IHS-Studie: Chinesische PV-Hersteller produzieren 22 Prozent günstiger als europäische

Chinesische Tier-1-Hersteller können 22 Prozent günstiger produzieren als die japanischen und europäischen Wettbewerber. Dies Schlussfolgerung zieht Henning Wicht, der bei IHS Technology den Consultingbereich leitet, aus einer Studie, die er im Auftrag der „Solar Alliance for Europe“ (Safe) erstellt hat. In der Vereinigung haben sich europäische Unternehmen zusammengeschlossen, die gegen die Importzölle auf chinesische Solarmodule und den Mindestimportpreis kämpfen, der derzeit bei 56 Eurocent liegt. Nach der Studie liegen die Kosten für die betrachteten vier chinesischen Photovoltaik-Hersteller derzeit bei 41,4 Eurocent pro Watt (47 US-Dollarcent). Darin sind allerdings keine Kosten für Entwicklung, Vertrieb, Overhead und Gewinnmargen berücksichtigt.

„Die Studie macht deutlich, dass sich unsere Anfangsvermutung bestätigt hat“, sagt Holger Krawinkel, Sprecher von Safe und Leiter des Bereichs Customer Experience und Innovation bei MVV Energie. Die niedrigen Preise der chinesischen Anbieter hätten mit Dumping, das unterstellt werde, nichts zu tun.

Bisher war es kaum möglich, sich ein objektives Bild darüber zu machen, wie hoch die Produktionskosten für die einzelnen Hersteller wirklich sind. Ebenso wenig gab es vertrauenswürdige Herleitungen, welche Subventionen in den Produktionskosten verborgen sind und ob die Module unter Herstellungspreis gehandelt werden, wogegen die sich die Importzölle richten.

IHS hat nun die Kosten von neun der 20 Produzenten betrachtet, die nach der Definition der Analysten Tier-1-Hersteller sind. Zu diesen Photovoltaik-Herstellern gehören demnach diejenigen, die Industrie über einige Jahre führen, auch bei der Bankability, und die beim Endkunden anerkannt sind. Darunter fallen in der Studie in der Gruppe Europa und Japan die Hersteller Solarworld, Kyocera und Sharp. In der Gruppe der chinesischen Hersteller analysierte IHS Trina Solar, Canadian Solar, JA Solar und Jinko Solar. Als dritte Vergleichsgruppe haben die Analysten REC und Hanwha Q-Cells herangezogen, die sie mit ihren Produktionen in Malaysia und Singapur als nicht-chinesische asiatische Hersteller einordnen.

„Die Kosten gehen runter“, sagt IHS-Analyst Henning Wicht. Alle Hersteller haben in den vergangenen vier Jahren ihre Produktionskosten drastisch gesenkt, die Gruppe der europäischen und japanischen Hersteller sogar noch stärker als die chinesischen. Das liege allerdings vor allen daran, dass Sharp die Produktion ausgelagert habe. Nähme man Sharp heraus, sei die Kostensenkung bei der Europa-Japan-Gruppe vermutlich ähnlich wie bei den chinesischen Herstellern.

Während die chinesischen Photovoltaik-Hersteller für die besagten 47 US-Dollarcent (41,4 Eurocent) pro Wattpeak produzieren können, liegen die anderen asiatischen, also Hanwha Q-Cells und REC, mit 54 US-Dollarcent (47,8 Eurocent), etwas darüber. Die europäischen und japanischen kosten in der Produktion demnach 60 US-Dollarcent (53 Eurocent). In der Betrachtung sind keine Kosten für Entwicklung, Overhead, Marketing und Unternehmensgewinn enthalten. Das zeigt sich auch daran, dass laut IHS der durchschnittliche Verkaufspreis bei 60 US-Dollarcent pro Watt liege (53 Eurocent). Mit den günstigen Kosten liegt IHS ungefähr bei den gleichen Kosten, die pv magazine bereits im vergangenen Jahr auf Basis einer Kostenanalyse der Materialien veröffentlicht hat (Kosten eines Projektmoduls (45 Eurocent) undDiskussion dazu)

Grafik 1: Entwicklung der Produktionskosten laut IHS. Alle Hersteller haben ihre Kosten dramatisch gesenkt, die japanischen und europäischen sogar stärker als die chinesischen. Trotzdem stellen die chinesischen Hersteller noch billiger her.

