See all

Digitale Plattform richtet ein analoges Format aus. Geht’s noch?

Zentralisierung für die Dezentralisierung: Warum wir neben digitalen Schnittstellen auch den persönlichen Dialog vor Ort brauchen.
50 Hertz, Netzausbau
Foto: 50 Hertz

Wir beschäftigen uns bei Conductr jeden Tag damit, Prozesse rund um den Netzanschluss und damit verbundene Genehmigungsprozesse digital abzubilden – weil die Branche schon seit Jahren in jeder Umfrage und in jedem Vier-Augen-Gespräch fehlende Digitalisierung bemängelt. Jetzt veranstalten ausgerechnet wir im Oktober ein analoges Event zum Thema Netzanschluss in Deutschland? Das mag im ersten Moment widersprüchlich klingen, ist es für uns aber überhaupt nicht.

Während wir anfangs glaubten, „es wird um Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen gebeten, also geben wir der Branche jetzt ein digitales Tool und dann klappt alles von alleine“, sind wir mittlerweile auf dem Boden der Tatsachen angekommen: Während wir Zusammenarbeit digitalisieren, müssen wir zeitgleich weiterhin miteinander darüber sprechen, wie diese Zusammenarbeit eigentlich funktionieren soll, was die wahren Schmerzpunkte sind, ob und wie wir gemeinsam ein neues Werkzeug erlernen wollen.

Denn: Genauso regelmäßig wie den Ruf nach Veränderung erleben wir, dass die Begeisterung für Digitalisierung, für neue Wege ziemlich schnell nachlässt, sobald man dafür selbst etwas tun oder etwas anders machen muss.

Alle wollen ein CRM, niemand möchte die Daten eintragen

Das kennen wir nicht nur aus der Energiewirtschaft. Beispiel: Alle wollen ein CRM-System, nur möchte bei Einführung des Systems niemand die Kunden- und Gesprächsdaten eintragen, lieber weiterhin das eigene Notizbuch füllen.

Beim Netzanschluss bekommt dieses „Adoption“-Problem allerdings ziemliche Tragweite. Denn wir alle wollen ja eine schnelle Energiewende, wir wollen immer mehr Erzeugungsanlagen und Speicher an ein Netz anschließen, dessen Kapazitäten auch noch begrenzt sind. Gleichzeitig müssen Projektentwickler, Netzbetreiber, Zertifizierer und weitere Beteiligte in einem Prozess zusammenarbeiten, der heute an vielen Stellen alles andere als durchgängig ist.

Informationen liegen in E-Mails, Dateiordnern und PDFs. Rückfragen werden telefonisch geklärt, sofern jemand am anderen Ende den Hörer abhebt. Dokumente werden mehrfach angefordert, verschiedene Versionen hin- und hergeschickt und nicht immer ist für alle Beteiligten überhaupt ersichtlich, wo ein Vorgang gerade steht und wer als nächstes was tun muss.

Wir erleben beispielsweise Zertifizierungsanfragen, bei denen die notwendigen Unterlagen auch nach Rückfragen des Zertifizierers nicht vollständig zur Verfügung gestellt werden, weil doch noch eine Information fehlt. Und irgendwann verläuft das Projekt im Sand. An anderer Stelle wird ein Gutachten angefragt und es kommt von den angefragten Anbietern schlicht keine Reaktion. Der Projektentwickler weiß dann nicht einmal, warum.

Ein hoch reguliertes Vertrauensgeschäft

Diesen Stilblüten des Tagesgeschäfts möchten wir nach wie vor beikommen. Eine Diskussion darüber, wer schuld ist, wer die Etablierung moderner, digitaler Systeme hierzulande ausbremst, warum eben jene es nur quälend langsam in die Anwendung schaffen, greift dazu aber viel zu kurz: Die Energiewirtschaft ist eben ein hoch reguliertes Vertrauensgeschäft.

Studien zeigen, dass Präsenzveranstaltungen nach wie vor der wirksamste Kanal für den Beziehungsaufbau sind – 95 Prozent der Entscheider vertrauen einer Marke nach persönlichen Offline-Events deutlich mehr. Komplexe B2B-Prozesse lassen sich nicht vollkommen anonym über Bildschirme beschleunigen.

Zwar sind wir nach wie vor überzeugt, dass die Komplexität einer dezentralen Akteurslandschaft mit all ihren Phänomenen (siehe oben) eine übergeordnete Plattformökonomie erfordert, die technische und administrative Schritte bündelt und in standardisierte, digitale Workflows überführt. Was wir bislang aber übersehen haben, ist die persönliche Einladung als notwendige Bedingung. Also machen wir jetzt den ersten Schritt, flankieren unsere bereits existierende „digitale Welt“ und bringen interessierte und engagierte Akteure regelmäßig zusammen, um Meinungen zu hören, Signale aufzunehmen, den Gegenüber besser zu verstehen. Wir starten am 29. Oktober in Dresden: Conductr, das Energienetzwerk Mitteldeutschland und Impact Hub Dresden laden unter dem Motto „Netzanschluss. Mission: Impossible?“ zum Forum, um den ersten Schritt „vom Aneinander-Vorbeireden zum echten Dialog“ zu tun.

Gratian Permien, CEO Conductr

— Der Autor Gratian Permien ist Gründer und CEO von Conductr, einem auf einer digitalen Plattform operierenden „Realisierungs-Netzwerk für den kooperativen Netzanschluss“. —

Die Blogbeiträge und Kommentare auf http://www.pv-magazine.de geben nicht zwangsläufig die Meinung und Haltung der Redaktion und der pv magazine group wieder. Unsere Webseite ist eine offene Plattform für den Austausch der Industrie und Politik. Wenn Sie auch in eigenen Beiträgen Kommentare einreichen wollen, schreiben Sie bitte an [email protected].

Dieser Inhalt ist urheberrechtlich geschützt und darf nicht kopiert werden. Wenn Sie mit uns kooperieren und Inhalte von uns teilweise nutzen wollen, nehmen Sie bitte Kontakt auf: [email protected].

Kommentare