Prozesswärme: Der schlafende Riese ist wieder wach

BVES begrüßt neuen Stakeholderdialog des BMWE – Speicher und Elektrifizierung rücken in den Fokus

Nach einer längeren Phase des Stillstands kommt Bewegung in die industrielle Wärmewende: Mit dem neuen Stakeholderdialog „Modernisierung der Prozesswärme in Deutschland“ hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) den Dialog mit Wirtschaft und Verbänden aufgenommen. Der BVES begrüßt den Neustart und bringt sich mit seiner Expertise zu Elektrifizierung, thermischen Speichern, Finanzierung und Flexibilität ein. Mit dem Dialog kommen die europäischen Impulse des ambitionierten EU Electrification Plans auch in Deutschland an.

Bei der Auftaktveranstaltung überreichten die beteiligten Wirtschaftsverbände Staatssekretär Stefan Wetzel den gemeinsamen Verbändebrief Prozesswärme, den auch der BVES unterzeichnet hat. Darin fordern 23 Wirtschaftsakteure, dass der Dialog in konkrete politische Maßnahmen münden muss. Die beteiligten Zukunftsbranchen sorgen im Rahmen der Transformation für Wertschöpfung, Arbeitsplätze und neue Exportchancen. Staatssekretär Wetzel signalisierte, die Anliegen ernst zu nehmen.

Ein zentraler Ausgangspunkt des neuen Dialogs ist die Beobachtung, dass fossile Energieträger „immer teurer“ werden, so Staatssekretär Wetzel. Neben geopolitischen Krisen spiele dabei auch der CO₂-Preis eine Rolle. Die Schlussfolgerung des BMWE: Elektrifizierung wird zum Schlüssel für die industrielle Prozesswärme. Strom kann Versorgungssicherheit, Preisstabilität und europäische Wertschöpfung ermöglichen.

„Dass die Elektrifizierung jetzt so klar als Schlüssel benannt wird, ist ein wichtiges Signal. Entscheidend ist nun, dass daraus auch ein investitionsfähiger Rahmen entsteht und die technologischen Möglichkeiten in der Industrie breiter bekannt werden“, sagt Susanne König, Mitglied des BVES-Vorstands und Mitgründerin der Kraftblock GmbH. „Unternehmen investieren heute in Anlagen, die über Jahrzehnte laufen. Sie brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, passende Finanzierungsmöglichkeiten und eine klare politische Vision für die Elektrifizierung. Thermische Speicher sind dabei unverzichtbar, um die Verbindung von Strom und Wärme zu ermöglichen.“

Wärmespeicher machen Elektrifizierung wirtschaftlich und flexibel

Die Bedeutung der Wärmewende reicht weit über die Industrie hinaus. Mehr als die Hälfte des deutschen Endenergieverbrauchs entfällt auf den Wärmesektor. Heiz- und Prozesswärme können kosteneffizient durch die Flexibilität thermischer Speicher elektrifiziert werden. Thermische Speicher koppeln den Strom- und Wärmesektor: Power-to-Heat-Anlagen wandeln elektrische Energie in Wärme um, Speicher entkoppeln Erzeugung und Verbrauch zeitlich und ermöglichen damit einen flexiblen Energiebezug von Unternehmen, ohne die Prozesse flexibilisieren zu müssen und optimieren die Abwärmenutzung.

„Die Wärmewende ist kein Zukunftsprojekt mehr, sie findet bereits statt – oft nur viel unsichtbarer, als die öffentliche Debatte vermuten lässt“, so König. „Gerade im Mittelstand wird bereits investiert, werden Prozesse elektrifiziert und Speicher eingesetzt. Dieses Know-how und diese Praxis müssen stärker in den politischen Prozess einfließen.“

Wie die politischen Rahmenbedingungen auf die Praxis der Unternehmen wirken, diskutiert der BVES seit vielen Jahren im Rahmen der Arbeitsgruppe Thermische Energiespeicher und setzt aus dem Gremium heraus wichtige politische Impulse.
„Der Austausch in der Arbeitsgruppe zeigt, dass die Technologien vorhanden sind und in der Praxis bereits viel in Bewegung ist. In vielen Unternehmen werden heute konkrete Lösungen für die Elektrifizierung von Wärme entwickelt und umgesetzt – auch mit thermischen Speichern. Gleichzeitig treffen die Unternehmen auf politische und wirtschaftliche Unsicherheiten, die Investitionen erschweren können. Wir tragen diese Erfahrungen aus der Praxis in den politischen Prozess und arbeiten gemeinsam daran, aus dem neuen Dialog konkrete Fortschritte zu entwickeln“, sagt König.

Finanzierung und Investitionssicherheit als zentrale Hebel

Im Austausch mit den für den Prozess zuständigen Referatsleitungen zeigte sich ein großes Interesse an den Voraussetzungen für die Umsetzung und der Rolle von thermischen Speichern. Neben den technologischen Möglichkeiten standen insbesondere Finanzierungsfragen, Investitionssicherheit und die richtigen politischen Signale für Unternehmen im Mittelpunkt.

Aus Sicht des BVES muss der Stakeholderdialog insbesondere Antworten auf die Frage geben, wie Investitionen in neue Prozesswärmelösungen unter realen wirtschaftlichen Bedingungen ermöglicht werden können. Der gemeinsame Verbändebrief benennt hierfür zentrale Hemmnisse: hohe Energiepreise, fehlende Netzanschlusskapazitäten und langwierige Anschlussverfahren, mangelnde Planungssicherheit, ein bislang unzureichend passendes Förderregime sowie fehlende Orientierung über Technologiealternativen. Die Unterzeichner fordern deshalb eine klare politische Strategie, die unterschiedliche Temperaturniveaus, Unternehmensgrößen und Transformationspfade berücksichtigt.

Für den BVES ist der Neustart des Prozesses deshalb vor allem ein Signal: „Wir begrüßen ausdrücklich, dass das BMWE wieder mit den Akteuren aus der Praxis an einem Tisch sitzt,“ fasst die BVES Vorständin zusammen: „Der schlafende Riese Wärmewende ist wieder geweckt. Jetzt muss er auch in Bewegung kommen.“

Fortgesetzt wird der Stakeholder Dialog im Oktober auf dem vierten BVES Investor Summit: Am Workshop “Ignoring the Elephant? Industrial Heat Is Where the Next Market Emerges” am Nachmittag des 15.Oktobers wird neben führenden Branchenakteuren auch Astrid Evert, Referatsleiterin im BMWE, teilnehmen.Der BVES – Bundesverband Energiespeicher Systeme e.V. ist die führende Stimme für Unternehmen und Organisationen aus allen Bereichen der systemischen Energiespeicherung in den Sektoren Strom, Wärme und Mobilität. Als technologieoffener Industrie-Verband ist der BVES Dialogpartner für Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Öffentlichkeit. Er bündelt die Kräfte der wichtigsten Branchenvertreter, gestaltet die öffentliche und politische Diskussion und berät bei der Ausgestaltung der politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, sowie Standards und Normen auf regionaler Ebene, Bundes- und EU-Ebene.