Subventionen sind nicht der Grund für die Kostenunterschiede

Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Anti-Dumping- und Anti-Subventionszölle stellt sich die Frage, inwiefern man sicher sein kann, dass in diesen Kosten keine Subventionen versteckt sind. Die genaue Kostenanalyse legt IHS nicht offen auf den Tisch. „Solche Analysen sind unser täglich Brot“, sagt Henning Wicht. „Wir haben 20 Analysten, wir schauen die Quartalsergebnisse an, wir führen Gespräche und wir haben einen Datensatz, der bis 2008 zurückreicht“.

Auf die Frage, ob man sich auf Basis dieser Erhebungen ganz sicher sein könne, dass die niedrigeren Kosten nicht durch in den Bilanzen versteckte Subventionen begründet werden können, antwortet IHS-Analyst Wicht: „Ich glaube, dass das Thema Subvention nicht den entscheidenden Unterschied macht. Wir haben keine Hinweise darauf, das die Produktionskosten durch Subventionen niedriger sind.“

Damit bezieht er sich auch auf das Argument, nur durch günstige (subventionierte) Kredite seien chinesische Hersteller in der Lage gewesen, ihre Produktion stark auszubauen und die Europäer abzuhängen. „Ich habe keine konkreten Zahlen, wer welche Kredite bekommen hat“, sagt Wicht, der die Finanzierungskosten in der Studie explizit nicht betrachtet hat. Doch es gebe eben andere Gründe für die Kostenunterschiede. Diesen Schluss ziehe auch das amerikanische Forschungsinstitut NREL.

Gründe für die Kostendifferenz

Henning Wicht kommt zu dieser Einschätzung durch eine Betrachtung der Faktoren, die die Produktionskosten maßgeblich beeinflussen. „Wir sind breit und offen gestartet und hatten fünf Faktoren, die die Produktionskosten nach unten treiben“, sagt Wicht. „Übrig geblieben sind drei“. Die Automatisierung und die Auslastung spielten bei der Differenzierung keine Rolle.

Grafik 2: So schlüsselt IHS auf, warum chinesische Hersteller günstiger produzieren als europäische und japanische. (Preise sind ohne Siliziumanteil)

Der wichtigste Faktor, der die Kostendifferenz begründet, sei der Skaleneffekt. Die mittlere Fabrikgröße ist in China 1430 Megawatt groß (mit Maximalgrößen bis 3200 Megawatt). In der Gruppe der Europäer und Japaner ist die Fabrik im Mittel 355 Megawatt groß, die größte hat Solarworld mit 650 Megawatt. „Da sind Unterschiede von einem Faktor fünf“, sagt Wicht. „Sie kennen es aus dem täglichen Leben. Sie kaufen 2 Hemden und bekommen drei. Genauso ist es bei den Modulen.“ Durch die Skaleneffekte kommen die Analysten auf einen Kostenvorteil von geschätzt elf Prozent (siehe Grafik 2 unten). Das US-Forschungsinstitut NREL kommt laut Wicht in einer Studie auf ähnliche Zahlen.

In den Skaleneffekten zeige sich eine unterschiedliche Philosophie, so Wicht. In Europa haben die Hersteller versucht, viel aus der Technologie herauszukitzeln, während den Chinesen das letzte Prozent Wirkungsgrad egal gewesen sei. Sie hätten stattdessen nur auf den Aufbau großer Produktionsvolumen gesetzt. Die US-Amerikaner hätten noch einmal eine andere Strategie gefahren und viel in Start-ups investiert. Das Risiko bei der chinesischen Strategie sei, dass die Firmen hinterher nicht ausgelastet sind. Doch die Auslastung liege bei den betrachteten Tier-1-Herstellern mit um die 88 Prozent ähnlich hoch wie bei den europäischen und japanischen Konkurrenten. Wie hoch das Risiko gewesen sei, zeige sich auch darin, dass einige chinesische Hersteller auch gescheitert seien. Im übrigen seien die Tier-2-Hersteller schlechter ausgelastet.

Henning Wichts Schlussfolgerung: „Ich finde extrem schade, dass das Solarvalley nicht mehr das ist von 2009“, sagt er. Das liege nicht daran, dass die chinesischen Photovoltaik-Hersteller besser sind, sondern daran, dass sie in ein großes Risiko gegangen seien und sich das ausgezahlt habe.

Der zweite Grund, warum die chinesischen Hersteller günstiger produzieren könnten, ist mit dem ersten Grund zwar verknüpft, lohnt aber eine extra Betrachtung. Chinesische Unternehmen hätten als erste lokale, niedrigpeisigere Lieferanten gesucht. Auch hier hätten die chinesischen Unternehmer eine andere Strategie gehabt, nämlich nicht versucht den Mercedes zu produzieren, sondern möglichst günstig zu sein. Daher seien Materialien für chinesische große Hersteller rund 30 Prozent günstiger.

