statt, so stehen inzwischen konkrete Erfahrungen aus dem laufenden Praxisbetrieb zur Verfügung.

Aus Annahmen werden Beobachtungen

Dieser Wechsel markiert eine neue Phase des Speicherhochlaufs. Er verändert nicht nur den Blick auf Batteriespeicher selbst, sondern auch auf ihre Einbindung in Märkte, Netze und Regulierung. Fragen, die sich lange Zeit nur theoretisch beantworten ließen, können heute zunehmend anhand realer Projekte diskutiert werden.

Der Batteriespeicher Bollingstedt in Schleswig-Holstein zählt zu diesen Projekten. Seit einem Jahr befindet sich die Anlage im Gebiet von SH-Netz im Regelbetrieb. In dieser Zeit ist sie weit über ihren Standort hinaus zu einem Referenzprojekt für die Diskussion über den zukünftigen Speicherbetrieb geworden. Ausschlaggebend dafür war weniger ihre Größe als die Art, wie sie betrieben wird.

Gemeinsam mit SH-Netz wurde für den Standort ein Flexible Connection Agreement (FCA) entwickelt: Der Speicher orientiert seine Fahrweise an den Engpässen des lokalen Netzanschlusspunktes und verbindet damit die marktgekoppelte Fahrweise mit der des Netzbetriebs.  Damit greift das Konzept eine der zentralen Herausforderungen der Energiewende auf und zeigt, wie sich neue Flexibilitäten effizient in die Netze integrieren lassen, ohne die bundesweit einheitliche Strompreiszone infrage zu stellen.

Dieser Ansatz hat innerhalb der Branche große Aufmerksamkeit erfahren – zustimmende ebenso wie kritische. Und gerade diese Diskussion zeigt, wie sehr sich der Blick auf Batteriespeicher verändert hat. Sie werden heute nicht mehr ausschließlich als Marktakteure oder technische Anlagen betrachtet. Immer stärker rückt ihre Rolle als Bestandteil eines Gesamtsystems in den Mittelpunkt, in dem Wirtschaftlichkeit, Netzdienlichkeit und Versorgungssicherheit ständig neu austariert werden müssen. Das setzt natürlich voraus, dass man überhaupt bereit sein muss, Erfahrungswerte aus dem Betrieb zu teilen oder sogar gänzlich öffentlich zu machen.

Eine Anlage, viele Perspektiven

Wer heute nach Bollingstedt fährt, sieht zunächst einen Batteriespeicher. Spricht man anschließend mit den Menschen, die täglich mit dieser Anlage zu tun haben, weitet sich der Blick. Jeder beschreibt dieselbe Infrastruktur und erzählt doch eine andere Geschichte.

Für Marc Prätorius, Bürgermeister der Gemeinde Bollingstedt, beginnt diese Geschichte lange vor der Inbetriebnahme des Speichers. Seit vielen Jahren prägt die Windenergie die Entwicklung der Gemeinde. Mit dem Batteriespeicher wird dieser Weg konsequent fortgeführt.

Für Malte Lutzenberger von SH-Netz steht weniger der Speicher selbst als seine Rolle im Netz im Mittelpunkt. Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien verändern sich die Aufgaben der Verteilnetze grundlegend. Neben dem weiteren Netzausbau stellt sich die Frage, wie sich bestehende Infrastrukturen intelligenter nutzen lassen.

Vor diesem Hintergrund und den Erfahrungen aus Speicherverhalten und Netzführung formte sich die Zusammenarbeit zwischen SH-Netz und uns von Eco Stor. Der FCA ist aus dieser Perspektive einerseits ein technisches Anschlussmodell, andererseits aber auch das Ergebnis eines gemeinsamen Entwicklungsprozesses, bei dem Netzbetreiber und Speicherentwickler ihre jeweiligen Anforderungen bereits in der Projektentwicklung zusammenführen.

Die Abstimmung beginnt lange vor der Inbetriebnahme – und gerade dies macht Bollingstedt so interessant.

Die intensive Diskussion über die flexible Netzanschlussvereinbarung zeigt, dass die Branche nach neuen Lösungen sucht. Gleichzeitig wäre es voreilig, daraus den Anspruch für einen allgemeinen Betriebsstandard abzuleiten. Jeder Netzanschlusspunkt bringt andere Voraussetzungen mit. Netzstruktur, Einspeisesituation, Auslastung und regionale Besonderheiten unterscheiden sich zum Teil erheblich. Was sich in Bollingstedt bewährt, muss deshalb an einem anderen Standort nicht die beste Lösung sein. Die Stärke des FCA liegt gerade darin, dass es keine Schablone vorgibt. Es beschreibt einen Prozess, in dem Netzbetreiber und Speicherentwickler gemeinsam nach der jeweils besten Lösung suchen.

Auch Fabian Becker vom Vermarktungspartner Entelios betrachtet den Speicher aus einer anderen Perspektive. Für ihn entsteht erfolgreicher Speicherbetrieb dort, wo Markt- und Netzsignale zu einer konsistenten Betriebsstrategie zusammengeführt werden. Preisentwicklungen, Wetterprognosen, Regelenergieabrufe und technische Restriktionen verändern sich permanent. Wirtschaftlichkeit bedeutet deshalb nicht, einen einzelnen Markt zu optimieren, sondern unterschiedliche Anforderungen intelligent miteinander zu verbinden.

