Der schlafende Netzanschluss: Wie aus unrentablen PV-Anlagen wieder profitable Standorte werden

Immer häufiger produzieren Solarparks dann am meisten, wenn der Strom am wenigsten wert ist. Der Löhner Speicherbetreiber aurivolt überträgt die Erfahrung aus seiner eigenen Handelsflotte auf fremde Photovoltaikanlagen und macht aus einem ungenutzten Netzanschluss eine zweite Einnahmequelle.

Es ist ein Paradox, das immer mehr Betreiber von Photovoltaikanlagen zu spüren bekommen: Ihre Anlagen liefern am meisten Strom, wenn er am wenigsten einbringt. An sonnigen Mittagen speisen Solaranlagen quer durch Deutschland gleichzeitig ein, der Börsenpreis fällt nicht selten unter null. Für neue Anlagen entfällt in solchen Stunden die Vergütung ganz. Nach Auswertung von aurivolt gab es 2025 in Deutschland 573 Stunden mit negativen Strompreisen. Ein struktureller Befund, kein Ausreißer.

Der Trend dürfte sich verschärfen. Das Analysehaus Aurora Energy Research erwartet, dass die abgeregelten Strommengen in den wichtigsten europäischen Märkten von über zehn Terawattstunden im Jahr 2024 auf rund 33 Terawattstunden bis 2030 steigen. Immer öfter wird Solarstrom vom Netz gar nicht mehr abgerufen. Für Anlagenbetreiber heißt das: Die reine Erzeugung genügt nicht mehr. Entscheidend wird, wann der Strom vermarktet wird – nicht nur, dass er erzeugt wird.

Genau hier setzt das Konzept an, mit dem der Speicherbetreiber aurivolt aus dem ostwestfälischen Löhne sein Geschäftsfeld erweitert hat. Das Unternehmen betreibt bereits eine eigene Flotte dezentraler Schwarmspeicher und handelt deren Kapazität täglich an der Strombörse EPEX Spot. Diese im eigenen Betrieb erprobte Handelsinfrastruktur bringt aurivolt nun zu bestehenden Photovoltaikanlagen, über sogenannte Co-Location.

Vom Erzeuger zum Zwischenspeicher

Bei Co-Location wird ein Batteriespeicher direkt an einer bestehenden PV-Anlage errichtet und teilt sich mit ihr den Netzanschluss. Der Solarstrom fließt dann nicht mehr zwangsläufig sofort ins Netz, sondern kann zwischengespeichert und in die Stunden verschoben werden, in denen er tatsächlich Erlöse bringt, nämlich im Day-Ahead-Handel, im Intraday-Markt oder über die Regelleistung. Zur Größenordnung: Zwischen der günstigsten und der teuersten Stunde lagen 2025 im Day-Ahead-Handel im Schnitt rund 130 Euro je Megawattstunde. Wer diese Spanne nicht nutzt, verschenkt täglich Marge.

Der eigentliche Hebel liegt für aurivolt-Gründer Markus Baumann jedoch nicht in der Technik, sondern im Betrieb. „Es macht einen enormen Unterschied, ob jemand Speicher plant oder ob er sie betreibt“, sagt Baumann. Viele Anbieter entwickelten Konzepte und zögen dann weiter. „Wir haben Haut im Spiel. Wenn unser Handelssystem einen schlechten Tag hat, spüren wir das direkt.“ Das Handelssystem sei nicht für Kunden erfunden, sondern für den eigenen Betrieb entwickelt und werde täglich mit eigenem Kapital eingesetzt. Genau diese Erfahrung, so Baumann, qualifiziere das Unternehmen für Co-Location.

Der Betreiber bringt nur den Anschluss mit

Für Anlagenbetreiber ist das Modell bewusst voraussetzungsarm angelegt. Einbringen müssen sie im Wesentlichen ihren bestehenden Netzanschluss. Planung, Bau, Betrieb und Vermarktung des Speichers übernimmt aurivolt; die erzielten Erlöse werden geteilt. Der Netzanschluss, bislang das teuerste Einzel-Asset eines Solarparks, wird damit ein zweites Mal genutzt — ohne dass der Betreiber Kapital einsetzt oder operativen Aufwand trägt.

Dieser Punkt ist auch deshalb relevant, weil der Neubau eigener Großspeicher an einer wachsenden Engstelle hängt: dem Netzanschluss. Wer eine neue Anlage anmeldet, wartet häufig Jahre auf Genehmigung und Anschluss. Co-Location umgeht diesen Flaschenhals, indem der bereits vorhandene PV-Anschluss mitgenutzt wird — ein Vorteil, der nach Baumanns Einschätzung bislang unterschätzt wird.

Ein Markt mit Tempo

Dass das Thema an Dynamik gewinnt, belegen die Marktzahlen. Nach Angaben von Aurora Energy Research waren Ende 2025 europaweit rund 6,3 Gigawatt Co-Location-Kapazität installiert — ein Zuwachs von 65 Prozent gegenüber dem Vorjahr, mehr als 60 Prozent davon Kombinationen aus Photovoltaik und Speicher. Bis 2030 rechnen die Analysten mit einem Anstieg auf etwa 35 Gigawatt. Deutschland gilt in dem Report als attraktivster Co-Location-Markt Europas — begründet mit Marktgröße, Renditepotenzial und der ausgeprägten Preisvolatilität an den deutschen Strombörsen.

Für welche Anlagen sich der Ansatz lohnt, lässt sich laut Baumann nicht pauschal beantworten. Co-Location sei kein reines Großprojekt-Thema jenseits von 20 Megawatt, sondern relevant für Freiflächenbetreiber unter Marktwertdruck, für Projektentwickler auf der Suche nach zusätzlichen Erlösen und besonders für ältere Anlagen, die aus der EEG-Förderung fallen. Das verbindende Merkmal sei ein Netzanschluss, der über viele Stunden nicht ausgelastet ist. Ob eine konkrete Anlage geeignet sei, hänge von Größe, Anschlussbedingungen und regionalem Preisprofil ab und werde individuell in einem vorab kostenlosen Ertrags-Check geprüft. Pauschalangebote, so Baumann, gebe es nicht: „Jede Anlage ist anders, jeder Netzanschluss ist anders.“