Der dritte Grund liegt laut IHS darin, dass asiatische Unternehmen frühzeitig begonnen haben, sich auf das Standardprodukt multikristalline Module mit 60 Zellen zu fokussieren. Während bei japanischen und westlichen Produzenten solche Standardprodukte nur 65 Prozent der Produktion ausmachten, liege deren Anteil bei den chinesischen 81 Prozent. Das hat natürlich wiederum Rückwirkungen auf die Skalierung, die bei höherer Standardisierung einfacher ist.

Kosten sinken auf 33,5 Eurocent pro Watt bis 2019

Die Kostendegression wird bei allen Herstellergruppen weitergehen. IHS sieht bis 2019 eine jährliche Steigerungsrate für den Weltmarkt von 8,6 Prozent auf über 80 Gigawatt. Die kumulierte installierte Leistung werde sich vermutlich von heute 241 auf über 500 Gigawatt verdoppeln. Mit dem üblichen Lerneffekt bei der Steigerung der Produktion führt das zu einer jährlichen Kostenreduktion von fünf Prozent. Dann würden chinesische Solarmodule 2019 nur noch rund 38 US-Dollarcent pro Watt kosten (33,5 Eurocent), europäische 49 US-Dollarcent pro Watt (43,2 Eurocent, siehe Grafik 4, unten). Der Abstand in den Produktionskosten werde sich vergrößern, da asiatische Photovoltaik-Hersteller mehr investieren als die anderen.

Grafik 4: Kostenentwicklung wie sie IHS auf Basis seiner Prognosen für die Marktentwicklung aus der Lernkurve berechnet hat.

EU-Prosun Präsident und Solarwords Konzernsprecher Milan Nitzschke hat mit einer Art Umarmung der Studie reagiert.Er begrüße die IHS Studie. Das ist nicht ganz zu verstehen, so sieht er so gut wie jeden Punkt anders als Henning Wicht. Er sieht nach wie vor den günstigen Zugang zu Kapital als den wichtigsten Punkt an und bestreitet die Wirksamkeit der von Henning Wicht benannten drei Faktoren.

Konsens auf dem Podium bei der Vorstellung der Studie in Berlin war, dass die Handelsbeschränkungen den europäischen Herstellern nicht helfen. „Wir brauchen einen Anschluss einen an den Weltmarkt“, sagt Safe-Sprecher Holger Krawinkel. „Auch bei einem Fortbestehen der Handelszölle, wird sich die Situation nicht verbessern“.

Er schlägt einen Bogen zur Kontinentalsperre von Napoleon. Sie habe die Textilindustrie in Kontinentaleuropa eine Zeit lang geschützt, nur dass hinterher die englischen Firmen noch wettbewerbsfähiger gewesen seien. Krawinkel setzt stattdessen darauf, dass ohne Handelsbeschränkungen der europäische Solarmarkt wächst. Das sei die einzige Möglichkeit, wie der Markt derzeit einen Impuls bekommen könne. Die regionale Wertschöpfung werde dadurch auch steigen, da Modulproduktion nur ein Viertel der Wertschöpfung ausmache.

Henning Wicht schätzt es im Übrigen so ein, dass die Industrielandschaft ist nicht in Stein gemeißelt ist. So sei die vertikale Integration, dass Hersteller also alles vom Wafer bis zum Modul unter einem Dach produzieren, in einem frühen Stadium der Industrie sinnvoll. Das könne sich aber ändern. „In reiferen Industrien kommt die Spezialisierung“, sagt Wicht. „Wir sehen das zum Beispiel im Display-Geschäft“. Splittet man die Produktion auf, könnten wiederum Skaleneffekte eintreten, die Kosten und der Kapitalbedarf sinken.

Da der Solarmarkt weiterhin kontinuierlich wachsen werde, sei er für Investoren interessant. „Wir glauben, dass neue Geschäftsmodelle entstehen werden und sich die Liste der Top 10-Hersteller verändern wird wie schon in den letzten zehn Jahren“, so die Studie. Und gerade die in pv magazine veröffentlichte Analyse der Projektmodulkosten zeige, dass es auch im Prinzip ja durchaus möglich sei, außerhalb von Asien günstig zu produzieren. Bezüglich des Photovoltaik-Handelsstreits will IHS übrigens neutral bleiben. (Michael Fuhs)

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