Für Stefan Englberger, der auf unserer Seite das Vermarktungsteam leitet, beginnt mit der Inbetriebnahme eines Batteriespeichers nicht der Abschluss eines Projekts, sondern seine eigentliche Bewährungsprobe. Erst der laufende Betrieb zeigt, ob technische Planung, Vermarktung, Netzintegration und regulatorische Rahmenbedingungen tatsächlich ineinandergreifen.

Daten statt Simulationen

Mit den Erfahrungen aus dem ersten Betriebsjahr ist noch eine weitere Erkenntnis gereift. Je stärker Batteriespeicher zu einem festen Bestandteil des Stromsystems werden, desto wichtiger wird die Frage, wie sich ihr Beitrag nachvollziehbar machen lässt.

Weil belastbare Betriebserfahrungen fehlten, waren bislang Modelle, Simulationen und Marktanalysen unverzichtbar. Das ändert sich nun mit dem Dashboard zum Speicherbetrieb, das das tatsächliche Betriebsverhalten des Speichers in Bollingstedt tagesaktuell sichtbar macht. Erstmals lässt sich Speicherbetrieb nicht nur modellieren, sondern unter realen Bedingungen beobachten.

Wer heute über Batteriespeicher spricht, kann nun nachvollziehen, wie sich unterschiedliche Anforderungen im praktischen Betrieb tatsächlich auswirken und welche Zielkonflikte dabei entstehen. Gerade darin sehen wir einen wichtigen Entwicklungsschritt für den Speicherhochlauf. Mit dem Speicherbetriebs-Dashboard machen wir die Anlage in Bollingstedt deshalb zu einem „gläsernen Speicher“.

Das Dashboard macht neben der Visualisierung einzelner Betriebsdaten sichtbar, wie wirtschaftliche Optimierung, Netzanforderungen und Versorgungssicherheit im Alltag zusammenwirken. Es zeigt, wann eine Batterie lädt oder entlädt und macht nachvollziehbar, warum sie es tut. Dabei erhebt es nicht den Anspruch, einen bestimmten Betriebsansatz zum Maßstab für die gesamte Branche zu erklären. Netzbetreiber, Vermarktungspartner, Projektentwickler, Regulierungsbehörden und die interessierte Öffentlichkeit erhalten damit dieselbe Datengrundlage. Unterschiedliche Bewertungen wird es weiterhin geben. Sie können sich künftig jedoch stärker auf beobachtbare Erfahrungen stützen als auf Vermutungen.

Hier schließt sich auch der Kreis zum Zieldreieck des Speicherbetriebs. Dieses beschreibt die drei Ziele, an denen sich verantwortungsvoller Speicherbetrieb orientieren sollte: Wirtschaftlichkeit, Netz- und Systemdienlichkeit sowie Versorgungssicherheit. Das Dashboard macht sichtbar, wo Zielkonflikte entstehen, die täglich neu austariert werden müssen. Genau darin liegt der Mehrwert: Es liefert nicht Antworten auf alle Fragen, aber es hilft dabei, bessere Fragen zu stellen.

Was wir aus Bollingstedt lernen können

Der Speicherhochlauf in Deutschland wird nicht von einem einzigen Betriebsmodell geprägt sein. Unterschiedliche Netzsituationen, regionale Voraussetzungen und regulatorische Rahmenbedingungen werden dazu führen, dass Batteriespeicher künftig sehr unterschiedlich betrieben werden. Genau darin liegt eine Stärke dieser Technologie. Sie kann sich an unterschiedliche Anforderungen anpassen, anstatt überall dieselbe Antwort zu liefern.

Aus unserer Sicht sollte auch die Regulierung diesen Gedanken aufnehmen. FCAs, Auslastungsmanagement oder künftig dynamische Netzentgelte verfolgen letztlich dasselbe Ziel: Batteriespeicher stärker mit den Anforderungen des Stromsystems zu verbinden. Entscheidend wird sein, Raum für unterschiedliche Lösungsansätze zu lassen und Innovation nicht durch zu starre Vorgaben zu begrenzen.

Hier zeigt sich der eigentliche Wendepunkt in der Diskussion. Über viele Jahre ging es darum herauszufinden, wie Batteriespeicher künftig arbeiten könnten. Heute können wir das beobachten. Der Erfolg des Speicherhochlaufs wird sich deshalb am Ende nicht allein daran messen lassen, wie viele Gigawattstunden installiert wurden. Entscheidend wird sein, wie gut es gelingt, aus den Erfahrungen vieler unterschiedlicher Projekte ein intelligenteres, flexibleres und resilienteres Stromsystem zu entwickeln.

— Der Autor Dieter Niewierra verantwortet den Bereich Corporate Communications bei Eco Stor. Der Kommunikationsprofi verfügt über langjährige Erfahrung im Bereich erneuerbare Energien und Batteriespeicher sowie Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Zu seinen Stationen vor Eco Stor gehören der Batterieentwickler Voltstorage, Climate Partner oder die Nachhaltigkeits-Ratingagentur Oekom Research sowie verschiedene Kommunikationsagenturen und Redaktionen. Dieter Niewierra hat an den Universitäten Regensburg und Arizona State University in Tempe/USA studiert und trägt den Titel Magister Artium in den Bereichen Germanistik, Politik und Geschichtswissenschaft. —

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