Studie zeigt lokalen Ladebedarf von Elektro-Lkw in Europa
Wo in Europa müssen in den nächsten Jahren Ladepunkte für Elektro-Lkw entstehen, mit welcher Leistung, bis wann? Das haben Forscher des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI und des International Council on Clean Transportation (ICCT) untersucht. Ihre Modellierung zeigt: Der Ladebedarf wird bis 2045 stark wachsen, sich aber auf eine begrenzte Zahl von Standorten konzentrieren und sich zwischen den Ländern deutlich unterscheiden.
Das Team hat die Situation in allen 27 EU-Mitgliedstaaten sowie in Großbritannien, Norwegen und in der Schweiz untersucht. Dabei haben die Experten sowohl das Depot-Laden als auch das öffentliche Laden unterwegs berücksichtigt. Den Bedarf haben sie auf einem Raster mit einer räumlichen Auflösung von rund 17 mal 20 Kilometern und in 15-Minuten-Intervallen über den Zeitraum von einer Woche modelliert.
Depotladen dominiert, öffentliches Laden bleibt wichtig
Die Studie zeigt, dass der Ladebedarf batterieelektrischer Lkw in allen untersuchten Szenarien erheblich zunimmt. In einem Szenario mit günstigen politischen Rahmenbedingungen zur Verbreitung batterieelektrischer Lkw erreicht der jährliche Ladebedarf in Europa bis 2035 rund 100 Terawattstunden und steigt bis 2045 auf etwa 200 Terawattstunden. Der höchste Bedarf wird in großen Güterverkehrsmärkten wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien erwartet.
Aus der Untersuchung geht auch hervor, dass das Depot-Laden in allen Ländern und Szenarien dominiert. In den meisten Fällen liegt sein Anteil bei mehr als 70 bis 80 Prozent des gesamten Ladebedarfs. Zugleich bleibt das öffentliche Laden unterwegs für den Fernverkehr von großer Bedeutung. In einigen kleineren Transitländern kann dies 30 bis 50 Prozent des gesamten Ladebedarfs ausmachen.
Ladebedarf konzentriert sich auf wenige Hotspots
Ein weiteres zentrales Ergebnis: Nur ein Prozent der Standorte deckt in vielen Ländern rund ein Viertel bis ein Drittel des gesamten Ladestrombedarfs. Die obersten zehn Prozent vereinen zwischen 60 und 90 Prozent des nationalen Ladebedarfs auf sich. Der Ladebedarf von Elektro-Lkw konzentriert sich somit auf eine vergleichsweise kleine Zahl von Standorten – insbesondere entlang wichtiger Güterverkehrskorridore, an Autobahnkreuzen sowie in Ballungsräumen und Industriezentren.
„Unsere Analyse zeigt, dass der Ladebedarf für Elektro-Lkw in Europa nicht gleichmäßig über Länder und Regionen verteilt entstehen wird. Vielmehr konzentriert er sich auf bestimmte Güterverkehrskorridore, Industriestandorte und Logistikzentren“, sagt Steffen Link, Wissenschaftler am Fraunhofer ISI und Hauptautor des Berichts. Beim Ausbau der Infrastruktur und bei der Netzplanung sollten deshalb jene Gebiete im Mittelpunkt stehen, in denen der Bedarf besonders sicher und hoch ist. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass die dafür notwendige Netzinfrastruktur mit dem raschen Umstieg auf batterieelektrische Lkw nicht Schritt hält.
Forscher empfehlen Förderung für Laden in Depots
Die Studie weist außerdem auf erhebliche lokale Spitzenlasten hin. In größeren Ländern mit hohem Güterverkehrsaufkommen erreichen die am stärksten belasteten Gebiete häufig Spitzenwerte zwischen 20 und 50 Megawatt. Dies betrifft vor allem Regionen mit einer hohen Dichte an Logistikzentren. Nach Einschätzung der Autoren verdeutlichen die Ergebnisse, dass künftige Herausforderungen für die Stromnetze zunächst an einzelnen Hotspots und nicht gleichmäßig über die nationalen Stromsysteme verteilt auftreten dürften.
Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass sich der künftige Infrastrukturausbau auf prioritäre Standorte, flexible und vorausschauende Netzausbaupläne sowie passgenaue nationale Strategien konzentrieren sollte. Insbesondere empfehlen die Autoren, das Laden in Depots als Rückgrat der Ladeinfrastruktur für batterieelektrische Lkw zu fördern und zugleich in Transitregionen eine gezielte öffentliche Ladeabdeckung sicherzustellen.
„Für den Übergang hin zu emissionsfreien Lkw reichen pauschale Infrastrukturziele nicht aus. Politik und Infrastrukturbetreiber benötigen ein wesentlich genaueres Verständnis davon, wo Ladebedarf entsteht und wie er sich im Zeitverlauf verändert“, sagt Hussein Basma, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim ICCT und Mitautor des Berichts. Die Identifikation der prioritären Standorte ermögliche eine vorausschauende und wirksame Netzplanung.
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